Schleichwerbung

Jetzt hat die ARD ihr Watergate

Von Michael Hanfeld

Nix wie weg: Im “Marienhof“ reist man gerne

Nix wie weg: Im "Marienhof" reist man gerne

02. Juni 2005 Das Phänomen ist bekannt, die ganze Branche steht unter Verdacht, es dauernd zu tun, doch ist die Beweislage in diesem einen Fall extrem und erdrückend: Über zehn Jahre hinweg wurde nach den Recherchen des Journalisten Volker Lilienthal in der ARD-Vorabendserie „Marienhof“ massiv schleichgeworben.

Was der Leitende Redakteur des Nachrichtendienstes epd medien in jahrelanger Recherche, zum Teil undercover und unter massiven juristischen Angriffen herausgefunden hat, ist kaum zu glauben, aber wahr: Ausgerechnet in ihrer erfolgreichen Seifenoper „Marienhof“, die seit fast dreizehn Jahren auf Sendung ist, wurde „mindestens zehn Jahre lang systematisch rechtswidrige Schleichwerbung betrieben“.

Einen solchen Fall hat es noch nicht gegeben

Im Angebot war offenbar so ziemlich alles, was man sich wünschen kann: versteckte Werbung für Produkte, Dienstleistungen und Themen. Auf der Kundenliste der Agentur H+S, die das sogenannte „Placement“ vertrat, finden sich Teppichbodenhersteller, der Deutsche Tanzlehrerverband und der Filmverleih UIP. Ihnen wie vielen, vielen anderen soll angeboten worden sein, direkt auf Inhalt, Handlung und Dialoge der Serie Zugriff zu bekommen - einen solchen Fall von inhaltlicher Korruption dürfte es in der deutschen Medienlandschaft noch nicht gegeben haben.

Nach den Erkenntnissen von epd medien hatte die Produktionsfirma Bavaria Film, welche die Serie „Marienhof“ im Auftrag der ARD herstellt, von Mitte der neunziger Jahre an „einer kommerziellen Vermittlungsagentur erlaubt, gegen stattliche Honorare verdeckte Werbung von Industrie und Interessenverbänden zu akquirieren“. Zehn sogenannte „Placements“ schlugen mit 175.000 Euro zu Buche. Von den dadurch eingespielten Summen, die sich im Laufe der Jahre auf stattliche Millionenbeträge hochrechnen lassen, habe nicht nur die Agentur profitiert, sondern auch die Bavaria, bestätigte der Geschäftsführer der Produktionsgesellschaft, Thilo Kleine.

Die gesamte ARD unter Druck

Da die Bavaria eine mehrheitlich öffentlich-rechtliche Tochterfirma ist - getragen von MDR, SWR und WDR -, kommt die gesamte ARD unter Druck. Nicht nur, daß sie eine solche Enthüllung in dem Augenblick nicht gebrauchen kann, da bekannt wird, daß sie in Karlsruhe gegen die jüngste Gebührenerhöhung Verfassungsbeschwerde einlegen wird.

Sie hat obendrein, gemeinsam mit dem ZDF und unterstützt von den Bundesländern, gegenüber der EU-Kommission, die in einem Beihilfeverfahren nach der Transparenz ihrer Finanzen fragt, dargelegt, wie wunderbar angeblich ihre Kontrollgremien funktionieren und daß bei ihren kommerziellen Nebentätigkeiten alles mit rechten Dinge zugeht. Ob man das in diesem Fall wird behaupten können? Sieht es nicht eher aus, als habe die ARD nun - da in Amerika die Identität von „Deep Throat“ gelüftet worden ist - ihr eigenes Watergate?

Man schaut in einen Abgrund

Wenn man die Fälle studiert, die der Rechercheur Lilienthal zusammengetragen hat, schaut man in einen Abgrund. Seinen Erkenntnissen zufolge war der Höhepunkt der laut Staatsvertrag verbotenen Praktiken im „Marienhof“ im Mai 2003 erreicht, als die Produktion ein neues Reisebüro als Spielkulisse eröffnete, das dem realen Vorbild „L'Tur“ täuschend ähnlich sieht, angefangen bei der Markenfarbe Magenta bis zum firmeneigenen Werbeslogan „Nix wie weg“.

