05. November 2007 Von Freitag an gibt es das iPhone in Deutschland. Die große Frage: Hält Apples Kult-Handy, was es verspricht? Michael Spehr hat die Neuerscheinung unter die Lupe genommen.
Pro: Das iPhone sieht toll aus und ist innovativ. Und es macht mobiles Internet so einfach wie nie.
Ist das etwa das iPhone?, kreischt eine etwa 40-jährige Frau in der Lounge der Deutschen Bahn. Kaum hat sie die Frage gestellt, will sie uns das gefragte Kleinod aus der Hand reißen. Wir haben vor einer Stunde das Testgerät in einem Hamburger Hotel in Empfang genommen. Ein Kultobjekt wie das iPhone wird nicht verschickt.
Da müssen die Journalisten erst Männchen machen vor ganz wichtigen Leuten von Apple, von denen einige aussehen, als hätte man Steve Jobs geklont. Schwarzer Kaschmir-Pullover mit weißem T-Shirt darunter und dazu ein modischer Kurzhaarschnitt. Ja, das ist das iPhone, müssen wir an diesem Donnerstag immer wieder erklären, die Mitreisenden sind neugierig wie nie. Schließlich wird uns der Trubel zu bunt, und wir kauern uns auf einen Einzelplatz, denn schließlich sind wir selbst gespannt auf Apples erstes Mobiltelefon (Die andere Sichtweise: Contra iPhone: Wenig Leistung für viel Geld).
Ein ganz langes Ahh
Normalerweise ist die Einrichtung eines Handys mit gehobener Ausstattung eine zeitaufwendige Prozedur. Nicht, wenn es um das Telefonieren geht. Wohl aber bei der Einrichtung von Datenkonten, E-Mail, dem Zugang zum Internet und dem Anpassen von tausend Kleinigkeiten. Das iPhone ist anders. Es hat nur ein dürres Heftchen als Bedienungsanleitung, und das ist eigentlich schon alles. Einige Sekunden nach dem Platznehmen in der Business-Class-Lounge der Bahn ist der Hotspot von T-Mobile entdeckt. Und wir sind online. Ohne irgendwelche Zugangsdaten oder Kennwörter eingegeben zu haben.
Man nimmt das Gerät mit nur einer Taste in die Hand, tippt mit dem Finger auf das Symbol für den Internet-Browser, gibt die gewünschte Adresse ein - und dann kommt ein ganz langes Ahh. Das gibt es doch nicht, www.faz.net zeigt sich in voller Schönheit. So, wie die Seite auch zu Hause am PC aussieht. Nur mit sehr kleiner Schrift. Mit dem Finger bewegen wir uns über die Seite, das geht ruckzuck. Und Lesen mit großer Schrift klappt ebenfalls super, dazu zieht man einfach den gewünschten Ausschnitt mit zwei Fingern groß. Das alles ist eingängig und genial. Keine Fummelei mit irgendwelchen Tastenkombinationen, nichts, was man zuvor lernen müsste.
Datenkosten stellen kein Problem dar
Das iPhone ist ein wunderbares Internet-Tablett für unterwegs, mit dem wirklich jeder zurechtkommt. Kein Vergleich jedenfalls mit anderen Mobiltelefonen, bei denen der WWW-Zugriff dem technikaffinen Tüftler vorbehalten bleibt. Der Safari-Browser zeigt so gut wie alle Seiten nahezu fehlerfrei an, wir haben noch nie etwas Besseres gesehen. Auch um das Umschalten zwischen dem schnellen Wireless-Lan zu Hause oder im Büro und dem T-Mobile-Netz mit Edge muss man sich nicht kümmern. Man bekommt es gar nicht mit, alles geschieht von allein im Hintergrund.
Die Datenkosten sind ebenfalls kein Problem. Während die deutschen Netzbetreiber bislang horrende Summen für den mobilen Zugriff aufs Netz oder einen Zusatzvertrag mit Datenoptionen verlangten, startet das iPhone mit einem Sorglos-Paket: In der Grundgebühr sind alle Kosten für das D1-Netz und die 8000 T-Mobile-Hotspots in Deutschland bereits enthalten. Allerdings wird die Bandbreite reduziert, wenn man ein bestimmtes Volumen pro Monat überschreitet (siehe Tabelle). Wer nur im Internet surft oder seine E-Mails abruft, spürt die Tempobremse aber nicht. Mit dem iPhone ist das mobile Internet einfach wie nie. Ein ideales Gerät für das Unterwegs-Surfen für Anfänger, und wir sind ganz sicher: Damit geht sogar der Chef abends auf dem Sofa noch schnell ins Netz.
Einzigartig: der Anrufbeantworter
Die Begeisterung für das iPhone geht aber noch weiter. Mit seinem Verzicht auf eine Tastatur, der eleganten, schlichten Linienführung und den hübsch gezeichneten Symbolen im Hauptmenü ist das iPhone ein Schmuckstück, das alle Blicke auf sich zieht. Was der Finger auf dem Display machen muss, ist dem Umgang mit einem mechanischen Apparat nachempfunden. Da werden liebevoll gezeichnete Schalter umgelegt, und es gibt zum Entsperren einen Riegel, den man mit dem Finger von links nach rechts schiebt. Hier herrscht der Primat des Designs und der Bedienung, kein Funktions-Overkill, sondern die Maxime Alles weglassen, was nicht schick oder schwer zu bedienen sein könnte, das wird auch niemand vermissen.
Das iPhone ist gut verarbeitet, die Front ist nicht aus Plastik, sondern aus Glas, es ist groß (11,5 × 6,1 × 1,2 Zentimeter), schwer (135 Gramm), wertig, es ist eben ein Apple. SMS-Kurznachrichten sind hübsch wie eine Chat-Konversation aufgeführt, und E-Mails beherrscht das Kleine natürlich auch. Einzigartig ist der Voice-Mail genannte Anrufbeantworter: Er zeigt die Namen aller Leute, die eine Nachricht hinterlassen haben, untereinander in Listenform. Mit einem Klick auf die Zeile hört man sofort die Nachricht. Sie wird als Audiodatei zum Gerät geschickt.
Ein richtiger Mac
Und das iPhone ist eben auch ein vollwertiger iPod mit der Ausstattung des hier unlängst vorstellten Touch, also mit der großen, hochauflösenden Anzeige (320 × 480 Pixel), die dank Bewegungssensor Filme sogar im Querformat wiedergibt. Seine Musik, Videos und Podcasts holt man sich mit der iTunes-Software vom PC oder Mac, und das ist so einfach wie bei jedem anderen iPod von Apple: Einfach das Gerät anschließen, schon wird alles automatisch synchronisiert. Unterwegs lässt sich im Empfangsbereich von Wireless-Lan eine abgespeckte iTunes-Version auf dem iPhone starten, um nach aktuellen Titeln zu fahnden, sie probezuhören und zu kaufen. Was will man mehr? So ist das iPhone alles in allem ein richtiger Mac: Auf den Nutzer fokussiert, auf die leichte Bedienung und das, was man wirklich braucht (Siehe auch: Contra iPhone: Wenig Leistung für viel Geld).
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.11.2007, Nr. 44 / Seite V12
Bildmaterial: dpa, F.A.Z. Helmut Fricke, REUTERS
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