Von Holger Schmidt
27. Juni 2005 Durch Deutschland läuft ein tiefer digitaler Graben: Während die Menschen in den Ballungszentren die Vorteile des Wettbewerbs um das Breitband-Internet genießen, fallen die ostdeutschen Bundesländer und viele ländliche Regionen auf dem Weg in das Breitband-Zeitalter immer weiter zurück.
In Hamburg, wo der Wettbewerb um das Breitband-Internet besonders heftig tobt, wählen sich schon 30 Prozent der Erwachsenen zu Hause über einen Breitband-Anschluß in das Internet ein. Dagegen beträgt dieser Anteil in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen nur 13 Prozent, hat eine exklusive Datenanalyse von TNS Infratest für diese Zeitung ergeben.
Die digitale Spaltung in Deutschland vollzieht sich nicht nur zwischen Internetnutzern und Nicht-Nutzern, sondern auch zwischen Schmalband- und Breitband-Nutzern. Es ist ein großer Unterschied, ob man zu Fuß oder mit einem Rennwagen auf der Datenautobahn unterwegs ist, sagt Nina Fluck, Projektleiterin von TNS Infratest.
Standortnachteile
Die digitale Spaltung hat Folgen: Fehlender Anschluß an das Breitband-Internet ist in der digitalen Wirtschaft, in der immer mehr Güter und Dienstleistungen im Internet bestellt und vertrieben werden, zu einem Standortnachteil für Menschen und Unternehmen geworden. Menschen in ländlichen Gebieten und in vielen Gebieten im Osten Deutschlands sind wegen der mangelnden Breitband-Verfügbarkeit von modernen Internetanwendungen wie E-Learning abgeschnitten, sagt Fluck.
Auch Unternehmen meiden inzwischen die digitale Provinz. Viele Bürgermeister fordern daher vehement eine Auffahrt auf die Datenautobahn. Wenn keine Telefongesellschaft bereit ist, in einem Ort Breitband-Internet über das Telefonkabel anzubieten, suchen Kommunen in ihrer Not die Zusammenarbeit mit Anbietern wie Airdata aus Stuttgart oder Deutsche Breitband Dienste aus Heidelberg, die einen schnellen Internetzugang bei Funk ermöglichen.
Wettbewerb findet nur in den Städten statt
Die Ursache des eklatanten Stadt-Land-Gefälles liegt nach Ansicht vieler Beobachter in der unterschiedlichen Wettbewerbsintensität: In Städten wie Hamburg oder Berlin herrscht ein harter Infrastrukturwettbewerb zwischen der Deutschen Telekom und Konkurrenten wie Arcor, Hansenet der Versatel. Diese Unternehmen haben in eigene Technik für schnelle DSL-Anschlüsse investiert und müssen lediglich die sogenannte letzte Meile für den Zugang in die Haushalte von der Telekom mieten.
Aufgrund niedriger Kosten haben diese Unternehmen in den vergangenen Monaten den heftigen Preiswettbewerb im DSL-Markt angezettelt. Daraufhin mußten Anbieter wie United Internet oder Freenet, die wie T-Online lediglich DSL-Anschlüsse der Deutschen Telekom unter eigenem Namen verkaufen, ebenfalls ihre Preise deutlich senken.
Der Wettbewerb findet aber nur in den Städten statt. Für etwa die Hälfte der Bevölkerung in den ländlichen Regionen ist die Deutsche Telekom im Markt für DSL-Anschlüsse immer noch Monopolist. Für diese Menschen ist DSL teurer als in der Stadt - wenn das schnelle Internet überhaupt schon ausgebaut ist. Viele Deutsche warten bis heute vergeblich auf ihren DSL-Anschluß. Die Folge: Die Breitband-Anschlußdichte ist in Deutschland sehr gering. Im Verhältnis zwischen der Zahl der Breitband-Anschlüsse und der Zahl der Einwohner ist Deutschland in einer Rangliste des Marktforschungsunternehmens Point Topic weit abgeschlagen.