Zehn Wochen lang wurden eifrig Last-Minute-Angebote angepriesen, bis eine ARD-Redakteurin auf die Sache aufmerksam wurde und von dem damaligen Produzenten Stephan Bechtle verlangte, dies abzustellen. Zufällig ausgewählt, so die Recherchen von epd, war die Kulisse nicht. Internen Unterlagen der Placement-Agentur zufolge, war über den „L'Tur“-Laden ein Vertrag abgeschlossen worden. Und in Dialogen wurden die Vorzüge von Billigreisen noch und nöcher erwähnt. Kostprobe: „Bei Andrea gibt es richtig geile Luxusreisen für total wenig Geld. Hotel mit Vollpension, Flug und allem Drum und Dran.“

Die Vorzüge der Erdgasheizung

Oder wie wäre es mit einem Schulwettbewerb zum Thema „Energie sparen“? Kein Problem: Dafür gibt es im „Marienhof“ die Figur des Klempnermeisters Töppers, der von den Vorzügen einer Erdgasheizung zu schwärmen weiß, Auftraggeber war - wie dem Rechercheur Lilienthal gegenüber bestätigt wurde - der Zentralverband Sanitär-Heizung-Klima, der angegeben habe, mit der Schwestergesellschaft der Firma H+S mit dem innigen Namen „Kultur+Werbung“ bei mehreren „Marienhof“-Staffeln zwischen 1994 und 1998 zusammengearbeitet zu haben.

Das rundliche Logo des Verbands taucht bis in diese Tage in Szenen auf. Kollege Töppers kennt sich jedoch nicht nur in Heizungsdingen aus, er weiß auch um die Qualität von Teppichböden: „Laß uns dann doch wenigstens die Wohnung mit Teppichboden auslegen, das hatte ich immer schon mal vor. Teppichboden bedeutet weniger Staub, schluckt Geräusche, sieht tadellos aus und erleichtert unserem Nachwuchs die ersten Gehversuche.“ Welcher Autor läßt sich solche Sätze einfach so einfallen? Wohl kaum jemand, beim „Marienhof“ steckte, wie epd medien gegenüber bestätigt wurde, die „Arbeitsgemeinschaft textiler Bodenbelag dahinter“.

Es ging auch um Politik

Doch es ging bei den „Placements“ im Marienhof nicht nur um materielle Dinge, es ging auch um Politik. Wie etwa bei dem Auftritt des türkischen Gemüsehändlers Sülo Özgentürk in der Episode vom 23. April 2004. Er dozierte vor einer Schulklasse, was doch alles für einen EU-Beitritt der Türkei spreche. Sein Heimatland bemühe sich um demokratische Reformen und die Emanzipation der Frau: „Die Harems sind abgeschafft - ich glaube wir können bei der Gleichberechtigung hoffen“, sagte er und: „Ich denke, die Türkei braucht einen starken Partner in den Punkten Menschenrechte und Wirtschaftsangelegenheiten. Und diesen Partner sucht sie auch, und so jemanden stellt die EU vor.“

Wer kann da zum EU-Beitritt der Türkei noch nein sagen? Von den Schülern im „Marienhof“ jedenfalls niemand. Was ganz im Sinne des Verbands Türkischer Unternehmer und Industrieller in Europa e.V. sein dürfte. Diesem sollte, wie die Recherchen von epd medien ergeben, seitens der Agentur „Kultur+Werbung“ eine Plazierungsofferte gemacht werden. Die Anfrage, ob der Handel zustande kam, wurde nicht beantwortet.

