Musikindustrie

„Es gibt nie mehr einen Aufschwung im CD-Geschäft“

Jörgen Larsen freut sich auf den Rest des Jahres

Jörgen Larsen freut sich auf den Rest des Jahres

22. April 2005 Jörgen Larsen, 63 Jahre, ist beim weltgrößten Musikkonzern Universal Music für das Geschäft in 77 Ländern außerhalb Nordamerikas verantwortlich. Der Däne ist seit mehr als 30 Jahren im Musikgeschäft und arbeitete lange Zeit für CBS und später Sony Music. Universal hat Musiker wie U2, Eminem und die deutsche Band „Juli“ unter Vertrag.

Herr Larsen, im ersten Quartal ist der Weltmusikmarkt Schätzungen zufolge um fast 10 Prozent geschrumpft, während sich vergangenes Jahr eine Erholung abgezeichnet hatte. Ist der Aufschwung schon wieder vorbei?

Wir sind nach der langen Krise der vergangenen Jahre zwar alle ein bißchen paranoid geworden und blicken wie gebannt auf jede Marktbewegung. Aber ich glaube, diese Schwäche ist Zufall. Der Zeitraum seit Jahresanfang ist zu kurz, um daraus zu schließen, daß der Markt sich wieder nach unten dreht.

Kaufen denn zumindest die Deutschen wieder mehr CDs?

Das Geschäft hier läuft seit Jahresanfang erheblich besser. Wir haben zum ersten Mal seit fünf Jahren ein kleines Plus im Musikmarkt. Das ist sehr erfreulich, denn die Umsätze in Deutschland haben in den vergangenen Jahren stärker gelitten als in den meisten anderen Ländern - es gingen ja mehr als 40 Prozent verloren.

Wo wird der Musikmarkt Ende des Jahres stehen?

Wir werden weltweit wohl kaum wachsen, weil die Umsätze in wichtigen Ländern wie Japan und Frankreich noch immer schrumpfen. Ich rechne deshalb weltweit bei den physischen Tonträgern wie CDs mit einem kleinen Rückgang von vielleicht 3 bis 4 Prozent. In Deutschland könnten wir, wenn es gut läuft, plus minus null rauskommen. Das wäre ein gutes Ergebnis.

Wann geht es wieder aufwärts?

Wenn wir erstens wieder genügend interessante neue Musik herausbringen und zweitens endlich einen signifikanten Anteil der Verluste im CD-Geschäft mit dem Download-Musikvertrieb ausgleichen können. Aber das wird noch einige Jahre dauern. Denn klar ist: Im CD-Verkauf wird es nie mehr einen signifikanten Aufschwung geben. Wir müssen also warten, bis der digitale Markt sich entwickelt.

Kürzlich hat Ihr Konkurrent EMI gefordert, im Online-Vertrieb höhere Preise zu verlangen als die bisher üblichen 99 Cent je Lied. Ist das durchsetzbar?

Natürlich ist der Musikdownload billiger, als uns lieb ist, denn es gibt viele, die daran mitverdienen wollen. Zum Beispiel die Telekommunikationsunternehmen beim mobilen Download. Aber ich glaube nicht, daß die Leute bereit sind, mehr zu bezahlen. Wir wollen ja schließlich erreichen, daß sie Musik nicht mehr illegal herunterladen. Wenn wir mehr verlangen, sagen sie vermutlich: Das ist mir zu teuer.

Die Frage ist nur, ob die Musikindustrie mit den derzeitigen Preisen auf Dauer überleben kann.

Wir können wahrscheinlich damit leben, wenn der Umsatz einmal viel höher ist als heute. Zur Zeit machen Downloads nur 1,5 Prozent von unseren Erlösen aus. Wir brauchen mindestens 20 bis 25 Prozent. Bei der großen Zahl illegaler Musikanbieter im Internet werden wir soweit aber wohl erst in vier oder fünf Jahren sein.

Die Versuche der Plattenkonzerne, den kostenlosen Internet-Tausch von Musik gerichtlich zu stoppen, waren bisher weitgehend vergeblich.

