Medien

Wie Time Warner wieder groß ins Geschäft kommen will

Von Irene Hell, New York

Bester Hase im Stall: Richard Parsons und Bugs Bunny geben sich optimistisch

Bester Hase im Stall: Richard Parsons und Bugs Bunny geben sich optimistisch

19. August 2005 Noch immer steht mit großen Buchstaben "Dick" an der Tür seines riesigen Büros im Time Warner Center direkt am Central Park. So nennen seine Freunde den großen, bärtigen Mann. Beim Spitznamen "Teddybär" allerdings wird Richard Parsons von seinen Mitarbeitern längst nicht mehr gerufen, nicht einmal hinter vorgehaltener Hand. "Die Fusion hat sich nicht so entwickelt, wie viele von uns es erwartet haben", gibt Parsons zu. Kurz nach der Fusion von AOL und Time Warner sei das Online-Geschäft kollabiert. Die Zukunft war zuvor noch rosarot erschienen, als der AOL-Gründer Steve Case und der damalige Time-Warner-Chef Gerald Levin ihre Fusion als den "größten Deal der Geschichte" ausriefen.

AOL wurde von der Börse höher bewertet als Time Warner, Case als Held gefeiert. Doch kaum waren die Verträge geschlossen, begann das "Tontaubenschießen". Die Börse verlor das Vertrauen in AOL und die New Economy. Mit einem Kursverlust von mehr als siebzig Prozente stürzten die Aktienkurse ab und die Moral der Mitarbeiter gleich mit. Die Aktionäre mußten zusehen, wie ein Milliardenvermögen verglühte. Für Time-Warner-Chef Gerald Levin war der Druck zu groß. Der Architekt der Fusion warf das Handtuch. Parsons überlebte als einziger Topmanager die Fusion, im Mai 2002 wurde er Chef des Konzerns Time Warner. Als Krisenmanager hatte er schon die marode Dime Savings Bank wieder auf Erfolgskurs gebracht.

Den internen Firmenkrieg geschlichtet

Dem stand zunächst nicht nur der Absturz an der Börse entgegen: Wenige Wochen nach Parsons Berufung an die Spitze des Unternehmens berichtete zunächst die "Washington Post" von Buchungsmanipulationen, die das Management von AOL vor der Fusion mit Time Warner vorgenommen habe, um die Aktienkurse zu beeinflussen. Die Börsenaufsicht und das Justizministerium schalteten sich ein. Der Kurs sank weiter. Parsons griff hart durch. Zuerst setzte er seinen früheren Erzrivalen Robert Pittmann, einen führenden Manager, vor die Tür, dazu alle, die in den Vorfall verwickelt waren. Dann nahm Steve Case seinen Hut als Aufsichtsratsvorsitzender. Der Name "AOL" wurde von der Börsennotierung des Konzerns eliminiert. Jetzt heißt das Medienunternehmen wieder Time Warner, altmodische Werte wie Leistung und Glaubwürdigkeit sind wieder gefragt.

Parsons übernahm die Doppelspitze. Als Chairman und CEO hat er nun die volle Verantwortung über das Internet-, Kabel- und Medienimperium, das mit Warner Bros. Hollywood dominiert, mit den 140 Time Inc. Publikationen der weltweit größte Magazinverleger ist und mit CNN und dem Bezahlsender HBO und Turner Sender Gewinne macht. "Gleich nachdem ich Vorstandschef wurde, haben wir eine ,Listening Tour' gestartet. Wir sind um die Welt gereist und haben unseren Mitarbeitern zugehört", erinnert sich Parsons. Vieles davon dürfte ihm nicht gefallen haben. "Es gab viel Lamento", sagt Parsons, der sich bemühte, seine frustrierten Mitarbeiter anzuspornen. Wie es scheint, vermochte er tatsächlich, den internen Firmenkrieg, der nach der Fusion zwischen AOL und der Time-Warner-Fraktion tobte, zu schlichten.

Glauben an die Zukunft des Kabelgeschäfts

Jetzt, fünf Jahre nach der Fusion, beginnen die Synergien zu greifen, die den Megakonzern ursprünglich zur Geldmaschine machen sollten. Jetzt arbeiten die Abteilungen Hand in Hand: AOL wirbt für den neuen "Harry Potter" und die Hollywoodfilme von Warner Bros. und findet Abonnenten für den neuen AOL-Telefondienst und die Time-Inc.-Magazine. "Die beste Art, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu erfinden", sagt Parsons, der mit Milliardeninvestitionen auf das Kabelgeschäft setzt, um Warner Cable zu einem Telekommunikationskonzern zu machen. Vor einigen Monaten haben sich Time Warner und das Kabelunternehmen Comcast darauf geeinigt, die Vermögenswerte des insolventen Kabelanbieters Adelphia zum Preis von 12,7 Milliarden Dollar in bar und für einen sechzehnprozentigen Anteil an der neuen gemeinsamen "Time Warner Cable" Aktien zu übernehmen. Time Warner investiert neun Milliarden Dollar in bar und erhält als Gegenleistung den größten Aktienanteil sowie 3,5 Millionen Kabelabonnenten.

"Wir mögen das Kabelgeschäft. Gegenwärtig ist das Kabel die einzige Plattform, die hochwertige digitale Videofilme, Hochgeschwindigkeits-Datenübertragungen und Telefondienstleistungen liefern kann", sagt Parsons: "Wir glauben an die Zukunft des Kabelgeschäftes und erwarten zweistellige Zuwachsraten." Bisher erwirtschaftete die Kabelsparte die höchsten Gewinne bei Time Warner. Nach Abschluß des Adelphia Deals wird man 14,4 Millionen Kabelabonnenten haben. "Dadurch werden wir der zweitgrößte Anbieter für Kabelfernsehen und Bestell-Video in den Vereinigten Staaten", sagt Parsons. Sein Unternehmen schnürt nun Pakete, die Kabelfernsehen, Internet, einen Videoservice und Telefondienstleistungen anbieten. "Bis Ende des Jahres werden wir etwa eine Million Telefonkunden haben", so der Konzernchef.

