Von Holger Schmidt
06. August 2007 Google hat rund 30 verschiedene Produkte auf den Markt gebracht. Aber nur mit einem Produkt machen sie Gewinn, lästerte Microsoft-Gründer Bill Gates dieser Tage. Der Mann hat recht. Trotz vieler Schlagzeilen über Googles Videoseite Youtube oder den Kauf der Werbefirma Doubleclick - das Brot-und-Butter-Geschäft von Google ist die Suche im Internet, verantwortlich für Gewinne in Milliardenhöhe und traumhafte Margen.
Und damit das auch so bleibt, hat Google die besten Köpfe unter seinen 14.000 Mitarbeitern an einem Ort zusammengezogen - im Gebäude 43 auf dem Googleplex im kalifornischen Mountain View. In vielen kleinen Teams arbeiten sie an der Suche der Zukunft, die neben Texten auch Videos, Bilder oder Landkarten umfasst, die persönlichen Vorlieben der Nutzer kennt, auf dem Handy mindestens genauso gut wie auf dem Computerbildschirm funktioniert und unabhängig von der Sprache ist.
Welt der Softwareingenieure, Mathematiker und Computerwissenschaftler
Der Blick in die geheimen Forschungslabors von Google zeigt: Hier ist die Welt der Softwareingenieure, Mathematiker und Computerwissenschaftler, fast alle mit einem Doktortitel einer berühmten Universität ausgestattet. Wie Forschungsdirektor Peter Norvig, den Google 2001 von der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa abgeworben hat. Norvig, einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, arbeitet an der Überwindung der Sprachbarrieren im Internet.
Gute Informationen in unbekannten Sprachen bleiben den meisten Internetnutzern verborgen. Norvig und sein Team wollen das ändern - in typischer Google-Manier mit geballtem Technikeinsatz. Normalerweise werden für ein solches Projekt Sprachwissenschaftler eingestellt. Wir haben darauf verzichtet und alles mit Statistik gelöst, nicht mit Sprachregeln oder Grammatik. Niemand in unserem Team spricht Arabisch oder Chinesisch, erklärt Norvig.
Rechenkraft von Hunderttausenden Netzwerkrechnern
Das Verfahren funktioniert so: Wir beginnen mit dem ersten Wort oder Zeichen eines Satzes und schauen nach, welches Wort in anderen Dokumenten besonders häufig darauf folgt. Während andere Systeme eine Milliarde Wörter in Sequenzen bis drei Wörter durchsuchen, können wir eine Billion Wörter in Sequenzen bis sieben Wörter verarbeiten. Mit diesem Verfahren haben wir das weltbeste Übersetzungsprogramm geschaffen, sagt Norvig.
Möglich macht das die Rechenkraft der Hunderttausende Netzwerkrechner in den Google-Rechenzentren. Unser Verfahren geht auf IBM zurück, die damit in den neunziger Jahren experimentiert haben. Aber IBM hatte damals nicht die nötige Computerkapazität. Wir haben sie, sagt Norvig. Google bietet inzwischen Übersetzungsdienste für Chinesisch, Russisch und Arabisch an. Weitere Sprachen sollen folgen, damit die Suche in Zukunft auch fremdsprachige Internetseiten einschließt.
Am semantischen Web bisher gescheitert
Am semantischen Web, das nicht nur Wörter miteinander in Verbindung bringt, sondern den Inhalt wirklich versteht, ist aber auch Google bisher gescheitert. Das semantische Web sollte uns weiterhelfen können. Wir haben es bisher nicht ins Laufen gebracht. Sollten die semantische Ressourcen eines Tages besser werden, können sie uns aber helfen. Es gibt Sätze, die wir mit unserer Statistik niemals übersetzen können. Google arbeitet als Mitglied der Brancheninitiative W3C unter der Führung des Web-Pioniers Tim Berners-Lee an der Entwicklung des semantischen Webs mit. Sollte es eines Tages funktionieren, könnte das neuen Suchmaschinen wie Hakia helfen, den technologischen Vorsprung von Google zu mindern.
