11. Juni 2007 Fragt man angelsächsische Medienmanager, ob Web 2.0 eine Blase sei, die in den kommenden zwei Jahren platze, antwortet die große Mehrheit mit einem klaren Nein. Auf die gleiche Frage antworten aber 47 Prozent der deutschen Führungskräfte dieser Branche mit Ja. Auch in der Einschätzung, ob Web 2.0 eine große Wachstumschance für Medien darstelle, gehen die Meinungen auseinander: 65 Prozent der angelsächsischen Manager, aber nur 36 Prozent ihrer deutschen Kollegen sehen das soziale Internet als Wachstumsmotor für das eigene Unternehmen, hat eine Umfrage der Unternehmensberatung Accenture ergeben.
Die Deutschen laufen hinterher
"Web 2.0 ist in den Vereinigten Staaten und England schon viel weiter verbreitet. Die Deutschen laufen noch etwas hinterher. Außerdem sind die Deutschen bei solchen Themen eher skeptisch, bis ein richtiges Geschäftsmodell gefunden ist", liefert Nikolaus Mohr von Accenture zwei mögliche Erklärungen für die Unterschiede, die sich auch in der Bewertung abgeschlossener Übernahmen im Web-2.0-Umfeld zeigen. 37 Prozent der angelsächsischen Manager waren der Meinung, Rupert Murdoch habe für Myspace nicht zu viel Geld gezahlt. Dagegen fanden nur 6 Prozent der deutschen Manager die Summe von 580 Millionen Dollar für die Online-Gemeinschaft gerechtfertigt.
Sicher keine Modeerscheinung
Dabei ist der Trend in Richtung der sozialen Medien nach Meinung von Mohr längst unumkehrbar geworden. "Web 2.0 ist sicher keine Modeerscheinung. Die Medienmanager müssen sich darauf einstellen, dass diese Entwicklung ihre Geschäftsmodelle verändert, und sich Gedanken über neue Modelle machen. Sich dagegen zu wehren ist sicher der falsche Weg", sagte Mohr.
Die meisten Befragten messen der Werbung eine steigende Rolle als Geschäftsmodell in der digitalen Medienbranche zu. "Bezahlmodelle gibt es für einzelne Anwendungen sicher weiterhin, aber ihre Bedeutung sinkt", sagte Mohr.
Werbebudgets fließen weiterhin großen Portalen zu
Alle befragten Manager erwarten, dass der Großteil der Werbeausgaben im Netz weiterhin den großen Internet- und Nachrichtenportalen zufließt. Aber auch in dieser Frage gibt es große regionale Unterschiede: Nach Ansicht der Manager außerhalb des deutschen Sprachraums fließen Seiten mit nutzergenerierten Inhalten wie Blogs und sozialen Gemeinschaften wie Myspace weit höhere Anteile an den Werbebudgets zu, als dies deutsche Manager erwarten. Besonders stark ist der Unterschied in der Bewertung der Videowerbung, die in den Vereinigten Staaten und England als weit wichtiger angesehen wird als in Deutschland.
Rund die Hälfte der Befragten war der Meinung, dass es noch mehr als fünf Jahre dauern wird, bis die Erlöse aus der Online-Werbung die traditionelle Werbung überholen. Die andere Hälfte erwartet diese Entwicklung früher. Fast alle Werbefachleute waren der Ansicht, dass das Suchmaschinenmarketing, wie es Google betreibt, der wichtigste Wachstumstreiber in der Online-Werbung in den kommenden drei Jahren bleiben werde.
Blogs werden professionelle Inhalte nie ersetzen
Inhalteaggregatoren wie Digg.com, die Nutzer Artikel bewerten lassen, werden von der Mehrheit der Verlagsmanager in Amerika und England schon als Gefahr für ihr Unternehmen angesehen, während deutsche Manager darin kein Problem sehen.
Nur in einem Punkt waren sich die Verlagsmanager aber über alle Grenzen hinweg einig: Blogs und andere nutzergenerierte Inhalte werden professionelle, hochwertige Inhalte niemals ersetzen.
Text: ht. F.A.Z., 11.06.2007, Nr. 132 / Seite 23
Bildmaterial: AP
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