Apothekenmarkt in Deutschland

„Regulieren wie die Zulassung von Ärzten“

09. August 2006 Die Celesio AG aus Stuttgart ist der größte Pharmahändler Europas und betreibt vor allem in Großbritannien eigene Apotheken. Nach dem Richterspruch im Fall der Versandapotheke Doc Morris fordert Celesio-Vorstandschef Fritz Oesterle eine neue Regulierung des deutschen Apothekenmarktes.

Herr Oesterle, die niederländische Versandapotheke Doc Morris darf ihre Filiale in Saarbrücken vorerst weiterbetreiben. Ist das für Celesio der Startschuß, sich selbst zu engagieren?

Nein, auf gar keinen Fall. Das Landgericht Saarbrücken hat nur gesagt, nach seiner Auffassung sei die Betriebserlaubnis nicht offensichtlich rechtswidrig. Jetzt liegt der Fall bei den Verwaltungsgerichten. Bis die endgültig entscheiden, kann das zwei oder drei Jahre dauern. Auf diese Weise entsteht die höchst unbefriedigende Situation, daß man im kleinsten aller Bundesländer beliebig Apotheken eröffnen kann, im Rest der Republik aber nicht. Es sei denn, der saarländische Gesundheitsminister Hecken startet eine juristische Charmeoffensive und überzeugt seine Kollegen in Thüringen, Bayern und anderswo. Das Kasperletheater machen wir nicht mit. Celesio wartet, bis die Situation stabil ist.

Heißt das, Sie überlassen das Feld lieber den Konkurrenten? Kaufen wir Aspirin oder verschreibungspflichtige Medikamente bald bei Schlecker ein?

Natürlich kann es sein, daß Doc Morris noch einige Apotheken aufmacht. Vielleicht eröffnet auch eine Drogeriekette fünf oder zehn Apotheken oder besser „Apothekenecken“ in ihren Läden im Saarland. Aber ich erwarte nicht, daß deutsche oder ausländische Großunternehmen groß in den Markt einsteigen, solange es keine bundesweit einheitliche Regelung gibt.

Verbraucher finden es natürlich gut, wenn Medikamente etwas billiger sind. Gerade alte Menschen oder Familien mit einem schmalen Budget werden glücklich sein über diesen neuen Wettbewerb, oder nicht?

Die Preise für verschreibungspflichtige Arzneimittel sind staatlich festgelegt, wie in anderen europäischen Ländern auch. Die Erfahrung machen jetzt auch die Kunden, die zu Doc Morris nach Saarbrücken kommen: kein Preisvorteil bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Und was nicht verschreibungspflichtig ist, macht am Umsatz einer durchschnittlichen Apotheke nur etwa ein Fünftel des Umsatzes aus.

Was würde die Liberalisierung des Apothekenmarktes überhaupt verändern?

Da muß man Wildwuchs befürchten. Manche Drogerie und mancher Supermarkt würde bestimmt eine Apothekenecke einrichten und dort mit Kampfpreisen beispielsweise für Schmerzmittel werben. Mancher Kunde bringt dann dorthin auch sein Rezept - und damit verlieren Apotheken in Vorstädten oder auf dem Land ihre wirtschaftliche Basis. Die hätten dann nur noch Lückenbüßerfunktion für Notfälle. Davon kann kein Apotheker leben.

Haben Sie eine Idee, wie man mehr Wettbewerb in den Apothekenmarkt bringt und dennoch die flächendeckende Versorgung sicherstellt?

Man könnte die Betriebserlaubnisse für Apotheken ähnlich regeln wie die Kassenzulassung von Ärzten. Da ist es ja auch so, daß Ärzte nur dort eine Kassenzulassung bekommen, wo noch Bedarf besteht. Ohne Kassenpatienten können natürlich nur bestimmte Lifestyle-Ärzte bestehen, und das Geschäftsmodell für Apotheken ohne Kassenzulassung wäre auch ein anderes. Aber es würde den Überbesatz an attraktiven Standorten eindämmen. Übrigens würde das auch verhindern, daß ein Neueröffnungsboom zu Lasten der Kassen ginge. Es ist statistisch erwiesen, daß die Nachfrage nach Medikamenten um so höher ist, je mehr Apotheken es an einem Ort gibt.

Das heißt, Sie fordern eine politische Initiative?

Ja, wir dürfen dieses sensible Thema nicht den Gerichten überlassen. Die Politik muß Flagge zeigen. Jetzt hat sie das Heft des Handelns noch in der Hand und könnte noch gestalten. Die EU-Kommission vertritt klar die Meinung, daß Beschränkungen für Apotheken, wie sie in Deutschland bestehen, aber auch in Italien und Spanien, nicht korrekt sind. Die Bundesregierung könnte jetzt sagen: Wir wollten zwar das Apothekenrecht nicht ändern, aber wir tun es, solange wir noch gestalten können.

Das Gespräch führte Susanne Preuss.



Text: F.A.Z., 10.08.2006, Nr. 184 / Seite 11
Bildmaterial: Marcus Kaufhold

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