Wissenschaftsgeschichte

Nur wer sich öffnet, kann sich behaupten

Von Joachim Treusch

Herausforderung der UdSSR an den Westen: Sputnik I

Herausforderung der UdSSR an den Westen: Sputnik I

02. Dezember 2008 Vor fünfzig Jahren: Sputnik I, die Herausforderung der UdSSR an den Westen, ist in der Atmosphäre verglüht, Explorer 1 in den Weltraum gestartet, die Nasa gegründet. In den Gymnasien der noch jungen Bundesrepublik diskutieren Primaner Heisenbergs „Weltformel“, über die sie aus der Presse wissen.

Die dreißig westdeutschen Universitäten mit ihrer im Mittel dreihundertjährigen Geschichte sind für weniger als zweihunderttausend Studenten Stätten relativ ruhiger Gelehrsamkeit. Man lernt eifrig und glaubt an eine gute Zukunft. Das deutsche Forschungssystem fängt an, Form zu gewinnen: die Fraunhofer-Gesellschaft für angewandte Forschung sucht sich ihren Platz, die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben den ihren bereits.

„Der Weltraum ist noch größer“

Die seit drei Jahren souveräne Bundesrepublik darf sich wieder mit Kerntechnik befassen und tut es auch. Drei große Forschungszentren werden gegründet und beginnen arbeitsteilig nuklear zu forschen. Kurt Rudzinski, ein auch von Werner Heisenberg, dem Papst der deutschen Wissenschaftsszene, als satisfaktionsfähig eingeschätzter Wissenschaftsjournalist startet die Seite „Natur und Wissenschaft“ in der F.A.Z. mit einem Artikel unter der Überschrift „Der Weltraum ist noch größer“. Darin berichtet er von jüngsten Beobachtungen, die den Durchmesser des optisch erfassbaren Weltraums auf eher acht als vier Milliarden Lichtjahre und das Alter des Kosmos auf eher zehn als fünf Milliarden Jahre festlegen.

Die DFG gibt eine Denkschrift „Zur Lage der Physik“ heraus, in der Departments als Alternative zu Fakultäten propagiert werden, eine Idee, die durch den späteren Nobelpreisträger Mössbauer ihren entscheidenden Schub erhalten wird. Viel Zukunftsglaube in der Wissenschaft! Langsam keimen Ängste auf angesichts der Entwicklung des Vietnam-Krieges, dessen Ausweitung zum atomaren Krieg niemand mit Sicherheit auszuschließen wagt. Der Philosoph Karl Jaspers liegt mit seinem gerade veröffentlichten Buch „Die Atombombe und die Zukunft der Menschheit“ auf den Weihnachtstischen der Abiturienten.

Institutsbesetzungen sind an der Tagesordnung

Seine Einleitung ist auch aus heutiger Sicht hochinteressant: „Eine schlechthin neue Situation ist durch die Atombombe geschaffen. Entweder wird die gesamte Menschheit physisch zugrunde gehen, oder der Mensch wird sich in seinem sittlich-politischen Zustand wandeln. (. . .) Aber Philosophie und Politik sollten sich treffen.“ Die Realität ist stärker. Der sittlich-politische Wandel steht aus. Aber immerhin: Das Gleichgewicht des Schreckens sorgt für die Verhinderung des Einsatzes atomarer Waffen.

Das ist nicht genug für die Jugend, die sich gegen Tradition und Autorität, gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung aufzulehnen beginnt. Die Achtundsechziger treiben den Muff von tausend Jahren aus den Talaren und den Hörsälen. An den hessischen Traditionsuniversitäten in Marburg und Frankfurt treibt die „Revolution“ fast noch wildere Blüten als an der FU Berlin. Institutsbesetzungen sind an der Tagesordnung, gesprengte Vorlesungen Normalität. Die Bell Labs, weltberühmte Nobelpreis-Schmiede und adelnde Durchgangsstation so mancher deutschen Physikerkarriere, wird als „Mutter der Kriegsforschung“ (Bell = bellum) verunglimpft, eine geradezu atemberaubende, aber immer wieder verbreitete Assoziation. Daniel Cohn-Bendit zu erleben ist ein Erlebnis. Adorno sieht das anders.

Tschernobyl, Waldsterben und der Treibhauseffekt

Der frische, oft raue, manchmal heftig verletzende Wind bewegt etwas, was bewegt werden muss. Die Zahl der deutschen Universitäten erhöht sich in den folgenden zehn Jahren um mehr als das Doppelte. Viele Neugründungen entwickeln sich im Geiste eines neuen pragmatischen Liberalismus, halten die eingeführte „Drittelparität“ gut aus, kreieren moderne Studiengänge, verkürzen die Studiendauer, zeigen erste Ansätze interdisziplinärer Begegnung. Max-Planck-Institute werden in Departmentstruktur gegründet, Großforschungseinrichtungen verstärken unter dem neidisch-wachsamen Auge der Hochschulen ihre Verbindung zu ebendiesen. Eine gute Entwicklung, aber eine andere Gefahr droht: Die Wissenschaftsgläubigkeit der Nachkriegszeit schlägt um in eine Vertrauenskrise.

