Internet-Browser

Die Ikone Netscape ist am Ende

Von Carsten Knop

Der schnellste wird auch der letzte Netscape Browser sein

Der schnellste wird auch der letzte Netscape Browser sein

30. Dezember 2007 Die Nachricht ist dem Medienkonzern AOL Time Warner keine offizielle Pressemitteilung mehr wert. Sie findet sich lediglich in einem Eintrag auf einer Nachrichtensite im Internet, in einem sogenannten Blog. Aber für die Computerbranche markiert sie ein Datum, das ohne Übertreibung als historisch bezeichnet werden kann: Der Internetbrowser Netscape Navigator, der die Internetrevolution erst möglich gemacht hat, ist am Ende.

Der Internetkonzern AOL wird vom 1. Februar an keine Sicherheitsupdates mehr veröffentlichen. Zur Begründung heißt es, Investitionen in die ausreichende Weiterentwicklung von Netscape hätten in der Unternehmensstrategie von AOL keinen Platz mehr. Den verbliebenen Nutzern wird lapidar empfohlen, auf den Firefox-Browser umzusteigen. Er ist vor einigen Jahre aus Netscape hervorgegangen und heute der stärkste Konkurrent des marktführenden Internet Explorer von Microsoft.

Netscape unterliegt Microsoft im „ersten Browser-Krieg“

Die erste Version des Netscape Navigator war 1994 auf den Markt gekommen. In der Mitte der neunziger Jahre hatte das Unternehmen einen Marktanteil von bis zu 85 Prozent. Vielleicht noch bedeutender: Der Netscape-Börsengang im Jahr 1995 gilt als der Startpunkt der New-Economy-Euphorie. Der Kurs der Netscape-Aktie schoss noch am ersten Handelstag vom Ausgabepreis von 28 Dollar auf 75 Dollar hoch. Weitere Börsengänge dieser Art sollten mit Unternehmen wie zum Beispiel Yahoo im Jahr 1996 folgen und dem kalifornischen Silicon Valley zu einem neuen Gründerboom verhelfen, der von Wagniskapitalgebern zunächst höchst gewinnbringend finanziert wurde.

Netscape allerdings wurde in den folgenden Jahren im sogenannten „ersten Browser-Krieg“ vernichtend von Microsoft geschlagen. Der größte Softwarekonzern der Welt veröffentlichte im Jahr des Netscape-Börsengang seinen Internet Explorer als Beigabe zu seinem marktbeherrschenden Computer-Betriebssystem Windows. Schon 1999 übernahm Microsoft die Führung im Browser-Markt; einige Jahre später erreichte der Marktanteil mit mehr als 95 Prozent einen Höhepunkt. Netscape war bereits 1998 von AOL gekauft worden, was den Niedergang des Programms aber nicht aufhalten konnte.

Der Quellcode steht zur Verwendung offen

Der Marktanteil von Netscape schrumpfte auf ein Prozent oder weniger - die letzte verfügbare Version in deutscher Sprache gilt als vollkommen veraltet und ist mit zahlreichen Sicherheitslücken behaftet. Das Netscape-Team setzte in der Zwischenzeit allerdings das sogenannte Mozilla-Projekt in Gang, aus dem der Internet-Browser Firefox hervorging, dem heute in verschiedenen Schätzungen ein Marktanteil zwischen 15 und 35 Prozent zugesprochen wird. Um dessen Entwicklung kümmert sich seit 2003 eine unabhängige Stiftung.

Der Quellcode, der dem Programm zugrunde liegt, steht allen Programmieren, die sich um seine Weiterentwicklung bemühen wollen, zur Verwendung offen. Schon die letzten Versionen des Netscape Navigator setzten auf der Mozilla-Software auf.

Jahrelanges Kartellverfahren

Der Netscape-Navigator hat aber noch manche andere Gesichte geschrieben. So war die Verknüpfung von Windows und Internet Explorer, mit der Microsoft auf den Navigator geantwortet hatte, einer der Gründe für das jahrelange Kartellverfahren, das in den Vereinigten Staaten gegen Microsoft geführt worden ist. In dessen Rahmen stand lange auch die Forderung nach einer Zerschlagung des Softwarekonzerns im Raum stand.

Interessant ist auch die persönliche Karriere von Marc Andreessen, der einer der Netscape-Gründungsväter war. Andreessen hatte gemeinsam mit Eric Bina an der University of Illinois den sogenannten Mosaic-Browser programmiert, der zur Grundlage der Netscape-Technik werden sollte. Nach seinem Abschluss an der Universität 1993 ging Andreessen nach Kalifornien und traf er auf James H. Clark, den Gründer von Silicon Graphics, der in Mosaic ein großes wirtschaftliches Potential sah und die Gründung einer Firma zur Vermarktung anregte.

AOL investiert 4,2 Milliarden Dollar

1994 gründeten beide im kalifornischen Mountain View die Mosaic Communications Corporation und Andreessen wurde Vizepräsident. Da die University of Illinois der Nutzung des Namens Mosaic nicht zustimmte, benannte man die Firma in Netscape Communications Corporation um und entwickelte den Browser Netscape Navigator. Andreessen engagierte sich in der Folge für eine möglichst weite öffentliche Verbreitung des Programms, welches frei im Internet zur Verfügung gestellt wurde. Mit dem Börsengang von Netscape wurde der damals 25 Jahre alte Andreessen zum Wunderkind der Internetgeneration. Auch Microsoft entwickelte den Code des Internet Explorer mit der Hilfe einer Mosaic-Lizenz von der University of Illinois.

Als Netscape für 4,2 Milliarden Dollar von AOL gekauft wurde, wechselt auch Andreessen zunächst zu AOL, verließ das Unternehmen aber 1999 und gründete das Internet-Diensleistungsunternehmen Loudcloud, das seinerseits 2001 an die Börse ging sich nach dem Verkauf seines Servicesegments an die Electronic Data Systems in Opsware umbenannte. Opsware wurde im September 2007 für rund 1,6 Milliarden Dollar an Hewlett-Packard verkauft. Heute gilt Andreessens Interesse unter anderem der Community-Plattform Ning, die er 2005 mitgegründet hat, und dem Unternehmen Digg, einem Anbieter sogenannter „Social Bookmarks“, der sich auf jede Art von Nachrichten, Videos und Podcasts spezialisiert hat.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Archiv, F.A.Z.

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