06. März 2006 Der Hamburger Internetzugangsdienst Freenet plant den Einstieg in den Mobilfunk. Zur Computermesse Cebit in Hannover wird Freenet sogenannte Dual-mode-Handys des finnischen Herstellers Nokia und des amerikanischen Produzenten UT-Starcom zeigen, die neben dem normalen Mobilfunk auch die Internet-Telefonie beherrschen. "Wer Zugang zu einem lokalen Funknetz (W-Lan) hat, kann mit den Handys über das Internet telefonieren. In Gebieten ohne W-Lan bucht sich das Gerät ganz normal in das Mobilfunknetz ein", sagte der Freenet-Vorstandsvorsitzende Eckhard Spoerr dieser Zeitung. Die Mobiltelefone können über das Internet zum Beispiel auf stets aktuelle Adreßdatenbanken oder Kalender zugreifen. Der Starttermin für die Vermarktung könnte der Mai sein.
Der zweite Versuch
Die Dual-mode-Handys von Nokia und UT-Starcom sind der zweite Versuch von Freenet, in diesem jungen Markt Fuß zu fassen. Zur Cebit im vergangenen Jahr hatte Freenet bereits ein ähnliches Gerät angekündigt, das vom französischen Hersteller Alcatel stammen sollte und eine Verbindung zum Internet über den Kurzstreckenfunk Bluetooth herstellen sollte. Das Gerät mit dem Namen IP1 kam aber nie auf den Markt. "T-Mobile und Vodafone haben damals Druck auf die Handyhersteller ausgeübt und den Markt blockiert", sagte Spoerr. Diesem Druck hätten sich alle Gerätehersteller gebeugt. Jetzt führten die beiden großen Netzbetreiber ihrerseits kombinierte Handys für Mobilfunk und Internettelefonie ein. "Innovationen kann man eben nicht dauerhaft verhindern", sagte Spoerr.
Kooperation mit Fon.com oder The Cloud
Die neuen Geräte können nicht nur im Funknetz zu Hause, sondern auch an jedem öffentlichen W-Lan-Zugangspunkt für die Internettelefonie genutzt werden. Um die Zahl der Zugangspunkte zu vergrößern, denkt Spoerr darüber nach, ob die DSL-Kunden von Freenet bereit sind, ihr Funknetz zu Hause für andere Anwender zur Verfügung zu stellen. Die Mehrzahl der rund 700000 DSL-Kunden nutze ein lokales Funknetz in den eigenen vier Wänden. Auch eine Kooperation mit dem spanischen Unternehmen Fon.com sei möglich, sagte Spoerr. Fon.com ist das neueste Projekt von Martin Varsavsky, der den spanischen Onlinedienst Ya.com im Jahr 2000 für rund 550 Millionen Euro an T-Online verkauft hat. Nun will Varsavsky private Internetnutzer bewegen, ihre W-Lans für andere zu öffnen. Freenet führt bereits Gespräche mit der deutschen Repräsentantin von Fon.com, der ehemaligen Neun-Live-Chefin Christiane zu Salm. Ebenfalls denkbar sei eine Zusammenarbeit mit dem britischen W-Lan-Betreiber The Cloud, der gerade eine entsprechende Infrastruktur in Deutschland aufbaut. The Cloud baut die Zugangspunkte für Vodafone auf, stellt seine Dienste aber auch anderen Unternehmen zur Verfügung.
Free-TV über DSL macht keinen Sinn
Neben dem Mobilfunk wird Freenet die Computermesse auch für den Einstieg in das Internetfernsehen nutzen. "Allerdings haben wir überhaupt kein Interesse, Fernsehen über die DSL-Leitung zu übertragen. Das finanzielle Risiko ist uns viel zu groß", sagte Spoerr. Freenet muß als sogenannter Wiederverkäufer ebenso wie United Internet oder AOL für jedes übertragene Gigabyte Geld an den Netzbetreiber Deutsche Telekom zahlen. Je Gigabyte werden rund 40 Cent fällig, so daß sich die Übertragung von Filmen, die hohe Datenmengen enthalten, nicht lohnt. "Auch Video in demand ist erst attraktiv, wenn die Filmindustrie die guten Filme für den Download im Internet zur Verfügung stellt", sagte Spoerr.
Software für Internet auf dem Fernsehen
Statt dessen bringe Freenet eine Software auf den Markt, die eine Verbindung zwischen Computer, Internettelefon und Fernseher herstelle. "Wenn eine E-Mail eingeht, erscheint eine Nachricht auf dem Fernsehschirm. Mit der Fernbedienung kann man sich die E-Mail auch anzeigen lassen. Auch Anrufe werden angezeigt. Der Nutzer kann dann mit der Fernbedienung entscheiden, ob er den Anruf entgegennehmen will, und den Film solange stoppen", sagte Spoerr. Notwendig ist dafür ein Computer mit einer Fernsehkarte, der als digitaler Videorekorder arbeitet.
Text: F.A.Z., 06.03.2006, Nr. 55 / Seite 21
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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