24. März 2006 Der französische Telekommunikationsausrüster Alcatel und sein amerikanischer Konkurrent Lucent Technologies stehen in Fusionsgesprächen. Die Unternehmen berichteten in gleichlautenden Stellungnahmen am Freitag, daß sie über einen "gleichgewichtigen Zusammenschluß" zu Marktpreisen verhandeln. An den Börsen von New York und Paris reagierten die Anleger überwiegend positiv, auch wenn den Angaben der Unternehmen zufolge keine Prämie in Aussicht steht. Die Aktie von Alcatel gewann bis zum Nachmittag rund 2,5 Prozent. Lucent legte um 8 Prozent auf rund 3 Dollar zu.
Wenn die Fusion gelingt, entstünde ein Unternehmen mit einem gemeinsamen Umsatz von 21 Milliarden Euro und einer Marktkapitalisierung von 28 Milliarden Euro. Alcatel ist mit einem Börsenwert von 18,4 Milliarden Euro der größere Konzern der beiden. Analysten stellten daher das Ziel einer Fusion unter Gleichen in Frage und bezeichneten eine Übernahme von Lucent durch Alcatel als wahrscheinlicher. Lucent hatte bis zum Bekanntwerden der Übernahmegespräche eine Marktkapitalisierung von 12,6 Milliarden Dollar. Gleichwohl könnte Lucent-Vorstandschefin Patricia Russo Medienberichten zufolge das kombinierte Unternehmen führen.
Bisher keine Bedenken der französischen Regierung
Schon 2001 verhandelten beide Unternehmen über einen Zusammenschluß, der aber daran scheiterte, daß Lucent eine Übernahme durch Alcatel nicht akzeptierte. Beide Unternehmen sind vom Platzen der Internetblase schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Alcatel hat sich in den beiden vergangenen Jahren aber deutlich erholt. In diesem Jahr zahlt das Unternehmen erstmals seit 2001 wieder eine Dividende.
Bedenken der französischen Regierung hinsichtlich negativer Auswirkungen auf Frankreich sind bisher nicht bekanntgeworden. Alcatel hat in den vergangenen zehn Jahren einen drastischen Konzernumbau vorgenommen, der zur weitgehenden Konzentration auf die Telekommunikationsbranche führte. Dabei halbierte sich der Umsatz, und die Mitarbeiterzahl sank auf ein Viertel. In Deutschland beschäftigt Alcatel heute noch 5600 Personen.
Konzentration auf dem amerikanischen Markt
Auch Lucent hat eine dramatische Schrumpfkur hinter sich. Das Unternehmen gehörte zur Jahrtausendwende zu den Börsenlieblingen an der Wall Street, dann folgte eine lange Serie verlustreicher Quartale. Zum Jahresende 2005 beschäftigte Lucent noch 30.200 Mitarbeiter, in Spitzenzeiten waren es 120.000. Die Übernahmegespräche zwischen Alcatel und Lucent finden vor dem Hintergrund einer rasanten Konsolidierung bei den Kunden aus der Telekommunikationsindustrie statt.
Besonders in Amerika gab es in den vergangenen beiden Jahren eine Reihe von Zusammenschlüssen. Der Höhepunkt kam vor wenigen Wochen, als der Telekommunikationskonzern AT&T die Übernahme seines Wettbewerbers Bell South für 67 Milliarden Dollar ankündigte. Seither haben sich die Spekulationen um Zusammenschlüsse in der Ausrüsterbranche verstärkt, und Lucent galt als einer der wahrscheinlichsten Übernahmekandidaten. Auch der kanadische Wettbewerber Nortel Networks wird als Ziel gehandelt.
Text: chs./lid., F.A.Z., 25.03.2006, Nr. 72 / Seite 11
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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