24. März 2007 Am Sonntag wird in Berlin der Musikpreis Echo verliehen. Doch die wirtschaftliche Krise zieht weite Kreise in der Pop-Branche. Der Musikmanager Frank Briegmann ist seit drei Jahren Deutschland-Chef beim Marktführer Universal Music. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht der 39 Jahre alte Manager über den Streit mit der Internetbranche, den Glücksfall Tokio Hotel und über falsches Krisenmanagement.
Herr Briegmann, gibt es wirklich Grund zu feiern beim Echo?
Natürlich. Der Echo ist der wichtigste deutsche Musikpreis. Wer immer am Sonntagabend einen bekommt - er wird ihn gebührend feiern.
Und wie ist die wirtschaftliche Lage?
Wir schätzen, dass der Gesamtumsatz der Branche in Deutschland 2006 um zwei bis 3 Prozent gesunken ist. Ich glaube auch, dass sich dieser Trend 2007 fortsetzen wird. Im Ergebnis haben wir weiter einen starken Verdrängungswettbewerb ...
... in dem Universal zu den Gewinnern zählt. Was machen Sie besser als die Konkurrenz?
Es stimmt, trotz des harten Umfelds ist unser Marktanteil seit 2004 von 29 auf 33 Prozent kontinuierlich gestiegen. Für uns hat sich ausgezahlt, dass wir früh auf deutsche Künstler gesetzt haben. Wir haben uns getraut, in diesem Bereich mehr zu investieren und die Budgets zu erhöhen. Das ist heute ein echter Wettbewerbsvorteil, denn der Anteil deutscher Musiker am Gesamtmarkt ist in den vergangenen Jahren um knapp die Hälfte auf 50 Prozent gestiegen. Universal hat mit neuen Bands wie etwa Tokio Hotel, Juli oder Ich&Ich diese Entwicklung vorangetrieben.
Ist der Aufschwung der deutschen Musik dauerhaft?
Ich denke, der Anteil wird sich auch langfristig halten. Ein weiteres Wachstum dieses Segments halte ich allerdings für unwahrscheinlich. Schließlich gibt es auch international viele großartige Talente.
Tokio Hotel war zuvor beim Konkurrenten BMG unter Vertrag und ist bei dessen Fusion mit Sony Music aus Kostengründen aussortiert worden.
Ja, es war ein Glücksfall, dass wir da zuschlagen konnten.
Sie müssten sich demnach auf die nächste Elefantenhochzeit - den möglichen Zusammenschluss von EMI und Warner Music - freuen. Fällt da wieder was ab für Universal?
Jeder in der Szene weiß, dass wir an guten Künstlern immer interessiert sind. Aber wir bauen bei unserer Geschäftsstrategie nicht darauf, dass bei anderen etwas abfällt. Wichtige Erfolgsfaktoren sind Kontinuität und Vertrauen. Bei keinem der großen Musikkonzerne hatten die Mitarbeiter in den vergangenen Jahren so stabile Rahmenbedingungen wie bei Universal. Einen massiven Stellenabbau wie bei der Konkurrenz - insbesondere im Kreativbereich - gab es bei uns nicht.
Wieso nicht?
Es ist kontraproduktiv für die Zusammenarbeit mit Musikern, wenn bei der Plattenfirma dauernd die Ansprechpartner wechseln und die Strukturen umgekrempelt werden. Natürlich ist der deutsche Musikmarkt seit der Jahrtausendwende um über 30 Prozent geschrumpft. Das erfordert Anpassungen. Aber wenn Sie als Reaktion einfach die Zahl ihrer Musiker und Mitarbeiter auch um 30 Prozent kürzen, machen Sie einen Riesenfehler. Das funktioniert nicht.
Auch für Universal stellt sich aber die Existenzfrage. Was bringt es, Hecht in einem Karpfenteich zu sein, der austrocknet?
Wie man an uns sieht, ist noch reichlich Leben im Teich. Das Musikgeschäft hat Zukunft, nur ändern sich die Rahmenbedingungen radikal. Das Internet hat die Musikindustrie revolutioniert, auch wenn die CD uns immer noch mehr als 90 Prozent unserer Umsätze bringt. Seit drei Jahren haben wir gute Wachstumsraten im Digitalvertrieb - also der Musik etwa für den iPod oder fürs Handy. Das gemeinsame Problem der Industrie ist dabei nur: Die Musik wird mehr geraubt als gekauft. Auf jeden legal gekauften Titel kommen derzeit 7 illegale. Geistiges Eigentum muss vom Gesetzgeber wesentlich stärker geschützt werden.
Kritiker wie Apple-Chef Steve Jobs sagen, Sie sollen Kunden, die für Digitalmusik bezahlen, nicht auch noch mit ärgerlichen Kopierschutzsperren bestrafen. Warum tun Sie es trotzdem?
Urheberrechte müssen auch im Netz gelten. Die beliebige Vervielfältigung von Musik können wir nicht akzeptieren. Wenn Sie zum Buchhändler gehen und sich einen Roman als Urlaubslektüre kaufen, können Sie sich auch nicht zwei weitere fürs Schlafzimmer und die Badewanne mitnehmen.
Mit demselben Argument hat die Musikindustrie auch lange den fast flächendeckenden Einsatz von Kopiersperren für CDs verteidigt. Und heute?
Der Vergleich hinkt. Es ist zwar richtig, dass wir bei der CD den Kopierschutz zurzeit nur selektiv einsetzen. Das aber nur deshalb, weil es keine Technik gibt, die zuverlässig schützt und zugleich das Abspielen im Auto und am Computer erlaubt. Wenn die Technik dafür zur Verfügung stünde, würden wir auch bei der CD flächendeckend davon Gebrauch machen.
Gerade hat der Medienkonzern Viacom die Videoclip-Börse Youtube auf Milliarden-Schadensersatz wegen Urheberrechtsmissbrauch verklagt. Was bedeutet das Web 2.0 für die Musikindustrie?
Wir haben mit Youtube als erste in der Musikindustrie eine Lizenzvereinbarung geschlossen. Wenn da jemand ein Privatvideo reinstellt, auf dem er zur Musik von Gwen Stefani tanzt, dann räumen wir unsere Rechte ein und verdienen mit. Faire Spielregeln können auch in neuen Medien erfolgreich etabliert werden.
Es gibt bereits erfolgreiche Bands wie die Arctic Monkeys, die den Durchbruch durch Mundpropaganda im Internet geschafft haben. Macht das Internet die Musikindustrie überflüssig?
Das ist doch eine Mär. Sicher gibt es zwei, drei solcher Erfolgsgeschichten. Die Musikindustrie bringt dagegen jedes Jahr Tausende Künstler hervor. Erfolgreiche Musiker sind Marken, die auch im Internet nicht von allein entstehen. Sie müssen - wie jedes Produkt - sorgsam aufgebaut und etabliert werden. Dafür braucht es weiterhin Marketingprofis, und das Knowhow dafür hat die Musikindustrie. Auf der anderen Seite profitieren wir sogar stark vom Web 2.0. Universal hat im vergangenen Jahr sein Marketingbudget massiv ins Internet verlagert. Das ist viel effizienter als andere Kanäle und spart uns Geld.
Das Gespräch führte Marcus Theurer.
Text: F.A.Z., 24.03.2007, Nr. 71 / Seite 12
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa
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