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Großkanzleien

Im Zweifel für den Mann

Von Heinrich Wefing



In Unterzahl: Gruppenbild mit zwei Damen aus der Fernsehserie "L.A. Law"
12. Juli 2006 
Die Zukunft gehört den Frauen. Heißt es. Spätestens in ein paar Jahren, wenn der demographische Wandel die Arbeitsmärkte leer gefegt haben wird und hochqualifizierte junge Leute zur raren Spezies geworden sind, müsse auch der konservativste Personalchef gut ausgebildete Damen umgarnen, ihnen innovative Karrieremuster maßschneidern und weiblichen Bewerbern überhaupt jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Noch freilich ist es nicht soweit. Noch gibt es ganze Berufsfelder, die frauenfreie Inseln gleichen und von ihren männlichen Bewohnern hartnäckig verteidigt werden. Große deutsche Rechtsanwalts-Kanzleien sind solche Reservate der Männlichkeit.

Man muß nur einmal die Briefköpfe oder die Internetauftritte der international operierenden Sozietäten mit ihren zungenbrecherischen Namensketten und eigentümlichen Akronymen durchsehen, um die Lage zu erkennen. Frauen tauchen dort nur vereinzelt, beinahe aus Versehen, auf. Die Fachzeitschrift „Juve“ hat unlängst in einer Studie herausgefunden, daß kaum zehn Prozent der Partner in großen deutschen Kanzleien Frauen sind. Mancherorts sind es nicht einmal drei Prozent. Wie viele dieser Partnerinnen neben dem Beruf auch eine Familie haben, ist kaum erforscht. Aber manches deutet darauf hin, daß es sich bei den Müttern innerhalb der ohnehin kleinen Gruppe der Partnerinnen wiederum um eine Minderheit handelt.

Dabei geht es gar nicht um bewußte Benachteiligung

Zwar werden mittlerweile auch in den elitären Wirtschaftssozietäten häufiger als noch vor ein paar Jahren junge Anwältinnen eingestellt, aber wenn es um den Eintritt in die Partnerriege geht, also um Einfluß auf die Kanzleipolitik und sehr viel Geld, dann funktionieren immer noch die alten Ausschlußmechanismen. „Glass Ceiling“ heißen solche informellen Trennlinien zwischen Spitze und Mittelbau im amerikanischen Sprachgebrauch, „Glasdecke“ zu deutsch, unsichtbare Barrieren also, an denen der berufliche Aufstieg für Frauen endet. Wer nichts von ihnen weiß, wird sie kaum erkennen. Wer sie aber zu durchstoßen versucht, kann sich böse verletzen.

Dabei geht es gar nicht um bewußte Benachteiligung. Viel wichtiger sind Traditionen, Netzwerke, hergebrachte Rollenmuster und schlichte Vorurteile. So gehört es zum gern gepflegten Selbstbild der Wirtschaftsjuristen, ständig erreichbar sein zu müssen für die Mandanten, rund um die Uhr, selbstverständlich auch am Samstag und Sonntag. Kinder, die abends zu Bett gebracht werden wollen, Kinder, die auch einmal krank werden können, Kinder, die schlicht nicht im Takt dieser mörderischen Omnipräsenz funktionieren, stören da vermeintlich nur. Dabei sollten doch eigentlich die in Großkanzleien üblichen Gehälter ausreichen, Heerscharen von Nannys zu beschäftigen.

Dabei sind die besten Juristen weiblich

Nun sind institutionelle Beharrungskräfte nirgends leicht zu überwinden, und Almosen darf in der Ellenbogenwelt der Top-Kanzleien ohnehin niemand erwarten. Erstaunlich ist nicht, daß sich viele Kanzleien sträuben, mehr Partnerinnen aufzunehmen. Erstaunlich ist vielmehr, daß sie es tun, obwohl sie damit offenkundig den eigenen Interessen schaden. Die besten Juristen nämlich sind weiblich. Sowohl im ersten wie im zweiten Staatsexamen liegen die Prüfungsergebnisse der angehenden Juristinnen durchweg deutlich vor denen ihrer männlichen Mitbewerber. In der Justiz und in kleineren Anwaltskanzleien hat sich das längst bemerkbar gemacht. Dank Förderprogrammen und ungerührter Karriereplanung haben sich Frauen beispielsweise die Hälfte aller Nachwuchsrichterstellen erobert.