Verbotene Pharmawerbung

Dokumentiert ist auch ein Placement-Fall bei der ARD-Ärzteserie „In aller Freundschaft“, hergestellt von der Saxonia Media, einer Tochtergesellschaft der Bavaria. Dort soll es im Zeitraum 2002/03 „in mindestens neun Fällen verbotene Pharmawerbung“ gegeben haben. Drehbuchintegrierte Krankheitsbilder wie Alzheimer, Asthma, Epilepsie, Fatigue Syndrom, Morbus Fabry und Multiple Sklerose seien jeweils Anlaß gewesen, um über bestimmte Medikamente oder Wirkstoffe zu sprechen. Ein internes Planungspapier, das epd medien vorliegt, benennt Episoden, Sendedaten und Pharmakunden, die für bis zu 30.000 Euro pro Folge bedient worden sein sollen.

Bei seinen Nachfragen zu der erdrückenden Indizienlast stieß Volker Lilienthal zumeist auf eine Mauer des Schweigens. Er hat an diesem Fall drei Jahre lang gearbeitet und unzählige Schleichwerbefälle aufgelistet. Er hat sie Stück für Stück dokumentiert und in den Geschäftsunterlagen der Placement-Agentur, die von dem ehemaligen Schauspieler Andreas Schnoor geführt wird, bestätigt gefunden. Das Schweigen bei den Auftraggebern und bei den Autoren, die die Handlungsstränge schließlich ausführen und die Dialoge schreiben mußten, konnte Lilienthal jedoch durch eine aufwendige verdeckte Recherche aufbrechen - die für ihn selbst von hohem Risiko war und schließlich sogar dazu führte, daß er vor dem Münchner Oberlandesgericht am 20. Januar dieses Jahres ein Grundsatzurteil (Aktenzeichen 6 U 3236/04) erfocht, das für den Enthüllungsjournalismus insgesamt von großer Bedeutung ist.

Krimi mit ungewissem Ausgang

Die Recherche selbst nämlich war ein echter Krimi - mit zwischendurch sehr ungewissem Ausgang. Es begann damit, daß Vertreter eines Wirtschaftsverbandes so taten, als seien sie an den Angeboten der Placement-Agentur H+S interessiert. Sie ließen eine freie Mitarbeiterin der Agentur ins Haus kommen und sich haarklein erzählen, wie das Placement im „Marienhof“ funktioniert. Um Beispiele für eine erfolgreiche Zusammenarbeit war sie nicht verlegen. Ihre Gesprächspartner aber waren nur zum Schein interessiert und zeichneten das Gespräch auf.

Da dieses Gespräch aber schon einige Jahre alt war und der Rechercheur Lilienthal wissen wollte, ob die Sache bis in unsere Tage andauert, machte er die Probe aufs Exempel: Bei H+S tauchte ein fiktiver Kunde auf, der „Sneakers“, Sportmodeschuhe für junge Leute, im Programm unterbringen wollte. Es gab ein schriftliches Angebot, im Zehnerpaket, das H+S empfahl, hätte die Sache besagte 175.000 Euro gekostet. Projektunterlagen der Firma weisen übrigens zweihundert verschiedene Hersteller und Interessenverbände als Kontakte auf.

Verklagt wegen der Recherche

Doch was passierte, als Lilienthal die Firma H+S mit den Ergebnissen seiner Recherche konfrontierte? Er und ein Recherchepartner wurden vor dem Münchner Landgericht wegen ihrer Methode der verdeckten Recherche verklagt. Es dauerte zwei Jahre, bis der Autor - dessen Prozesse zunächst verlorengingen - sein Rechercherecht vom Oberlandesgericht bestätigt bekam.

Das OLG stellte fest, daß sich ein Journalist bei einer nach presseethischen Standards zulässigen verdeckten Recherche Dritten gegenüber als Unternehmensberater ausgeben darf, der er nicht ist, wenn die Gesamtumstände ergeben, daß er allein aufgrund journalistischer Interessen handelt. Auch sei erlaubt, das durch Dritte heimlich mitgeschnittene Wort zu verwenden. Die Interessen des Journalisten und der Allgemeinheit an der Aufdeckung von Mißständen im Zusammenhang mit Schleichwerbung überwögen, so das OLG, etwaige schutzwürdigen Interessen desjenigen, der ein solches Angebot unterbreite. (Nachzulesen ist das Urteil im Internet unter der Adresse http://www.kanzlei-prof-schweizer.de/.)

