Von Michael Obert
05. Oktober 2003 Fünfzehn Milliarden Kubikmeter Wasser scheinen zwischen der Frage und der Antwort zu stehen. Als Mungo Park, der schottische Arzt und Entdecker, im Jahre 1805 die Gegend von Bussa in Nordnigeria erreichte, standen hier Dörfer und Paläste am Ufer des Flusses Niger. Heute liegt alles auf dem Grund des Kainji-Sees - versunken im Schlamm, unerreichbar. "Keine Angst", sagt Garba Woru: "Wir werden es herausfinden. Bald werden Sie wissen, wie Mungo Park gestorben ist."
Woru, der Berater des Emirs von Bussa, wickelt seinen Turban straffer, während das Kanu in nordöstlicher Richtung über die riesige Wasserfläche schaukelt, die der Niger hinter der Staumauer bildet. Woru hat gepflegte Hände, lange, feingliedrige Finger, die an der weißen Seide zupfen wie an einem Musikinstrument. Es fällt ein wenig schwer, seinem Blick standzuhalten. Seine Augen sehen in verschiedene Richtungen.
Auf der Suche nach dem Lauf des Nigers
Der Emir persönlich hat Woru beauftragt, den Fremden zurück in die ruhmreiche Epoche Bussas zu geleiten, in jene Zeit, da Bussa noch Teil des Borghu-Reichs war und in einem Atemzug mit den mächtigen Zentren im Innern Afrikas genannt wurde, mit Timbuktu, Sokoto, Kano. Damals kam auch Mungo Park nach Westafrika, besessen vom Wunsch, das Rätsel um den Verlauf des Nigers zu lösen, des drittlängsten afrikanischen Flusses, von dem man damals weder wußte, wo er entsprang, noch wo er mündete. Park trieb an Timbuktu vorbei und soll in den Stromschnellen von Bussa ertrunken sein. Die genauen Umstände seines Todes zählen zu den großen Geheimnissen der afrikanischen Entdeckungsgeschichte. "Wir werden es herausfinden", wiederholt Woru in langgezogenen Silben.
Mungo Park ist eine Legende. Nicht erst seit sich T. C. Boyle von der Biographie des Abenteurers zum Erfolgsroman "Wassermusik" inspirieren ließ. Und nicht nur in Europa und Amerika. Die Alten von Bussa erzählen noch immer Parks Geschichte, und an den Ufern des Niger kennt den Bauernsohn aus dem schottischen Fowlshields heute, 200 Jahre nach seinen Reisen, jedes Kind.
Im Kainji-See versunken
Nach einer Odyssee durch halb Westafrika erreichte Park in seinem Boot die Stadt Yawuri, die heute auf der anderen Seite des Stausees liegt. Dort ließ er, einer rätselhaften Laune folgend, seinen Führer Fatouma zurück und reiste ohne ortskundige Begleitung weiter. Parks Geschenke sollen den Emir von Yawuri nicht erreicht haben, woraufhin der Herrscher dem Weißen bewaffnete Reiter nachgesandt habe. "Zum Dorf Bussa in der Nähe des Flusses", berichtet Fatouma später. Dort sollen die Soldaten Parks Boot angegriffen haben - von einem Felsen, "der quer über die gesamte Breite des Flusses" gelaufen sei, in der "Form eines Tores". Fatoumas Bericht muß seither häufig als offizielle Version der Ereignisse herhalten.
Das Kanu des Emirs läuft mit einem Knirschen auf den Strand von Malali, einem Fischernest am Ufer des Kainji-Sees. Woru begrüßt den Sarkin Gwata, den Herrn des Wassers, von Old Bussa. Bevor der Ort im Stausee untergegangen ist, war der Alte mit den Ziernarben und dem dichten weißen Haar für alle Belange des Nigers verantwortlich, für den Fischfang ebenso wie für die Verehrung der Flußgeister. "Einen solchen Felsen hat es hier nie gegeben", kommentiert der Sarkin Gwata den historischen Bericht. Woru übersetzt ins Englische. So wie Fatouma es erzählt hat, sei es nicht gewesen.
Aber wie war es dann?
"Wir sind am Niger aufgewachsen wie unsere Väter und deren Väter", sagt der Sarkin Gwata, als habe er die Frage überhört. "1968 haben sie den Damm gebaut. Er hat uns den Großen Fluß genommen." Der Alte seufzt beim Gedanken an die vierzigtausend Menschen, die damals nach New Bussa umgesiedelt wurden, in eine Kleinstadt aus Zement und Wellblech, die heute zwanzig Kilometer vom Ufer des Stausees entfernt in der Hitze brütet. Die Regierung hat Licht versprochen, sauberes Wasser, Bewässerungstechnik für die Felder, sogar eine Fabrik für Konservenfisch. "Leere Worte", sagt der Sarkin Gwata. "Nichts als leere Worte."
Mittlerweile ist der See überfischt, ein Großteil der Nigerfauna - Krokodile, Seekühe, Flußpferde - ist ausgestorben, die fruchtbaren Überschwemmungsflächen des Nigers sind untergegangen, und im gestauten Wasser nisten gefährliche Krankheiten. Ein hoher Preis für den Fortschritt, dafür, daß der Damm jetzt Strom für Nigeria liefert. Meistens stehen die Generatoren des Kainji-Damms still. Die Turbinen verrotten. Die Wartung ist teuer, und in Bussa fehlt es an Geld - wie fast überall im mit 123 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Zwar zählt Nigeria zu den größten Ölexporteuren der Welt, dennoch leben fast drei Viertel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit ist außerordentlich hoch, die Inflation rast, die Infrastruktur ist miserabel, die Versorgungslage ebenfalls.
