Interview mit Georg Kofler

„Viel Geld für die Bundesliga“

“Ohne uns gehen in der Bundesliga viele Lichter aus“: Premiere-Chef Kofler

"Ohne uns gehen in der Bundesliga viele Lichter aus": Premiere-Chef Kofler

20. Februar 2005 Premiere kommt, und es wird der wichtigste Börsengang des Jahres. Daß Bezahlfernsehen Zukunft hat, zeigen die Nachbarn in Europa. Premiere-Chef Georg Kofler über Fußball, Fernsehen und Chancen für künftige Aktionäre.

Herr Kofler, im Januar war Ihr Gesellschafter Permira sehr skeptisch. Sind die Anleger nun zahlungsfreudiger?

Damals lag noch keine fundierte Bewertung für Premiere vor. Also vergessen Sie das. Heute registrieren wir sehr ermutigende Signale vom Kapitalmarkt. Dies gilt für Nachfrage wie für die Bewertung.

Analysten schätzen den Wert von Premiere auf 2,2 bis über 4 Milliarden Euro. Eine große Spanne.

Analysten arbeiten mit unterschiedlichen Modellen und Annahmen. Als ich vor sieben Jahren mit Pro Sieben an die Börse ging, war das auch nicht anders.

Und wo liegt nun der faire Wert?

Die Preisspanne geben wir nächste Woche bekannt. Sie wird den Unternehmenswert angemessen reflektieren und noch genügend Raum für Wertsteigerungen lassen. Ich bleibe schließlich selber Großaktionär und will mit der Aktie noch Spaß haben.

Warum verkaufen Sie überhaupt Aktien, wenn Sie an eine große Zukunft für Premiere glauben?

Ich plane, nur einen Bruchteil meiner Aktien zu verkaufen. Auch künftig werde ich einen zweistelligen Anteil halten. Wie viele Vorstandschefs großer Unternehmen kennen Sie, die so viel Privatvermögen auf die Zukunft ihres Unternehmens setzen?

Sie sprechen Kleinanleger stark an. Weil die Profis skeptisch sind?

Ich kann keine Fundamentalskepsis erkennen. Im Gegenteil: Großes Interesse ist da und auch wachsende Detailkenntnis. Skepsis ist manchmal auch taktisch bedingt, man möchte eben zu einem günstigen Preis kaufen.

Premiere hat noch keinen Euro Gewinn gemacht. Kommt der Börsengang nicht zu früh?

Die Anleger schauen doch auf das operative Betriebsergebnis. Jeder kann sich ausrechnen, daß wir jetzt die kritische Masse für profitables Wachstum erreicht haben.

Wo liegen die Risiken?

Investoren fragen, ob wir schnell genug wachsen werden, ob wir wichtige Programmrechte verlieren könnten und ob wir im Vergleich zu ausländischen Pay-TV-Sendern so schnell aufholen, wie das manche Analysten unterstellen. Die meisten sehen, daß Pay-TV ein neues Wachstumssegment in der deutschen Medienindustrie ist. Das Geschäftsmodell von Premiere hat bewiesen, daß es fliegen kann, auch wenn heute natürlich noch keiner weiß, wie hoch.

Ist der Markt für Bezahlfernsehen hierzulande nicht zu klein?

In England hat es einen Marktanteil von 40 Prozent. Bei uns sind es 8 Prozent. Manche sagen, das Angebot an frei empfangbarem Fernsehen sei in Deutschland viel größer als in England, und deshalb werde Premiere nie so weit kommen wie BSkyB. Das stimmt aber gar nicht. Im digitalen Fernsehen, das dort weit über 50 Prozent der Haushalte schon haben, ist das freie Programmangebot viel größer als bei uns im analogen Kabelfernsehen. Und BSkyB wächst trotzdem weiter.

Sie wollen uns Premiere ernsthaft als das neue BSkyB verkaufen?

Wir haben eine gesunde Kostenstruktur. Deshalb müssen wir Marktanteile wie in England, Frankreich oder Spanien gar nicht erreichen, um profitabel zu arbeiten. Allerdings erkenne ich kein langfristig haltbares Argument, warum sich das Pay-TV in Deutschland signifikant schlechter entwickeln soll als anderswo in Europa. Entscheidend ist, daß Premiere-Abonnenten Programme sehen, die es woanders nicht gibt - egal, wie viele Kanäle neben Premiere senden. Sicher gibt es noch einige psychologische Barrieren aus der Vergangenheit. Manche Leute haben im Hinterkopf noch das Premiere-Desaster gespeichert.

Kein Wunder. Vor drei Jahren riß es die Kirch-Gruppe in die Pleite.