Ausgerechnet dort aber, wo intellektuelle Brillanz vergöttert wird und Traumnoten hoch bezahlt werden, in den Kanzleien, die Millionendeals begleiten, wird auf die Fähigkeiten der Juristinnen bislang verzichtet. Wie diese Institutionen, die sich als exquisite und strikt ergebnisorientierte Dienstleister verstehen, ihren Mandanten auf Dauer erklären wollen, daß sie ihnen die besten Juristen geradezu systematisch vorenthalten, ist schwer zu sagen. Die Beflissenheit allerdings, mit der die für Personalentwicklung innerhalb der Großkanzleien verantwortlichen Männer über eine bessere „work-life-balance“ sprechen und beteuern, Juristinnen seien hoch willkommen, verrät ein schlechtes Gewissen - und Ratlosigkeit.

Dabei geben sie sich doch als Problemlöse-Profis

Man setze nicht auf Quotenregelungen oder kanzleiweite Förderprogramme, heißt es häufig ausweichend, sondern auf individuelle Lösungen. Es gebe da zum Beispiel im Stuttgarter Büro - oder war es in Düsseldorf? - eine junge „Equity Partnerin“, die für sich ein Teilzeitmodell entwickelt habe, das prima funktioniere. Erst im vertraulichen Gespräch räumen die Juristen ein, daß die Kanzleien sich extrem schwer tun, hochqualifizierte, engagierte Juristinnen, die gleichwohl nicht auf Kinder verzichten wollten, in ihre Arbeitsabläufe und in ihr Selbstverständnis zu integrieren. Für Leute, die sich als professionelle Problemlöser vermarkten, ein ziemlich bitteres Eingeständnis.

Mit großer Aufmerksamkeit wird daher verfolgt, was sich anderswo, zumal in den Vereinigten Staaten, tut. Ein vielzitiertes Beispiel ist die „No Glass Ceiling Initiative“ des Anwaltsvereins von San Francisco. Mittlerweile sechsundsiebzig „law firms“ und Rechtsabteilungen haben sich rings um die Bucht von San Francisco öffentlich verpflichtet, dafür zu sorgen, daß mindestens ein Viertel ihrer Partner weiblich sind. Laut der letzten Umfrage aus dem vergangenen Sommer haben fast zwei Drittel der Teilnehmer dieses Ziel tatsächlich erreicht, ein deutlicher Fortschritt gegenüber 2003, und ein drastischer Unterschied zu den landesweiten Zahlen: im amerikanischen Durchschnitt sind nur sechzehn Prozent der Partner Frauen.

Der Erfolg der Initiative hat rasch Nachahmer gefunden; mittlerweile gibt es ein ähnliches Vorhaben für ganz Kalifornien, und Anwaltsvereine und Juristinnen-Verbände suchen das Modell auch auf andere Städte und Bundesstaaten Nordamerikas zu übertragen. Nichts spricht dagegen, daß ein System aus Selbstverpflichtungen, öffentlicher Kontrolle und publikumsträchtigen Festakten, bei denen die erfolgreichsten Kanzleien ausgezeichnet werden, nicht auch hierzulande funktionieren könnte. In San Francisco jedenfalls ist die Teilnahme an der „No Glass Ceiling Initiative“ längst zu einem Aushängeschild für die engagierten Kanzleien geworden. Gute Werbung.

Text: F.A.Z., 12.07.2006, Nr. 159 / Seite 33
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [5]
Herr Birg... 14.07.2006, 17:50
H.Birg und seine Frauen 14.07.2006, 14:42
Herr Braun 13.07.2006, 19:36
 
   
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