Hans Mohr benennt sie auf der Seite „Natur und Wissenschaft“: Zum einen ist da die zu hohe Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und der Politik an kurzfristige Problemlösungsbeiträge der Wissenschaft, zum anderen der Verlust an Glaubwürdigkeit, der dadurch entsteht, dass Wissenschaftler sich als selbsternannte Fachleute zu Feldern äußern, in denen ihre Kompetenz die eines Laien nicht übersteigt. Die Kernenergiedebatte vor wie nach Tschernobyl ist dafür ebenso beredtes Beispiel wie die Debatte über das Waldsterben oder den Treibhauseffekt.

Es ist eine schöne Pointe

Bemerkenswert, wie schließlich die nuklear orientierten Forschungszentren den politisch programmierten Ausstieg aus der Kerntechnik vorantreiben. Ihre erlernte Fähigkeit, Forschung in Teams zu organisieren, hilft ihnen bei der Umstellung. Kooperation über die Grenzen von Fächern, Institutionen und Nationen hinweg ist hier schon in den achtziger Jahren als der Schlüssel zur Lösung der großen, die Menschheit langfristig bedrohenden Probleme zu erkennen. Das wird nicht von allen erkannt, geschweige denn ausgerechnet den Großforschungszentren zugetraut.

Die F.A.Z. prägt das Epitheton von den „morschen Kähnen“, das in seiner Bildhaftigkeit so überzeugend ist, dass es lange für die richtige Beschreibung der Wirklichkeit gehalten wird. Es ist eine schöne Pointe, dass es aus der gleichen Zeit stammt, in der Peter Grünberg in Jülich die Basis für seinen Nobelpreis legt. Er erhält ihn fast zwei Jahrzehnte später. Schneller ist Klaus von Klitzing. Er beendet nur fünf Jahre nach seiner Entdeckung des Quanten-Hall-Effektes die lange Stockholmer Durststrecke für die deutsche Wissenschaft und leitet damit 1985 eine förmliche Sturzflut von Nobelpreisen ein. Die Politik glaubt plötzlich, sie habe alles richtig gemacht.

Zum Schaffen blühender Landschaften braucht es Geld

Viel Gutes hat sie in der Tat getan oder, was auch viel ist, nicht behindert. In dieser Situation einer gewissen selbstgefälligen Erstarrung des Systems bricht die Wiedervereinigung über die deutsche Forschungslandschaft herein wie ein unerwartetes Unwetter. Zum Schaffen blühender Landschaften braucht es Geld, auch in der Wissenschaft. Umverteilung ist angesagt, aber auch strukturelle Diskussion. Zu verschieden sind die Systeme in Ost und West. Der Wissenschaftsrat erhält die heikle Aufgabe, das Forschungssystem und die Forschungseinrichtungen der ehemaligen DDR zu bewerten und Strukturvorschläge zu machen. Es wird das Wort des Vorsitzenden des Wissenschaftsrats zitiert: „Wie im Westen so auf Erden“. Das Zitat klingt glaubwürdig. Die Akademie der Wissenschaften wird zerschlagen. Drei neue Großforschungseinrichtungen, einige neue Max-Planck-Institute und Forschergruppen werden gegründet.

Die Akademie der Naturforscher Leopoldina, die in vierzig Jahren DDR ihren Charakter nicht verleugnet hat und ein Hort des freien internationalen Austauschs geblieben ist, hat alle Chancen, nationale Akademie der neuen Bundesrepublik zu werden. Sie nimmt sie mit gehörigem Zeitabstand wahr.

Studentenströme haben ihre eigene Dynamik

Wie zu erwarten, weckt die empfundene Ungleichbehandlung zwischen neuen und alten Bundesländern eine Welle strukturellen Neids. Konsequent bricht eine von der Politik induzierte Flut von Evaluationen über die Einrichtungen der „alten“ Republik herein. Die „Republik der Räte“ wird gegeißelt. Es gibt Gegenbewegungen: Die Großforschungseinrichtungen, die sich besonders herber Kritik erwehren müssen, machen den Anfang, bilden sie in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren HGF einen engeren Verbund, berufen einen Senat, koordinieren ihre Arbeit und ihre Außendarstellung. Die Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste WBL, viele Jahre in Unauffälligkeit kaum sichtbar, entwickelt vornehmlich in den neuen Ländern Selbstbewusstsein und neue Kraft. Da auch die Max-Planck-Gesellschaft und Fraunhofer-Gesellschaft in den Jahren nach der Vereinigung zunächst alle Kräfte auf ihre eigene Konsolidierung richten, ist es nur natürlich, dass die Klage über die Vielfalt und „Versäulung“ der deutschen Forschungslandschaft heftig neue Nahrung erhält.

