Frankfurt

Das Herz des Internets

Von Manfred Köhler

Das Herz des Internets ist aus Metall: Schränke voller Rechner bei Interxion

Das Herz des Internets ist aus Metall: Schränke voller Rechner bei Interxion

16. August 2007 Schon auf der Hanauer Landstraße ist an Verkehr kein Mangel, aber noch viel mehr Verkehr herrscht nebenan. Wer in Deutschland eine E-Mail schreibt oder im Internet surft, dessen Daten fließen mit großer Wahrscheinlichkeit durch einen der Rechner, die in einem von vier nicht weiter auffälligen Gebäuden rechts der Straße stehen, wenn man auf Fechenheim zufährt und den Ratswegkreisel gerade hinter sich gelassen hat. Auf der anderen Seite der Hanauer Landstraße findet sich eine Autowaschstraße im XXL-Format. Vom Prunk und Protz des Bankenviertels ist man hier nicht nur in räumlicher Hinsicht weit entfernt.

Es ist den Managern der Interxion Deutschland GmbH aber wahrscheinlich ganz recht, dass ihr Quartier in einer überaus gewöhnlichen Gegend liegt. Denn wo das Internet nicht nur eine flüchtige Erscheinung auf einem Computerbildschirm ist, sondern Gestalt annimmt in Form von Kabelsträngen und Schränken voller Rechner, ist das Bedürfnis nach Sicherheit groß. Nur ein kleines Schild weist an der Hanauer Landstraße auf das Unternehmen hin. Die vier Gebäude sind gut bewacht, und am Ein- und Ausgang werden Besucher gewogen. So will das Unternehmen sicherstellen, dass nicht unversehens ein Rechner verschwindet.

Leistung von 25.000 Kühlschränken

Interxion Deutschland, Tochter eines niederländischen Konzerns im Besitz von internationalen Finanzinvestoren, hat ein durchaus einfaches Geschäftsmodell: Es stellt die Räume bereit, in denen dann andere ihre Rechner aufbauen. Es ist dann aber doch viel komplizierter, als es zunächst klingt. Allein zur Kühlung der Räume, die zusammen eine Fläche von 7200 Quadratmetern haben, werden Geräte benötigt, die soviel leisten wie 25.000 Kühlschränke. Wie groß der Strombedarf ist, zeigt sich daran, dass sich mit den sechs Schiffsdieselmotoren, die für einen Stromausfall bereitstehen, eine Kleinstadt mit 35.000 Haushalten versorgen ließe.

Es ist, wie so vieles im Internet, eine Wachstumsgeschichte. Im deutschsprachigen Raum erzielte Interxion nach eigenen Angaben 2006 rund 29 Millionen Euro Umsatz. 2003 waren es 20 Millionen gewesen. Bei einem Besuch des hessischen Wirtschaftsministers Alois Rhiel (CDU) wies Geschäftsführer Peter Knapp gestern darauf hin, dass das Unternehmen zuletzt 2,5 Millionen Euro in Frankfurt investiert habe, um weitere Rechner unterbringen zu können. Die Zahl der Arbeitsplätze allerdings bleibt überschaubar: 2004 beschäftigte Interxion in Frankfurt 35 Frauen und Männer in Festanstellung, derzeit sind es 40. Hinzu kommen 30 Kräfte, die von anderen Unternehmen kommen, vor allem für die Sicherheit.

Zwei von vier Internetknoten

Einer der wichtigsten Nutzer der Räume ist die Kölner De-Cix Management GmbH, ein Zusammenschluss von Internet-Anbietern. Er betreibt in Frankfurt vier Internet-Knoten, von denen zwei bei Interxion untergebracht sind, zwei weitere – kleinere – bei anderen Unternehmen an der Gutleutstraße und der Kleyer Straße. Über die vier Knoten zusammen werden nach De-Cix-Angaben gut 80 Prozent des Internet-Verkehrs in Deutschland geleitet, einschließlich der E-Mails. Seit im vergangenen Jahrzehnt diese Knoten nach und nach aufgebaut wurden, sind die Zeiten vorbei, in denen eine E-Mail von Hamburg nach München über die Vereinigten Staaten geleitet wurde. Die Datenmengen, die allein durch Frankfurt fließen, sind unvorstellbar: 200 Gigabit je Sekunde. Noch unvorstellbarer sind nur die Wachstumsraten. 2004 war es gerade ein Zehntel davon.

Doch bei Interxion stehen nicht nur die De-Cix-Rechner. An die 70 Betreiber von Glasfaser- und Kupferkabelnetzen haben dort Computer untergebracht, zum Beispiel Alice, ferner etwa 80 Internet Service Provider wie Freenet, schließlich zahlreiche Unternehmen und Organisationen aus anderen Branchen, die ihre Anlagen dort sicherer verwahrt wissen als in den eigenen Räumen. Dazu zählt die Industrie- und Handelskammer Frankfurt, aber auch Konzerne wie Siemens und IBM nutzen diese Möglichkeit.

Doppelt verkabelt

Interxion hat einen weiteren Standort in Düsseldorf aufgebaut, doch nach den Worten des Unternehmenssprechers wollen Neukunden zumeist ihre Rechner doch lieber in Frankfurt unterstellen. Das wichtigste Argument sei die Nähe zu den Rechnern der anderen. Auch wenn es nur um Millisekunden gehe – Nähe spare bei der Datenübertragung Zeit. Insofern sei nicht anzunehmen, dass Düsseldorf Frankfurt den Rang ablaufe. Im Gegenteil: Der Standort an der Hanauer Landstraße solle noch einmal erweitert werden. Inzwischen wird das Gelände fast zu klein.

In den Rechnerräumen selbst sieht es denkbar schlicht aus. Hinter Gittertüren stehen übereinander und nebeneinander Rechner, die ein wenig an den Tuner der heimischen Stereoanlage erinnern, Kabelstränge hängen unter der Decke, einige Lämpchen flackern. Eine vollständige Liste der Kunden würde man niemals herausrücken, viele Unternehmen wollten das nicht, heißt es. Lieber redet der Sprecher über die hohen Sicherheitsvorkehrungen, zu denen auch zählt, dass das Unternehmen nicht nur an die vielen Kabel unter der Hanauer Landstraße angeschlossen ist, sondern auch an einen zweiten Kabelstrang unter der Weismüllerstraße, die parallel dazu verläuft, an der Seite zum Main hin. Denn das will Interxion nun auf jeden Fall verhindern: Dass all die moderne Technik schlicht durch einen Baggerfahrer ausgeknockt wird, der beim Baggern auf dem Bürgersteig einen Moment nicht achtgibt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Interxion

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