Ringen um Fassung

Doch kommen wir zurück zu den Verantwortlichen, die höchst alarmiert sind und um Fassung ringen. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Bavaria, Reinhard Grätz, der zugleich Chef des Rundfunkrats im WDR ist, sagte dieser Zeitung, daß aufgrund der Vorwürfe eine Sonderprüfung der Bücher angeordnet wurde, bestellt wurde dafür eine andere als die von der Bavaria sonst konsultierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. „Wir versuchen mit Hochdruck aufzuklären, was womöglich aufzuklären ist“, sagte Grätz, die Revisoren des MDR und des SWR seien auch schon an der Arbeit. Bisher sei es wohl nicht nur ihm unbekannt gewesen, daß es neben der klassischen Schleichwerbung so etwas wie die hier aufgezeigte Themenwerbung gebe.

„Ich bin hochgradig alarmiert“, sagte Grätz, zumal er nach dem Werbeskandal im ZDF - den übrigens auch der epd-medien-Chef Lilienthal aufdeckte - davon ausgegangen sei, daß in seinem Einflußbereich alles in Ordnung sei. Doch gehe er nun davon aus, daß so etwas wohl auch „bei anderen Produktionen anderer Gruppen“ passiere. Es müsse wohl auch eine Grundsatzdiskussion her. Der Programmdirektor des Ersten, für das „Marienhof“ produziert wird, Günter Struve, sagte, daß der ARD die Agenturen H+S und „Kultur+Werbung“ und auch die Zusammenarbeit mit der Bavaria nicht bekannt gewesen seien. Der Produktionsvertrag verbiete ausdrücklich jegliche Form von Product Placement, die Sanktionsmöglichkeiten des Auftraggebers seien weitreichend, „da es sich um einen Betrugsgegenstand handeln könnte“.

Eine Presseerklärung als Witz

Sanktionen zu fürchten hätte vor allem die Bavaria, die gestern erst einige Zeit brauchte, um auf die Recherchen zum „Marienhof“ zu reagieren und dann eine Pressemitteilung verschickte, die man angesichts der Vorwürfe nur als Witz bezeichnen kann. „Aufgrund journalistischer Anfrage im April 2005“, heißt es da, seien die Gesellschafter der Bavaria Film „auf vermutete Kooperationen mit Dritten aufmerksam geworden“.

Sie hätten daraufhin bei der Geschäftsführung eine „sofortige, umfassende Untersuchung der Vorgänge veranlaßt“. Inzwischen habe die Geschäftsführung zum Sachverhalt eingehend berichtet, demnach habe es „in den vergangenen Jahren Placement in beschränktem Umfang in Produktionen gegeben, entgegen den Regelungen des jeweiligen Produktionsvertrags. Allerdings bei weitem nicht in dem von epd vermuteten Volumen.“ Unzulässige Kooperationen seien künftig ausgeschlossen.

Journalistische Anfragen erst im April 2005? Das mag für die Gesellschafter der Bavaria stimmen, doch wurde bereits im Mai 2003 der Bavaria-Chef Thilo Kleine von dem Rechercheur Lilienthal angefragt, der ehemalige „Marienhof“-Produzent Stephan Bechtle brach ein vereinbartes Gespräch mitten im Satz ab und der Vertreter des WDR als Gesellschafter und Geschäftsführer der ARD-Werbung, Achim Rohnke, wußte laut epd im Mai 2003 um die Reiseladen-Ausstattung der Serie. Ob die Bavaria und die hinter ihr stehenden Sender glauben, so leicht davonzukommen? Schwamm drüber und weitersenden? Man mag es nicht glauben.

Text: F.A.Z., 02.06.2005, Nr. 125 / Seite 40
Bildmaterial: ARD/R.M. Reiter, ARD/R.M.Reiter, MDR/Axel Berger

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