Die Hochschulen, inzwischen vom zweiten Studentenberg fast erdrückt, könnten zwar in den neuen Ländern ein weit besseres Betreuungsverhältnis bieten als das katastrophale Verhältnis von 1:60 im Westen, aber die Studentenströme haben ihre eigene Dynamik. Viele bürokratische Altlasten, Folgen der Achtundsechziger-Revolution, hängen den Hochschulen noch an. Das Bildungssystem Deutschlands schneidet im internationalen Vergleich weder quantitativ noch qualitativ gut ab.

„Holt Max Planck zurück!“

Mitte der neunziger Jahre legt die Bundesregierung das Ministerium für Bildung und Wissenschaft mit dem Ministerium für Forschung und Technologie zusammen in dem Versuch, die erkennbaren strukturellen Probleme anzupacken. Der Spielraum, den die föderale Verfassung dem Bund lässt, ist eng begrenzt. Der Regierungswechsel des Jahres 1998 bringt ein wenig von der Planungseuphorie der siebziger Jahre zurück. Erste Änderungen werden „Top down“ verfügt. So wird das Forschungszentrum für Informationstechnik in einem ministeriellen Überraschungscoup aus der Helmholtz-Gemeinschaft in die Fraunhofer-Gesellschaft zwangsversetzt. Das Beispiel weckt Begehrlichkeiten.

Eine Diskussion zwischen Universität und außeruniversitärer Forschung entzündet sich. Unter dem Titel „Holt Max Planck zurück!“ bietet ein renommierter Physiker als Rezept für Elite-Universitäten die Rückgliederung der Max-Planck-Institute, der Helmholtz-Zentren und der Leibniz-Institute in die Universitäten an. Unter der Überschrift „Kooperation statt Kannibalismus“ weist ein Vertreter der Großforschung, ebenfalls Physiker, darauf hin, dass Verschiedenheit der Partner eine der Grundvoraussetzungen für gemeinsame Fruchtbarkeit ist. Einig sind sich beide, dass es Raum gibt für Verbesserung der Zusammenarbeit. Und sind nicht die Ergebnisse der Exzellenzinitiative ein beredtes Beispiel dafür, dass dieser Raum gefüllt werden kann? Gewinner sind in jedem Fall Dialog und Kooperation.

Der sicherste Wechsel auf eine lebenswerte Zukunft

In dieser Idee, der Notwendigkeit zum Dialog, sind sich kurz vor der Jahrhundertwende, die eine Jahrtausendwende ist, alle deutschen Wissenschaftsorganisationen einig. Angeregt vom Stifterverband wird die gemeinsame Initiative „Wissenschaft im Dialog“ ins Leben gerufen, die den groß angelegten Versuch macht, Wissenschaft unter die Leute zu bringen. Es ist müßig, mit dem Chor der Kritiker dieser Initiative darüber zu rechten, welche Wirkungen auf welche Ursachen zurückzuführen sind. Klar scheint, dass fünfzig Jahre nach der ersten Wissenschaftsseite in einer deutschen Tageszeitung das Format Wissenschaft in der Öffentlichkeit und in den Medien einen bemerkenswert breiten Raum einnimmt.

Dieser Wechsel in der Wahrnehmung der Wissenschaft ist es, der die Politik ermutigen sollte, gerade jetzt – in wirtschaftlicher Krisensituation – die Steigerung der Bildungs- und Forschungsanstrengungen konsequent weiterzutreiben. Zum einen gibt es die erkennbaren und erkannten Notwendigkeiten, die im Zeitalter der Globalisierung auf der Hand liegen: Zusammenarbeit über die Grenzen von Fächern, Institutionen, Nationen und Generationen hinweg. Zum anderen gibt es die sichere Erwartung öffentlichen Beifalls, die beflügeln sollte. Philosophie und Politik sollten sich treffen. Denn: Förderung von Bildung und Forschung ist der sicherste Wechsel auf eine lebenswerte Zukunft.

Joachim Treusch, Jahrgang 1940, ist Präsident der privaten Jacobs University Bremen. Er ist Physiker und seit fast vierzig Jahren als leitender Wissenschaftsmanager an Universitäten, Fachgesellschaften, Akademien und am Forschungszentrum Jülich tätig gewesen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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