Sebastian Niedner ist Weltmeister im Rückwärts-Langsamfahren. Dabei handelt es sich um eine der vielen Disziplinen der Einrad-Weltmeisterschaft, die zuletzt im neuseeländischen Wellington stattfand. Der 16 Jahre alte Münchner setzte sich in seiner Paradedisziplin gegen rund hundert Mitbewerber durch. Im FAZ.NET-Interview spricht er über die Schwierigkeit der Langsamkeit, blaue Flecken und seinen Vorwärtsdrang.
Beim Langsam-Rückwärtsfahren geht es darum, über ein Brett von zehn Meter Länge und 30 Zentimeter Breite so langsam wie möglich rückwärts zu fahren ohne stehen zu bleiben oder vom Brett zu fallen. Bei der WM hat das in 56,38 Sekunden geklappt.
Es geht noch langsamer, mein Weltrekord liegt bei 72,75 Sekunden. In Neuseeland waren die Bedingungen aber richtig schlecht. Zwei Meter vor dem Ende hat mich fast eine Windböe vom Brett gefegt. Das konnte ich gerade noch so ausbalancieren.
Ich setze mich vorher immer hin, schaue mir die Bedingungen an und überlege, wie schnell oder, besser gesagt, wie langsam ich darüber fahren kann. Weil man alleine fährt, muss man von Anfang an alles geben, denn man weiß nie, wie gut die anderen sind. Und manchmal riskiert man dabei auch zu viel, bleibt stehen oder fällt runter.
Das war nur die kurze Windböe am Ende, ansonsten waren die Bedingungen fair.
Klar klingt das komisch, aber wenigstens ist man der langsamste Mann mit einem Weltmeistertitel.
Man lernt dabei viel über die richtige Balance. Und das hilft einem auch sonst weiter.
Ich weiß schon gar nicht mehr genau, wie viele Disziplinen es waren. So zwölf oder dreizehn müssten es gewesen sein. Dabei habe ich sogar auf Einrad-Basketball verzichtet, weil das Finale nicht in den Terminplan gepasst hat. Das war wirklich manchmal ganz schön happig. Gerade beim Cross Country, da mussten wir zum Beispiel 14 Kilometer und über 600 Höhenmeter zurücklegen. Eine anspruchsvolle Strecke, und das bei den heißen Temperaturen.
Zu Hause habe ich über fünfzehn Einräder. Für den Wettkampf reichen aber fünf. Und bei denen muss dann eigentlich jedes Detail stimmen: Reifendruck, Sattelhöhe oder die Pedaleinstellung. Wenn der Unterschied nicht zu groß ist, dann kann man sich schnell auch an ein fremdes Rad gewöhnen. Falls aber doch, dann kann man nur auf Sicherheit fahren und muss sich leider von richtig guten Zeiten verabschieden.
Mit neun habe ich zum Geburtstag mein erstes Einrad geschenkt bekommen. Ich habe geübt und geübt, bin aber trotzdem ständig hingefallen. Das war echt demotivierend. Irgendwann habe ich es das Rad in die Ecke gepfeffert. Ein halbes Jahr später habe ich es noch mal probiert und irgendwann hat es dann geklappt.
Mit blauen Flecken leben. Bei manchen Sprungtricks schlagen die Pedale öfter mal gegen das Schienbein. Gute Koordination und Körperbeherrschung sind ebenso wichtig wie eine gute Ausdauer. Und manchmal muss man einfach mal drauflosfahren und ausprobieren.
Fußball kam eigentlich nie in Frage, das machen doch alle. Einradfahren hat etwas Exotisches. Da kann man noch etwas erobern, sich eigene Tricks ausdenken. Das gefällt mir.
Einradfahren wird immer populärer werden und auch professioneller. Das sieht man jetzt schon bei der WM: Es gibt inzwischen sogar schon mehrere gesponserte Fahrer. Natürlich sind viele nur zum Spaß dabei, aber für manche ist es mehr als nur ein Hobby. Das ist richtiger Leistungssport.
Rückwärts habe ich jetzt den Titel, in Zukunft möchte ich es auch mal vorwärts probieren. Da bin ich momentan aber noch um Weiten schlechter.

Das Gespräch führte Katharina Blum.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Privat