Internet-Telefonie

„Die Menschen sollen kostenlos telefonieren“

Von Holger Schmidt

Niklas Zennström, Skype-Chef

Niklas Zennström, Skype-Chef

11. April 2005 Niklas Zennström ist ein zurückhaltender, fast schüchterner Mensch. Doch der Schwede ist ein Spezialist darin, mit seinen Ideen ganze Industrien ins Wanken zu bringen. Zuerst hat er die Musikbranche mit seiner Tauschbörse Kazaa ins Trudeln gebracht.

Mit seiner neuen Firma Skype hat er nun die Telekommunikationskonzerne im Visier: „Die Telefonie wird aus den Telefongesellschaften verschwinden. In zehn Jahren werden diese Unternehmen mit Telefongesprächen keinen Umsatz mehr machen“, sagt Zennström im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Statt dessen werden in zehn Jahren alle Telefonate über das Internet geführt werden - mit dem feinen Unterschied, daß Gespräche im Netz so gut wie nichts mehr kosten. „Das ist unser Modell für die Zukunft: Die Menschen sollen kostenlos telefonieren. Skype kann die Gespräche kostenlos anbieten, weil es uns auch nichts kostet“, sagt Zennström. Internet-Telefonie ist aber nicht nur billig, sondern auch erweiterbar: „Künftig lassen sich zusätzlich zum Gespräch auch Bilder oder Texte übertragen. Wir arbeiten auch daran, Videotelefonie bald im Angebot zu haben“, sagt Zennström.

Die wohl am schnellsten wachsende Internetfirma der Welt

Internet-Telefonie: Nicht nur billig, auch erweiterbar

Internet-Telefonie: Nicht nur billig, auch erweiterbar

Von einem Großraumbüro im Londoner Stadtteil Soho aus steuert Zennström die wohl am schnellsten wachsende Internetfirma der Welt: „Zur Zeit hat Skype 33 Millionen Nutzer. Jeden Tag kommen 150.000 Nutzer dazu“, sagt Zennström, der den Hype um Skype geschickt antreibt. Rastlos schließt er Kooperationen mit anderen Unternehmen, um die Einsatzfelder für Skype zu erweitern: Motorola baut die Skype-Software künftig in seine Mobiltelefone ein, Siemens hat eine Funkverbindung zwischen Computer und seinen Telefonen entwickelt, und Plantronics und Logitech bauen spezielle Kopfhörer für die Internet-Telefonie. Weitere Kooperationen mit Telefon- und Handyherstellern zielen vor allem in eine Richtung: „Skype wird mobil.

Heute ist die Internet-Telefonie meist an den Breitbandanschluß zu Hause gekoppelt. In den kommenden Jahren wird die Internet-Telefonie in die Mobiltelefone verlagert“, erwartet Zennström. Erste Schritte auf dem Weg hat der Schwede bereits unternommen: Die Skype-Software läßt sich nicht nur auf Personalcomputern, sondern auch auf kleinen Taschencomputern (Pocket PC) installieren. Zudem wurde eine Zusammenarbeit mit dem kleinen Handyhersteller I-Mate geschlossen, um das Handy mit der Internet-Telefonie zu verknüpfen. Die mobilen Geräte können über lokale Funknetze (W-Lan), später über deren Erweiterung Wimax oder die dritte Mobilfunkgeneration UMTS mit dem Internet verbunden werden. Kooperationen mit Betreibern der W-Lan-Netze sollen kostenfreie Skype-Telefonate auch unterwegs möglich machen.

Der größte Internet-Telefonie-Anbieter in Deutschland

Obwohl sich Zennström nach Kräften bemüht, die Kostenlos-Kultur zu fördern, muß auch er Geld verdienen. „Wir verkaufen Mehrwertdienste an unsere Nutzer. Wir haben heute 1,1 Millionen Kunden, die dafür zahlen, Gespräche aus dem Internet heraus in das Festnetz zu führen. Wir haben zur Zeit keine Probleme, daß die Zahl der zahlenden Kunden zu klein ist. Im Gegenteil: Die Zahl macht uns sehr zuversichtlich über die Zukunft der Firma“, sagt Zennström, ohne jedoch konkrete Umsatzzahlen zu nennen. Für Gespräche in das deutsche Festnetz (Skype-Out) berechnet das Unternehmen 2 Cent je Minute.

Das ist im Vergleich mit den anderen Anbietern nicht wirklich billig, aber eigentlich will Zennström das Geld auch gar nicht haben. Lieber sollen die bisherigen Festnetznutzer auch zu Skype wechseln, damit die Gemeinschaft schnell wächst. Noch schneller, denn mit 2,2 Millionen Nutzern ist Skype - mit großem Abstand - schon heute der größte Internet-Telefonie-Anbieter in Deutschland, betont Zennström. Kooperationen mit den Internet-Zugangsdiensten wie T-Online, 1&1 oder AOL hat Zennström nicht im Sinn. „Unser großer Vorteil ist die Unabhängigkeit von einem Provider. Das werden wir nicht aufgeben“, sagt Zennström. Außerdem nutzt Skype eine eigene Technik, während die deutschen Anbieter auf den SIP-Standard setzen.

Bedrohung für das Geschäft der Telekommunikationskonzerne

Der deutsche Markt ist allerdings nicht ganz einfach zu erschließen. Damit Skype-Nutzer auch aus dem Festnetz heraus angerufen werden können (Skype-In), benötigen sie eine Telefonnummer. Eine solche Nummer zu bekommen ist in anderen Ländern kein Problem. Nicht aber in Deutschland. „Es ist eine große Herausforderung, in Deutschland eine Telefonnummer zu bekommen, denn die deutsche Regulierungsbehörde verlangt ortsbezogene Nummern. Aber das entspricht nicht dem Internet, denn Skype kann überall auf der Welt genutzt werden“, sagt Zennström, der aber an den Plänen festhält, Skype-In auch in Deutschland anzubieten.

Eine wachsende Zielgruppe für Zennström sind Unternehmen, deren Außendienstmitarbeiter per Skype kommunizieren. „Heute nutzen 30 Prozent der Kunden Skype für professionelle Zwecke. Aber wir entwickeln die Software für alle Kunden weiter und spezialisieren uns nicht auf das Segment der professionellen Nutzer.“ Spezielle Dienstleistungen für Unternehmen, zum Beispiel eine Rechnung für viele Nutzer, sollen trotzdem helfen, diesen Markt zu erschließen.

Skype entwickelt sich zur Bedrohung für das Geschäft der Telekommunikationskonzerne, die ihr Geld nach Ansicht von Zennström in Zukunft mit Breitbandanschlüssen verdienen müssen. Die Möglichkeit, daß eine der großen Telefongesellschaften Skype einfach kaufen wird, schließt Zennström nicht aus. „Natürlich ist das möglich. Aber ich weiß bisher nichts davon.“

Text: F.A.Z., 11.04.2005, Nr. 83 / Seite 19
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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