Regulierungsbedingungen mitverantwortlich
Die Ursache für die Wettbewerbsabstinenz auf dem Land liegt nach Ansicht vieler Beobachter in den Regulierungsbedingungen auf dem Breitbandmarkt. Die Konkurrenten der Deutschen Telekom, die für den Zugang zum Kunden das Kupferkabel auf der letzten Meile in den Haushalt ganz oder teilweise vom Ex-Monopolisten Telekom mieten müssen, klagen über ein Mißverhältnis zwischen Mietpreis und wettbewerbsfähigem Endkundenpreis.
Die Miete des gesamten Kupferkabels, der sogenannten Teilnehmeranschlußleitung, lohnt sich für Gesellschaften wie Arcor, Hansenet oder Versatel bisher nur in den Regionen, in denen sie mit einer Infrastrukturinvestition möglichst viele Kunden erreichen - also meist nur in den Städten.
Preis-Kosten-Schere
Die Miete des Datenteils des Kupferkabels, das sogenannte Line-Sharing, lohnt sich in Deutschland bisher gar nicht. In einer Studie des renommierten Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) heißt es, bei den bestehenden Endkundenpreisen können 3,79 Euro Kosten nicht durch Erlöse gedeckt werden. In dieser Höhe besteht eine Preis-Kosten-Schere.
Im Klartext: Ein Telekom-Konkurrent würde mit jedem Kunden 3,79 Euro im Monat verlieren - weshalb dieses Geschäftsmodell zur Zeit faktisch nicht existiert. Um den Wettbewerb in Gang zu bringen, haben die Forscher eine klare Empfehlung: Wir sehen regulierungspolitisch keine Alternative, als Maßnahmen zur Beseitigung der Preis-Kosten-Schere zu identifizieren und umzusetzen, heißt es in einem Forschungsbericht.
Mit die höchsten Kosten in Europa
Den Hebel dafür hat die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) in der Hand, die Anfang August die Mietkonditionen für das Line-Sharing neu festlegen wird. Zu diesen Konditionen gehören nicht nur die Monatsmieten, sondern auch die - in Deutschland sehr hohen - Einmalgebühren für die Umschaltung des Anschlusses und die spätere Kündigung.
Werden alle Kosten über die Dauer von drei Jahren addiert, muß ein Telekom-Konkurrent mehr als 400 Euro je Kunde an die Telekom zahlen, hat das Marktforschungsunternehmen Analysys errechnet. Das ist einer der höchsten Werte in Europa. In Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und den Niederlanden müssen die Wettbewerber 200 bis 300 Euro zahlen. Nur in Irland und Österreich werden höhere Mieten fällig.
Investoren stehen bereit
Mit der Senkung der Mieten und der Einmalentgelte käme die Regulierungsbehörde nicht nur einer Forderung der EU-Kommission nach, sondern könnte auch den Wettbewerb in den ländlichen Regionen ankurbeln. Denn die Investoren stehen bereit und warten nur auf die Entscheidung der Regulierungsbehörde. Niedrigere Entgelte bei Line Sharing, insbesondere im Bereich der Einmalentgelte, sorgen für mehr Wettbewerb. Mehr Wettbewerb würde einen signifikanten Anstieg der Breitbandanschlüsse bewirken und damit zu Infrastrukturinvestitionen auch außerhalb der Ballungsräume führen, sagte Andreas Bodczek, Geschäftsführer von Telefonica Deutschland, dieser Zeitung.
Stan Laurent, Chef von AOL Deutschland, wird noch deutlicher: Eine deutliche Absenkung der Line-Sharing-Einmal-Entgelte und mindestens eine Beibehaltung der bisherigen monatlichen Entgelte ist der einzige Weg, um die Monopolstellung der Telekom im DSL-Bereich in vielen Gebieten Deutschlands zu reduzieren und den Ausbau für Wettbewerber zu ermöglichen.
Telefonica und AOL wollen zusammen mindestens einen hohen zweistelligen Millionenbetrag in ihre Infrastruktur investieren. Die Regulierungsbehörde hat bisher keine Signale ausgesendet, ob sie die Entgelte senken wird. Die Deutsche Telekom hat sogar eine Erhöhung der Entgelte beantragt, was in der EU-Kommission auf wenig Verständnis treffen wird. Die Brüsseler Behörde hatte die Telekom aufgefordert, die Entgelte zu senken.
Text: F.A.Z., 27.06.2005, Nr. 146 / Seite 19
Bildmaterial: F.A.Z.
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