Eine Bedrohung für Google sieht Norvig darin nicht: Das semantische Web ist für viele Dinge gar nicht zu gebrauchen. Ähnlich pessimistisch ist Norvig gegenüber dem Versuch des amerikanischen Start-ups Powerset, bessere Suchmaschinen mit Hilfe der Natural Language bauen wollen. Es gibt immer neue Suchmaschinen, deren Technik in der Presse hochgejubelt wird. Sie können mir glauben: Wir arbeiten auch an all diesen Techniken und werden sie einsetzen, wenn sie unser Produkt besser machen, sagt Norvig.
Integration des Mobiltelefons in die Computerwelt
Viel wichtiger als das semantische Web ist für die Google-Forscher in Gebäude 43 das Zukunftsprojekt Mobilität. Es gibt etwa 900 Millionen Computer auf der Welt, die an das Internet angeschlossen sind. Aber es gibt mehr als drei Milliarden Mobiltelefone, mit denen ein Zugang zum Internet möglich ist. Für uns ist klar: Die Nutzung der Suche und Anwendungen auf mobilen Geräten sind kritische Faktoren für den künftigen Erfolg von Google, sagt Douglas Merrill, der vom Finanzdienstleister Charles Schwab zu Google gekommen ist. Ihm geht es aber nicht nur darum, die Suchfunktionen mobil zu machen.
Besonders spannend für uns ist die Integration des Mobiltelefons in die Computerwelt. Ein Mobiltelefon ist immer mit dem Internet verbunden. Google kann mir zum Beispiel zehn Minuten vor dem nächsten Termin, der in meinem Google-Kalender eingetragen ist, eine SMS zur Erinnerung senden. Das klingt simpel, aber solche Anwendungen machen den Wert eines persönlichen Gerätes aus, sagt Merrill. Das Handy kann auch helfen, Informationen zu erzeugen. Man kann das Handy nutzen, um zum Beispiel ein Foto zu schießen, es gleich in einen Fotodienst hochzuladen und dabei Daten wie Zeit und Ort mitzuliefern. Wir werden noch einige Produkte in dieser Richtung ankündigen, die Informationen mit dem Mobiltelefon erzeugen.
Einstieg Googles in die mobile Navigation
Merrill deutet auch den Einstieg Googles in die mobile Navigation an. Wenn das Mobiltelefon immer mit dem Internet verbunden ist, kann sich die Information mit dem Nutzer bewegen. Wir können uns eine Anwendung vorstellen, dass sich die Information über den richtigen Weg zu einem Ziel auf dem Handy mit dem Nutzer mitbewegt, sagt Merrill. Die Arbeit von Norvigs Team soll auch in den Mobilfunk einfließen.
Wenn ich in irgendeinem Land, dessen Sprache ich nicht spreche, einfach in meiner Sprache ,wo ist das nächste Restaurant' in mein Handy spreche und dann in meiner Sprache die richtige Antwort bekomme? Das wäre doch cool, oder?, sagt Merrill. Die Spracherkennung erledigen selbstverständlich auch Computer. In den Vereinigten Staaten können die Menschen die kostenfreie Google-Telefonnummer 411 anwählen und ihren Suchbegriff sagen. Ein Google-Computer liest die Suchergebnisse am Telefon vor.
4,6 Milliarden Dollar für eine Mobilfunkfrequenz
Die Produktion eines eigenen Google-Mobiltelefons will Merrill aber nicht bestätigen. Wir steigen nur in Märkte ein, in denen wir eine einzigartige Stellung haben. Handy-Hersteller gibt es bereits viele gute. Für uns machen Kooperationen mehr Sinn. Allerdings könnte Google über diesen Punkt noch einmal nachdenken, denn das Unternehmen hat angekündigt, mindestens 4,6 Milliarden Dollar für eine amerikanische Mobilfunkfrequenz bieten zu wollen.