Blenden Sie das mal aus. Die Vergangenheit ist bewältigt und verdaut. Die letzten drei Jahre von Premiere sind eine eindrucksvolle Wachstumsstory. Wir hatten selbst 2002, als die Zeitungen jeden Tag schrieben, Premiere geht pleite, zwischen 500 und 1000 Neuabonnenten am Tag. Das war für mich ein Wunder. Wenn das unter diesen extrem schlechten Umständen noch so läuft, so dachte ich, wie wird das erst funktionieren, wenn das Unternehmen wieder fit ist?

Nicht wirklich gut: Sie haben teure Inhalte und machen Verlust.

Ich halte dagegen: Wir haben das Spiel gedreht und 2004 operativ deutlich schwarze Zahlen geschrieben. Innerhalb von 24 Monaten hat Premiere den Umsatz um 23 Prozent und die Anzahl der Abonnenten um 25 Prozent gesteigert. Welches andere Medienunternehmen hat das geschafft? Und wieso soll jetzt plötzlich Schluß sein?

Wer die Bundesliga live und Spielfilm-Premieren will, hätte sich schon lange ein Abo holen können.

RTL und Pro Sieben hatten Anfang der Neunziger gute Programme, aber hohe Einschaltquoten kamen erst später. Jedes Massengeschäft hat seine Trägheitsgesetze. Sie können nicht in einem Jahr zwei oder drei Millionen Abonnenten gewinnen. Die Leute entdecken Premiere erst nach und nach.

Geht 2006 ein dicker Brocken vom Emissionserlös für höhere Bundesliga-Rechte drauf?

Warum denn? Premiere besitzt ein erfahrenes Management, das reelle Preise zahlt. Schon vor einem Jahr haben wir, trotz der Gegengebote von Herrn Saban, einen vernünftigen Preis erzielt. Unsere Verhandlungsposition wird nach Sanierung und Börsengang besser denn je sein. Premiere hat einen enormen Entwicklungsvorsprung vor jedem denkbaren Pay-TV-Wettbewerber.

Die Vereine wissen doch ganz genau, daß ohne die Bundesliga bei Ihnen die Lichter ausgehen.

Die wissen aber auch, daß ohne das Geld von Premiere viele Lichter bei ihnen ausgehen. Liga und Premiere leben in einer Symbiose. Es gibt kein anderes Geschäftsmodell, das im Fernsehen mehr Geld für den Fußball herausholen könnte. Wer auf die Idee käme, neben Premiere mit Bundesligarechten einen zweiten Pay-TV-Sender hochzuziehen, müßte mit einem Risikokapital in der Größenordnung von einer Milliarde Euro aufwärts antreten. Das wäre kaufmännisches Harakiri.

Mehr Fans kriegen Sie nur, wenn die Bundesliga erst abends um zehn im freien Fernsehen läuft. Wie wollen Sie das durchsetzen?

Blicken Sie sich doch in Europa um. In Frankreich, Italien, Spanien oder England ist dies längst normal. Auch in Österreich wurde es sehr schnell akzeptiert. Premiere hat dort in sechs Monaten 30 Prozent mehr Abonnenten gewonnen.

Kommt das hier 2006?

Das ist die Entscheidung der Deutschen Fußball-Liga. Ich kann nur eines sagen: Auf unveränderter Basis wird der Beitrag des Fernsehens zur Finanzierung des Profifußballs kaum steigen können. Es müßte schon eine strukturelle Veränderung geben. Im Ausland kommt das große Geld nicht vom freien Fernsehen, sondern vom Pay-TV.

Dann wird es auch für Sie teuer.

Das ist die Grundbedingung. Ich bin bereit, dies zu akzeptieren. Für mehr Exklusivität kann Premiere auch mehr bezahlen, weil wir damit mehr Abonnenten gewinnen.

Ihre Strategie ist der Versuch, die Fans zu erpressen. Beschädigt das nicht Ihr Image?

Wir reden hier nicht über die Menschenrechtscharta der UN. Diejenigen, die viel Fußball in erstklassiger Qualität sehen wollen, zahlen mehr und andere eben weniger. Das ist wie der Unterschied zwischen Haupttribüne und Stehplatz. Premiere ist für praktisch jeden Geldbeutel erschwinglich. Wenn Sie wollen, daß die deutschen Vereine international wettbewerbsfähig sind, sollten Sie Premiere unterstützen.

Premiere ist ein Abo-TV-Sender in Deutschland und Österreich. Er hat neun Millionen Zuschauer und 3,25 Millionen Abonnenten. Mit dem Börsengang sollen Schulden abgebaut und der Spielraum erweitert werden. Die Erstnotiz ist für den 9. März geplant. Die Zeichnungsfrist beginnt am Mittwoch und geht bis zum 8. März. Premiere setzt knapp eine Milliarde Euro um und hat 2004 vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen 83 Millionen Euro verdient. Netto blieben Verluste. (stt.)

Das Gespräch führte Marcus Theurer



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.02.2005, Nr. 7 / Seite 51
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb

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