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Im Reich der Mitte

Personalführung auf Chinesisch

Von Steffi Sammet



Glücksgriff für Ingenieure? China hat Bedarf
22. April 2008 
Junge chinesische Ingenieure auf Jobsuche haben es nicht leicht, wenn sie sich bei Philipp Bergmann vorstellen. Um zu testen, ob die Nachwuchstechniker ideal zu seinem Arbeitgeber passen, nutzt der 37 Jahre alte Maschinenbauingenieur gerne mal ungewöhnliche Methoden. Während der Vorstellungstermine im südchinesischen Kunshan führt der Angestellte des deutschen Papiermaschinenherstellers Voith seine Bewerber oft in die Werkstatt. Dort schöpft er mit seinen Händen fettiges Maschinenöl aus einer Produktionsanlage und hält es den Berufsneulingen mit der Frage unter die Nase, ob das Öl noch verwendbar sei.

"Viele zucken zurück und verraten so, dass sie kaum praktische Erfahrung in einer Papiermaschinenwerkstatt gesammelt haben", schildert Bergmann die Reaktion der Chinesen. Einige wüssten gar nicht, wie eine Maschine für Papierproduktion aussehe. Die Personalsuche gestaltet sich sehr schwierig, da er sich sogar bei den Kandidaten, die an der Universität Nanjing Papiertechnik studiert haben, nicht sicher sein kann, ob sie ausreichend qualifiziert seien. "Das Ausbildungssystem in China hat ganz andere Zeit- und Qualitätsmaßstäbe als in Deutschland." Im Fall von Bewerbern mit Berufserfahrung steht Bergmann ebenfalls vor einem Problem, dass er von zu Hause nicht kennt: "In China werden keine Arbeitszeugnisse ausgestellt. Im Bewerbungsgespräch fängt man daher bei null an."

Unfreiwillige Personalmanager

20 neue Fachkräfte und Manager soll der Hamburger aktuell für seinen Arbeitgeber im Reich der Mitte finden. Die Suche kostet Bergmann "viel Zeit und Energie": "Das ist eine der größten Herausforderungen, die ich hier meistern muss", betont er. Seit Oktober 2007 ist Bergmann für den Aufbau des neuen Geschäftsbereichs Walzenservice für die Papierindustrie für die Voith Paper in Schanghai verantwortlich.

Seit der wirtschaftlichen Öffnung haben sich in China mehr als 4500 deutsche Unternehmen angesiedelt. Oft müssen ihre angestellten Ingenieure für sie nicht nur neue Fabrikstandorte und Produktionsanlagen aufbauen, sondern auch Managementaufgaben übernehmen - wie eben die Suche nach lokalen Mitarbeitern. Ob in der Personalsuche, der Qualitätskontrolle oder den Verhandlungen mit den örtlichen Behörden: nahezu unisono erklären die meisten deutschen Ingenieure, dass sie in China Problemen gegenüberstehen, die viel Flexibilität und Kreativität von ihnen verlangen - sowohl beruflich als auch privat.

Voith-Manager Bergmann entdeckt nicht nur durch die Entwicklung kniffliger Fragen für Bewerbungsgespräche neue Seiten an seinem Job. "Die Dynamik, die hier herrscht, fordert einen enorm", schildert er. So wolle Voith möglichst zeitnah von dem Wirtschaftsboom in China profitieren. Dafür dürfe er aber beim Aufbau und der Einführung des neuen Geschäftsfeldes den hohen qualitativen Anspruch des Unternehmens nicht aus den Augen verlieren. "In Deutschland funktionieren Prozesse meistens, wenn sie einmal durchgängig definiert sind. In China dagegen ändern sich Regularien für Maschinenimport oder Zahlungsverkehr im Wochentakt", klagt Bergmann. Einen Wiederholungseffekt scheine es nicht zu geben.

Arbeitsanweisungen bis ins kleinste Detail

"Um ihn zu erzwingen, entwickeln wir für China Arbeitsanweisungen und Qualitätssicherungsdokumente in einer Detailtiefe, die so in Europa nicht existiert." Bergmann schildert ein weiteres Beispiel: "Ein frisch gebackener deutscher Maschinenschlossergeselle weiß, wie man ein Kugellager auseinanderbaut. In China schreiben wir das auf." Fast jeden Tag geht der Maschinenbauingenieur die notwendigen Prozesse für den Aufbau des Geschäftsfeldes gedanklich durch, um Fehlerquellen früh zu erkennen. "Man braucht eine andere Leistungsfähigkeit als in Deutschland - man lernt, alles latent im Kopf zu behalten."

Wie Bergmann entdeckt auch Verfahrenstechniker Peter von Zumbusch, dass er sich neue Verhaltensweisen aneignet. Der Vierundvierzigjährige ist seit Herbst 2005 für den Aufbau und Betrieb der chinesischen Produktionsstandorte des Münchner Chemie-Unternehmens Wacker verantwortlich. Verhandlungen mit den örtlichen Behörden stehen daher fast täglich im Kalender. "Da darf man nicht ungeduldig werden, nur weil man das Motiv des Gesprächspartners nicht auf Anhieb versteht oder er nicht ,ja' oder ,nein' sagt", beschreibt der Ingenieur. Ein derartiges Verhalten hätte nur negative Effekte. Die Konsequenz für von Zumbusch: "Ich muss akzeptieren, dass ich chinesisch denken muss."

Bis spät in die Nacht telefonieren

Um herauszufinden, was die eigenen Mitarbeiter oder die Beamten in den Behörden tatsächlich wollten, reiche es nicht wie in Deutschland, ein Gespräch mit ihnen zu führen. "Wenn ich beispielsweise morgen einen Mitarbeiter auf eine neue Position befördern würde, bekäme ich nie ein ,nein' von ihm, wenn er die Aufgabe nicht übernehmen will", erklärt der Wacker-Manager. Nach ein paar Wochen allerdings würde der Mann möglicherweise kündigen. "Bevor ich ihm also den Job anbiete, muss ich mit seinen Kollegen über ihn sprechen und mir sehr viele Hintergrundfragen für das Gespräch überlegen, um sicherzugehen, dass ich ihm mit dem Angebot wirklich das anbiete, was er möchte."

Die viele Zeit, die von Zumbusch in Hotels, Verkehrsstaus und langwierigen Verhandlungen verbringt, erschwert den Ausgleich von Privatleben und Arbeit. Sein Arbeitstag zieht sich auch durch die Zeitverschiebung von sechs Stunden in die Länge. Oft führt er abends noch lange Telefonate mit dem deutschen Stammhaus. Für die meisten Ingenieure in China ist es selbstverständlich, dem Unternehmen quasi rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen. Auch Voith-Manager Bergmann arbeitet oft 60 Stunden pro Woche - und auch ihm ist es wichtig, mit seiner Tochter Johanna möglichst viel Zeit zu verbringen. Daher setzt er alles daran, sein Zeitmanagement straff zu planen. "Wenn es mir nicht gelingt, diese Herausforderung zu meistern", erklärt er nüchtern, "bin ich nicht der Richtige für den Job hier in China."

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
 
 
   
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