23. Dezember 2005 Der Mann, der die deutsche Fernsehlandschaft zum Wackeln brachte, ist schon im Weihnachtsurlaub. Parm Sandhu, der Geschäftsführer des Kölner Fernsehkabelbetreibers Unity Media war am Donnerstag nicht zu sprechen. Die Öffentlichkeit weiß fast nichts über den Mann an der Spitze des Unternehmens, das völlig überraschend und im Alleingang den bisherigen Bezahlfernseh-Monopolisten Premiere über Nacht an den Rand des Abgrunds gebracht hat.
Der Brite Sandhu, ein erfahrener Kabelmanager, spricht kein Wort deutsch und gab bislang praktisch keine Interviews. Doch am Mittwoch hat Sandhu mit seiner Sportrechte-Tochtergesellschaft Arena Premiere die Bezahlfernsehrechte an der Fußball-Bundesliga weggeschnappt. Seither ist der Nobody (Premiere-Chef Georg Kofler) einer der wichtigsten Männer im deutschen Fernsehgeschäft.
Wettbewerb zwischen DSL und Kabel
Wenn Sandhus kühne Pläne aufgehen, kommt es zu einer grundsätzlichen Machtverschiebung im Fernsehen. Im Fernsehen stehen die Zeichen auf Götterdämmerung. Herren über die Bildschirme sind womöglich schon bald nicht mehr smarte Showtalente wie Kofler, sondern nüchterne Telekommunikationsmanager wie der gelernte Wirtschaftsprüfer Sandhu und Walter Raizner, der im Vorstand der Deutschen Telekom das Festnetzgeschäft leitet. Quasi im Windschatten von Unity ist auch die Deutsche Telekom im großen Stil ins Bundesligageschäft eingestiegen.
Damit verschärft sich auch der Wettbewerb zwischen dem DSL-Telefonnetz der Telekom und dem Kabelnetz: Die Telekom darf ebenso wie Unity Live-Spiele übertragen. Der Preis solle attraktiv sein verspricht Telekom-Vorstand Raizner: Wir wollen möglichst viele Fußballfans erreichen. Unity hat der Bundesliga zugesagt, für das komplette Bundesliga-Paket nicht mehr als 20 Euro im Monat zu verlangen. Einzelheiten wird das Unternehmen voraussichtlich auf der Computermesse Cebit im März bekanntgeben.
Viele kartell- und medienrechtliche Fragen
In den Vereinigten Staaten überlegen sich Medienkonzerne wie Time Warner, ihre Kabelnetze abzuspalten. In Deutschland dagegen gehen Infrastrukturanbieter wie Unity und Telekom massiv ins Mediengeschäft ein. Möglicherweise ist Premiere, dessen Aktienkurs nach dem Bundesliga-Aus um fast die Hälfte eingebrochen ist, nur das erste Opfer. Auch andere etablierte Fernsehkonzerne wie RTL und Pro Sieben Sat.1 könnten unter Druck kommen. Denn sie sind auf die Netze der Kabelbetreiber und künftig wohl auch der Telekom angewiesen, um ihre Programme in die Wohnzimmer zu bringen. Doch aus den Strippenziehern werden nun Konkurrenten, die mit eigenen Programminhalten um das Publikum buhlen.
Kartell- und medienrechtlich wirft das viele Fragen auf. Unity braucht eine Fernsehlizenz, die sie bei den Landesmedienanstalten beantragen muß, wenn der Konzern über seine hundertprozentige Bundesliga-Tochtergesellschaft Arena den Fußball selbst auf die Bildschirme bringen will. Es ist immer problematisch, wenn jemand Netze und Inhalte zugleich kontrolliert, sagt Hans Hege, Direktor der Berliner Landesmedienanstalt. Wer die Netze habe, könne den freien Zugang anderer Programmlieferanten behindern.
Kann sich die Großinvestition rechnen?
Wird Arena von den Landesmedienanstalten die notwendige Rundfunklizenz bekommen? Arena-Sprecher Bernard de Roos gibt sich zuversichtlich. Wir werden alle notwendigen Lizenzen erhalten, sagt er. Auch kartellrechtlich sehe er keine Probleme. Alles wird reibungslos ablaufen.
