Von Cara Warmuth
09. Juli 2008 Geschickt klickt sich Ursula Lucko durch das Menü ihres Handys und tippt eine SMS ein. Eigentlich eine alltägliche Szene, wäre Lucko nicht 82 Jahre alt und mit High-Tech-Produkten bisher kaum vertraut gewesen. Handys mit kleinen Displays und vielen Funktionen erschweren älteren Nutzern die Handhabung. Man ist überfordert“, klagt Lucko. Spezielle Seniorenhandys gefallen der Rentnerin viel besser. Unternehmen wie die österreichische Emporia Telecom GesmbH & Co. KG und die Fitage GmbH & Co. KG haben dieses Bedürfnis nach Mobiltelefonen für Ältere erkannt und einen Nischenmarkt entdeckt.
In ganz Deutschland besitzen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes knapp 67 Millionen Menschen ein Handy. Davon sind aber nur 14 Prozent älter als 65 Jahre – an der Gesamtbevölkerung hat diese Altersgruppe allerdings einen Anteil von 20 Prozent. Nach Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes wird im Jahr 2050 schon ein Drittel der Deutschen 65 Jahre oder älter sein. Damit wächst auch die potentielle Zielgruppe für Seniorenhandys in Zukunft.
Katharina das Große oder Big Easy 2
Fitage-Geschäftsführer Dr. Darius Khoschlessan kritisiert, dass ein wesentlicher Lebensbereich so stiefmütterlich behandelt wird“. Er sagt, seine Produkten hülfen, die Selbstständigkeit im Alter zu erhalten. Den Senioren nähmen sie die Berührungsängste vor moderner Technik. Die Handymodelle des Mannheimer Unternehmens, die Katharina das Große“ oder Big Easy 2“ heißen, sind einfach zu bedienen. Sie haben großen Tasten und ein gut lesbares Display. Die Klingeltöne sind laut, und die Telefone haben eine Notruffunktion. Die Stiftung Warentest hat das Big Easy 2“ als bestes Spezialhandy bewertet. Das hat unser Konzept für nutzerfreundliche Produkte bestätigt“, sagt Khoschlessan, der jedes seiner Handys selbst mitentwickelt. Seine nächste Idee, das Big Easy 3“, kommt im Spätsommer auf den deutschen Markt und wird etwa 300 Euro kosten.
Im Jahr verzeichnet der Firmengründer nach eigenen Angaben einen Absatz im mittleren fünfstelligen Bereich und erwirtschaftet mit drei festangestellten Mitarbeitern einen Umsatz im niedrigen siebenstelligen Bereich.
Unkompliziert und leicht bedienbar - zumindest laut Werbung
Eveline Pupeter-Fellner, Geschäftsführerin des Wettbewerbers Emporia sagt: High-Tech-Produkte für Senioren sind gefragt, und der Markt wächst stetig.“ Das 1991 gegründete Familienunternehmen aus Linz in Österreich, das sich als internationaler Marktführer sieht, erzielte 2007 in Deutschland mit rund 100.000 verkauften Mobiltelefonen einen Umsatz von 13 Millionen Euro. Auf dem internationalen Markt waren es 30 Millionen Euro. Für das Jahr 2008 plant die Unternehmensführung ein Umsatzwachstum um 100 Prozent.
Ähnlich wie Fitage bewirbt auch Emporia seine Geräte als unkompliziert und leicht bedienbar. Große Tasten und große Displays machen aber noch lange kein Seniorenhandy“, sagt Geschäftsführerin Pupeter-Fellner. Seniorengerecht heißt für sie vor allem Einfachheit in Menüführung und Bedienung, zum Beispiel durch Seitentasten“. Es solle aber kein Bild von Seniorenhandys vermittelt werden, das den alten Menschen als alt degradiert“, sagt Pupeter-Fellner.
Ein Handy darf nicht wie ein typisches Seniorenhandy aussehen
Diese Ansicht teilt auch Sebastian Glende. Er ist Leiter der Seniorenforschungsgruppe Senior Research Group (SRG) in Berlin, für die Senioren technische Geräte auf Anwendbarkeit testen und die Ergebnisse an die Industrie weitergeben. High-Tech-Artikel sollten so gestaltet werden, dass ältere Leute sie problemlos nutzen können“, sagt Glende. Er will auch Vereinfachungen im Erscheinungsbild, allerdings alles nur in Maßen: Ein Handy darf nicht wie ein typisches Seniorenhandy aussehen, das wäre stigmatisierend.“ Emporia orientierte sich in Forschung und Entwicklung an diesem Designanspruch und kreierte Produkte wie das Emporia Time“, das mit seinen 110 Gramm nur halb so schwer ist wie das Big Easy 2“ von Fitage und zudem im März einen Designpreis gewonnen hat. Der Nachfolger Emporia Talk“ wird in Deutschland von dieser Woche an für rund 150 Euro im Handel erhältlich sein.
Das Unternehmen Emporia, das eng mit Ärzten und Seniorenverbänden zusammenarbeitet, sieht vor allem in der Medizin noch Potential für die weitere Produktentwicklung. Das Ziel sei ein Handy, das auch medizinische Funktionen integriert und damit die Sicherheitsfunktion eines Handys unterstützt“. Bis 2010 will Emporia 14 Millionen Euro in die Forschung investieren und auf diesem Gebiet 25 neue Arbeitsplätze schaffen.
Ein Nischenmarkt
Trotzdem bleibt der Markt für Seniorenhandys ein Nischenmarkt, auf dem ausschließlich kleine Unternehmen agieren. Nach Aussagen von Fitage-Geschäftsführer Khoschlessan wird der Markt aber nur so lange in der Hand der kleinen Anbieter bleiben, bis sich die Spezialhandys als Standardartikel etabliert haben“. Vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung liegt diese Entwicklung nicht mehr in allzu weiter Ferne.
Die Herausforderung des Marktes ist es, nah an der Zielgruppe zu bleiben. Die Gruppe der älteren Bevölkerung ist in sich sehr heterogen“, erklärt Khoschlessan. Und Pupeter-Fellner fügt hinzu: Vergleichen Sie nur einen 60 Jahre alten Rentner mit einem Fünfundachtzigjährigen. Das sind ganz andere Bedürfnisse.“
Diese unterschiedlichen Bedürfnisse der Senioren kennt auch Frank Leyhausen, der mit seinem Unternehmen Medcom International GmbH die Deutsche Seniorenliga berät. Seniorenhandys sind sicherlich sinnvoll für Menschen mit Seh- und Hörschwäche“, sagt er. Ein Großteil der älteren Bevölkerung könne aber auch mit gewöhnlichen Mobiltelefonen klarkommen. Als Ergänzung wünscht sich Leyhausen Dienstleistungen, wie zum Beispiel einen Handykurs für Ältere: Dann werden die Senioren zu den besten Fachleuten, weil sie Zeit und Ehrgeiz haben, sich mit den Produkten auseinanderzusetzen.“
Ursula Lucko jedenfalls kennt sich gut aus mit ihrem seniorengerechten Handy. Jetzt habe ich Spaß an der neuen Technik“, sagt sie. Auch ihre Tochter habe sich ein Seniorenhandy gekauft: Weil das so schön einfach ist.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar
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