Wir haben Erfolge. In Australien steht ein Prozeß gegen den illegalen Online-Musikanbieter Kazaa kurz vor dem Urteil. Ich bin mir ziemlich sicher, daß Kazaa in zwei Monaten zugemacht wird. Das ist allerdings zugegebenermaßen eher ein moralischer Sieg, weil es noch zu viele andere Anbieter gibt.

In Deutschland hat die Musikindustrie einen besonders schweren Stand. Warum waren hier die Verluste so groß?

Meine Erklärung dafür ist, daß die Manager, die hier bis vor kurzem die Plattenfirmen geleitet haben, seit Jahren keine gute Arbeit geleistet haben. Deutsche Musik mit deutschen Texten ist seit mindestens zehn Jahren vernachlässigt worden. Die Plattenfirmen waren faul. Die Leute wollen Musik in ihrer eigenen Sprache hören, und das hat man hier mit wenigen Ausnahmen nicht angeboten. Zum Glück hat sich das mittlerweile mit Bands wie etwa „Juli“ oder „Wir sind Helden“ ANTWORT: geändert. Wenn die Musik wirklich gut ist, dann wollen die Leute sie auch legal kaufen, statt sie im Internet kostenlos herunterzuladen.

Wenn der Nachholbedarf so groß ist, investiert Universal jetzt mehr Geld in deutsche Musiker?

Das nicht, aber auch nicht weniger. Und wir haben mehr Mitarbeiter als früher, die sich darum kümmern. In Berlin haben wir dafür mehr als 60 Leute. Das ist weltweit eine der größten Abteilungen für ein lokales Musikrepertoire. Wir sind allerdings bei der Auswahl der Künstler wählerischer geworden, denn die Qualität muß besser werden, sonst verkaufen wir nichts. Früher hatten wir rund 80 deutsche Pop- und Rock-Musiker unter Vertrag, jetzt sind es etwa 60.

Möglicherweise steht die nächste Kürzungsrunde bei den großen Musikkonzernen ja schon bevor: Werden sich nach Bertelsmann Music Group (BMG) und Sony Music auch EMI und Warner Music zusammenschließen?

Ich kann dazu nur sagen, daß es nicht unnatürlich wäre, wenn sie es versuchen würden, denn sie wären zusammen so groß wie Universal Music. Ich kann mir gut vorstellen, daß sie einen Anlauf nehmen, aber ob es klappt, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht sagen die Wettbewerbsbehörden ja: Jetzt reicht es mit den Zusammenschlüssen.

Wie wichtig ist es überhaupt, groß zu sein?

Es macht einen Riesenunterschied, ob Sie 25 Prozent Marktanteil haben oder 11 Prozent. In der Herstellung, im Vertrieb und in der Verwaltung zum Beispiel. Bevor Universal sich Ende der neunziger Jahre mit der damaligen Polygramm zusammenschloß, hatten beide Unternehmen zusammen rund 15000 Mitarbeiter, heute sind es 10500. Außerdem ist gerade in einem schrumpfenden Markt wie in den vergangenen Jahren Größe wichtig, weil sie dann mehr Substanz haben, von der sie zehren können.

Wäre für Universal ein Schulterschluß mit einem Partner aus der Unterhaltungselektronik- oder der Computerbranche nicht sinnvoll?

Nein. Ich war lange bei Sony, und die hingen auch dem falschen Glauben an, daß man, wenn man Musik- und Filmproduzenten besitzt, die Entwicklung im Markt für Unterhaltungselektronik bestimmen kann. Das funktionierte überhaupt nicht, weil ihr Marktanteil im Mediengeschäft viel zu klein war.

Es kursierte auch schon das Gerücht, Apple, der Hersteller des populären Musikspielers I-Pod, wolle Universal kaufen.

Es gab eine Überlegung dazu auf seiten von Apple, die war aber nicht befriedigend. Der Preis stimmte nicht. Es wäre ja auch blöd gewesen, gerade dann, wenn die Branche am Tiefpunkt ist, ein Musikunternehmen zu verkaufen. Universal hätte Apple aber ohnehin nicht groß weitergeholfen. Wir haben nur ein Viertel vom Weltmarkt - drei Viertel haben andere Musikfirmen.

Das Gespräch führte Marcus Theurer.



Text: F.A.Z., 22.04.2005, Nr. 93 / Seite 25
Bildmaterial: version

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