Experten rätseln freilich auch, wie sich die Großinvestition von Arena in die Bundesliga rechnen soll. Über die dreijährige Vertragslaufzeit steckt das Unternehmen, hinter dem Finanzinvestoren stehen, wohl einen Milliardenbetrag in die Fußballübertragungen. Arena zahlt offenbar rund 40 Prozent mehr für die Rechte als Premiere bisher, fängt beim Aufbau eines Abonnentenstammes aber praktisch bei Null an. Hinzu kommt, daß Arena den Preis für ein Bundesliga-Komplettpaket gegenüber dem Premiere-Preis von rund 35 Euro grob geschätzt halbieren will. Ziel ist es durch die Preissenkung wesentlich mehr Kunden zu gewinnen, als dies Premiere gelungen ist. Wir rechnen damit bis 2009 die Zahl der Bezahlfernsehkunden auf 5,4 Millionen Kunden zu steigern, sagt Roos. Zum Vergleich: Premiere hat in den anderthalb Jahrzehnten seit der Gründung lediglich rund 3,4 Millionen Kunden gewonnen. Wieviele Abonnenten Arena braucht, um Geld zu verdienen, sagt der Unternehmenssprecher nicht.
Premiere vor ungewisser Zukunft
Der Arena-Eigener Unity erreicht mit seinem eigenen Kabelnetz freilich nur rund 20 Prozent der deutschen Fernsehhaushalte. Das Unternehmen peilt deshalb auch eine digitale Satellitenausstrahlung der Bundesliga gegen Bezahlung an. Da werden wir mit dem Marktführer SES Astra kooperieren, kündigt Roos an. Weit gediehen seien auch die Gespräche mit dem größten deutschen Kabelkonzern Kabel Deutschland (KDG): Wir sind sehr zuversichtlich, daß auch die KDG-Kunden bald von unserem Produkt profitieren können.
Der unterlegene Mitbieter Premiere blickt unterdessen in eine ungewisse Zukunft. Analysten schätzen, dem Sender droht ein Abonnentenverlust von bis zu einem Drittel seiner Kunden. Premiere könnte ein Übernahmeobjekt werden, sagt Stefan Weiss von der WestLB. Premiere-Chef Kofler steht mit dem Rücken zur Wand: Ende 2007 laufen die Verträge zur Einspeisung seiner Programme in die Kabelnetze von Unity und KDG aus, die mit dem Einstieg ins Bezahlfernsehen nun seine direkten Konkurrenten werden. Wir einigen uns, sofern sich die Interessen in Einklang bringen lassen, sagt Roos dazu nur.
Koflers Sender künftig nur noch Anhängsel?
Ob die Kabelbetreiber darauf aus sind, Premiere ganz vom Markt zu wischen, ist freilich bisher unklar. Denkbar wäre auch, daß sie Koflers in Seenot geratener Unterhaltungsdampfer ins Schlepptau nehmen. Arena-Sprecher Roos schließt eine Sublizenzierung der Bundesliga an Premiere nicht aus. Arena ist offen für Gespräche mit allen, läßt er die Tür offen. Und auch bei Premiere sieht man diese Variante offenbar als einen möglichen Rettungsanker: Wir sind weiter daran interessiert, daß unsere Kunden auch in Zukunft Bundesliga-Fußball sehen, sagt ein Unternehmenssprecher.
Für die Kabelkonzerne hätte ein solches Arrangement zwei Vorteile: Sie müßten keine eigene Bezahlfernsehmarke aufbauen und ersparten sich so hohe Marketingkosten. Und sie könnten im Gegenzug auch an der Vermarktung des Premiere-Spielfilmangebots beteiligt werden. In diesem Bündnis wäre Koflers Sender dann als abhängiger Programmlieferant freilich nur noch ein Anhängsel der Netzbetreiber.
Text: F.A.Z., 23.12.2005, Nr. 299 / Seite 18
Bildmaterial: dpa, dpa/dpaweb
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