Viele sind Christen - Ungläubige
Das Kanu bleibt am Ufer des Kainji-Sees zurück, und der Sarkin Gwata geht auf einem Pfad voran. Hinter der verfallenen Residenz der britischen Kolonialbeamten schälen sich einige strohgedeckte Hütten aus dem Busch: Alt-Bussa heute. Nur ein einzelner Junge hockt auf einer umgedrehten Badewanne aus Gußeisen. Er strahlt die Fremden an und trommelt ein Lied auf dem Wannenboden. Die Prägung ist noch lesbar: Shanks, Made in Britain, 1.12.1855.
Die Aussicht vom Felsen über Alt-Bussa ist schön auf eine schlichte Art: karge Berge, weit ausgreifende Baobabs, die vom Wind geriffelte silberne Scheibe des Sees. "Der See ist leer, doch es kommen immer mehr Fischer", klagt der Sarkin Gwata. "Sogar aus Mali, Niger und Kamerun. Viele sind Christen - Ungläubige." Wie er das Wort herauskläfft, ist bezeichnend für die gespannte Lage im Vielvölkerstaat. Knapp die Hälfte der Nigerianer sind Muslime und leben vorwiegend im Norden. Im Süden dominieren Christen und Anhänger traditioneller afrikanischer Religionen. Diese Teilung verkompliziert noch die ohnehin komplizierte Situation in einem Land, in dem rund 400 Minderheiten das politische Gewicht in den Händen der drei großen Volksgruppen - Haussa/Fulbe, Yoruba, Ibo - als drückendes Joch empfinden.
Abgeholzte Wälder, verseuchtes Wasser
Die im Nigerdelta erwirtschafteten Erdölmilliarden fließen außer Landes, in die Taschen korrupter Politiker; den vielen kleinen Ethnien bleiben meist nur abgeholzte Wälder und verseuchtes Wasser. Immer wieder flammen Unruhen auf. Von der Scharia, die zwölf nordnigerianische Gliedstaaten eingeführt haben, erhofft man sich dort eine bessere Welt. Das islamische Recht gilt vielen als Gegenmodell zu den westlichen Konzepten, die in Nigeria versagt hätten.
Der Sarkin Gwata scheint in seine Erinnerungen versunken wie Old Bussa im See. "Unsere Väter waren dabei, als der Schotte starb", sagt er schließlich. "Es geschah unterhalb von Bussa, im Abschnitt, den wir Bubaro nennen. Die Stromschnellen waren gefährlich. Als der Emir von Bussa von der Ankunft der Weißen hörte, schickte er seine Leute; die sollten die Fremden warnen. Doch die Weißen verstanden die Sprache nicht; sie schossen, statt zu antworten, die Bussawa schossen zurück. Die Lage der Weißen wurde aussichtslos. Sie kippten alles über Bord und sprangen schließlich selbst ins Wasser: Der Fluß hat sie geholt - alle bis auf einen Sklaven."
Auf dem Weg zurück zum Ufer rekapituliert Woru, während sein rechtes Auge die Vergangenheit und sein linkes die Gegenwart zu durchleuchten scheint. Fatoumas historischer Bericht weise gravierende Schwachstellen auf, stellt er fest. Den von ihm beschriebenen Felsen habe es nie gegeben, die Soldaten aus Yawuri auch nicht. Die Version des Sarkin Gwata sei glaubwürdig, schließt Woru, während der Bootsmann das Kanu über die Stengel der Wasserhyazinthen stakt. Immerhin habe er den Fluß wie kein anderer gekannt; immerhin gehöre er einer Generation an, in der die mündliche Überlieferung noch funktioniert habe.
Die Völker müssen miteinander sprechen
Offen bleibt, warum die Leute von Bussa tatsächlich zum Fluß kamen und wer zuerst geschossen hat. Wer wollte aus heutiger Sicht schon gerne den berühmten weißen Forscher auf dem Gewissen haben? Es ist nachgewiesen, daß Park dazu übergegangen war, auf alles zu schießen, was sich ihm näherte. Möglicherweise hat er die Warnungen der Bussawa falsch verstanden. Von da an wäre es nur noch ein kleiner Schritt zur Eskalation gewesen. Wer auch immer zuerst geschossen hat: Park und seine Leute starben wohl, weil sie sich nicht mit den Einheimischen verständigen konnten. "Die Völker müssen miteinander sprechen", sagt Woru. "Sonst kommt es zu schlimmen Mißverständnissen."
Der Außenbordmotor schnattert wieder gleichmäßig. Das Kanu hält auf einen einzelnen Strauch mitten im See zu. Er wächst auf einem Zementsockel dicht unter der Wasseroberfläche. Rötliche Steine schimmern herauf. "Der Strong Room", sagt Woru wehmütig, und seine Augen drehen sich schnell, als falle es ihnen schwer, sich zwischen den Zeiten zu entscheiden. "Der Turm - er diente als königliche Schatzkammer."
Fast gleichzeitig tauchen Woru und der Sarkin Gwata ihre Hände in den See und legen sie vorsichtig auf den rötlichen Stein. So vorsichtig, als befürchteten sie, der Turm könne durch die leichte Berührung einstürzen und mit ihm die letzte Verbindung hinunter in die Vergangenheit gekappt werden. "Der Stein fühlt sich kalt an", sagt Woru leise. "Aber er ist noch immer da."
Dann schließt der Berater des Emirs die Augen, und für einen Moment scheint es, als fänden sie unter seinen Lidern zusammen, als blickten sie in ein und dieselbe Richtung.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.10.2003, Nr. 40 / Seite V1
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