Nicht schnell genug für Hedge-Fonds-Manager Icahn

Auch die finanzielle Architektur der Firma wird neu errichtet. Dazu plant man eine Spaltung des Konzerns in zwei Teile: "Time Warner Cable wird eine eigenständige, an der Börse gehandelte Firma, sobald der Deal abgeschlossen ist." sagt Parsons. Mit einem "Free Cash-flow" in Höhe von 3,3 Milliarden Dollar verzeichnete Time Warner letztes Jahr einen Rekordgewinn. Dennoch liegt der Aktienkurs immer noch unter zwanzig Dollar. "Die Firma ist im Moment unterbewertet. Das ist eine einzigartige Chance, Aktien zu kaufen", sagt Parsons. Von September an zahlt Time Warner wieder Dividende, in den nächsten Jahren will Parsons für etwa fünf Milliarden Dollar Aktien zurückkaufen. Das geht dem New Yorker Hedge-Fonds-Manager Carl Icahn jedoch nicht schnell genug: Der Großaktionär verlangt einen kompletten Verkauf des Kabelgeschäfts, um mit den Milliardenerlösen den Aktienkurs nach oben zu treiben.

Nach jahrelangen Verhandlungen hat sich Time Warner mit der Börsenaufsicht, dem Justizministerium und den Anwälten, die für Aktionäre eine Sammelklage einreichten, auf Schadensersatzzahlungen geeinigt. Parsons ist erleichtert, daß diese "dunklen Wolken", die wegen der Buchungsmanipulationen über dem Konzern schwebten, sich nun auflösen. Doch was sind seine Pläne? Ein Verkauf von AOL? "Nein, den planen wir nicht. Wir sind der einzige Medienkonzern in der Welt, der auch eine große Internetplattform hat. Investoren sagen mir jetzt: "Dick, behalte bloß das Internet." Ende 2004 habe man mehr als 22 Millionen Abonnenten in den Vereinigten Staaten und sechs Millionen in Europa gehabt und sei damit immer noch der größte Internetprovider der Welt. Man müsse effektiver Gewinne erzielen. Der Online-Werbemarkt, der dieses Jahr zwanzig Prozent zulegt, ist hart umkämpft. Um dort weiter Boden gutzumachen, hat Parsons für 435 Millionen Dollar "Advertising.com" gekauft.

Manager zu Besuch bei ehemaligen Kunden

Wie es scheint, gibt der Erfolg Parsons recht: AOL verzeichnete im ersten und zweiten Quartal eine Zuwachsrate von mehr als vierzig Prozent bei den Werbeeinnahmen. "AOL gab die Initialzündung für das Internet", sagt Parsons. Viele der Mitarbeiter des Online-Dienstes, der zunächst das Monopol innezuhaben schien, gerieten wegen der Konkurrenz von Yahoo und anderen Anbietern in eine Sinnkrise. Deshalb schickte Parsons das AOL-Management auf die Couch. Nicht zum Psychiater, schlimmer: Die Manager mußten Kunden besuchen, die AOL gekündigt hatten und sich deren Kritik anhören. "Es ist sehr wichtig zu verstehen, was der Kunde will und was er braucht - nicht etwa, was man denkt, es sei cool und wichtig."

Vor wenigen Jahren hatte AOL weltweit mehr als 36 Millionen Abonnenten, heute sind es etwa 28 Millionen. Deutschland ist auch für AOL ein wichtiger Markt, hier hat AOL 2,8 Millionen Mitglieder. Besonders hohe Zuwachsraten verzeichnet die Firma bei den Breitbandnutzern. Neue Abonnenten will AOL nun auch - und darin liegt ein neuer Ansatz - mit freien Download-Angeboten gewinnen. "AOL verändert sein Geschäftsmodell", sagt Parsons. Wegen der hohen Zuwächse im Anzeigengeschäft heißt es jetzt: "Masse macht Kasse." In den Neustart des Internetgeschäfts will Parsons zweihundert Millionen Dollar investieren.

Das AOL-Geschäftsmodell revolutioniert

"Wenn ich von Anfang an gesagt hätte, wir setzen voll auf Werbung und vergessen den Rest, dann wäre ich heute kaum hier", sagt AOL-Chef Jonathan Miller. Jahrelang konzentrierte sich AOL darauf, möglichst viele zahlende Abonnenten zu gewinnen. Doch eine Studie ergab, daß die Nutzer zwar bereit sind, für Schutzfilter gegen Viren und Spam, ihre E-Mail- Adresse, Kalender, Adreßbuch und anderes zu zahlen, die Inhalte aber lieber kostenlos fischen. Deshalb entschloß sich die Konzernleitung dazu, das AOL-Geschäftsmodell zu revolutionieren. Nachrichten von CNN und Inhalte von Magazinen wie "Time People" und "Fortune" und vielen anderen, die bislang nur für zahlende Abonnenten zugänglich waren, sind bei AOL frei abrufbar.

Die neue Strategie ist nicht ohne Risiko, junge, aggressive Konkurrenten wie Google scheinen längst enteilt. Doch auch daran kann Parsons Gefallen finden - zumindest in einer Hinsicht: Ein Milliardengewinn aus dem Verkauf von Google-Aktien versüßt in diesem Jahr das Geschäftsergebnis von Time Warner.

Text: F.A.Z., 19.08.2005, Nr. 192 / Seite 38
Bildmaterial: AP

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