Sollte Google den Zuschlag erhalten, könnte das Unternehmen ein drahtloses Breitbandnetz in den Vereinigten Staaten aufbauen und den etablierten Mobilfunkunternehmen mächtig Konkurrenz machen. Denn Google würde voraussichtlich ein komplett anderes Geschäftsmodell aufziehen: Die Datenübertragung wäre wahrscheinlich kostenlos für den Nutzer; das Geld könnte Google wie bisher mit Werbung verdienen. Google könnte dann doch das Google-Phone - mit eigener Software - auf den Markt bringen und damit versuchen, seine Vorherrschaft im Netz auf den Mobilfunk auszudehnen.
Die personalisierbare Suchmaschine heißt iGoogle
Der besonderen Aufmerksamkeit seines Vorstandsvorsitzenden Eric Schmidt ist sich Sep Kamvar sicher, dessen Start-up 2003 von Google übernommen wurde. Kamvar, im Nebenberuf noch Stanford-Professor und Modeschöpfer, forscht an der persönlichen Suche, die einen besonders hohen Stellenwert genießt.
Die persönliche Suche ist vielleicht das nächste, große Ereignis im Internet. Jeder weiß mehr über sich als irgendjemand anderes. Wenn ich also Paris eintippe, kann Google anhand früherer Suchanfragen sehr schnell herausfinden, ob ich Paris Hilton oder die französische Hauptstadt meine´, und mir das beste Suchergebnisse zeigen, sagt Schmidt. Die personalisierbare Suchmaschine heißt iGoogle. iGoogle ist das am schnellsten wachsende Produkt im Unternehmen, sagt Kamvar nicht ohne Stolz, denn Wachstumsraten von 20 Prozent oder mehr im Monat sind bei Google normal.
Niemand wird gezwungen, die Google-Suche zu nutzen
Wenn Google einen Kontext zum Nutzer hat und weiß, wer ich bin, dann werden die Suchergebnisse einfach besser. Der Vorteil wird umso größer, je weniger fortgeschritten die Nutzer die Suchmaschine einsetzen, also je weniger spezifiziert die Suchanfragen sind, sagt Kamvar. Im Moment fließen in die persönliche Suche nur die Web-Historie und der Aufenthaltsort ein. Informationen aus dem E-Mail-Programm GMail oder der Textverarbeitung werden nicht berücksichtigt. Ich denke nicht, dass diese Informationen viel bringen. Auch Nutzerangaben über persönliche Interessen verbessern die Suchergebnisse nicht wesentlich. Uns ist klar: Der beste Indikator sind Suchen in der Vergangenheit, sagt Kamvar. Seit der vergangenen Woche gibt es die historische Suche auch in Deutschland.
Allerdings wird die persönliche Suche in der Internet-Szene aus Gründen des Datenschutzes sehr kritisch beobachtet. Daher weisen Google-Mitarbeiter bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hin, wie Google die Privatsphäre der Nutzer schützt. Die persönliche Suche wird nicht automatisch eingeschaltet, sondern der Nutzer muss die Web-Historie aktiv einschalten. Außerdem kann er einzelne Suchergebnisse und die ganze Web-Historie jederzeit löschen oder zu anderen Suchmaschinen mitnehmen, erklärt Kamvar. Überdies werde niemand gezwungen, die Google-Suche zu nutzen.
Das große Zukunftsprojekt ist die universelle Suche
In Amerika bereits im Einsatz ist das vierte große Zukunftsprojekt von Google, die universelle Suche. Wir haben Suchmaschinen für Videos, für Bilder, für Bücher. Wir dachten, es ist an der Zeit, die Suchmaschinen zusammenzuführen, sagt Entwicklungschefin Marissa Mayer, die bereits 1999 von der Schweizer Bank UBS zu Google stieß. Die beste Antwort auf eine Frage kann auch ein Video oder eine Nachricht sein. Deshalb haben wir sechs Suchmaschinen in einer Maschine zusammengefasst. Zum Beispiel bringt die Suche nach Steve Jobs, einem meiner Lieblingsmanager, unter den ersten Treffern jetzt auch ein Video einer Rede, die er im vergangenen Jahr in Stanford gehalten hat. Dieses Video gibt dem Nutzer einen guten Eindruck, wer Steve Jobs ist, erklärt Mayer.
Statt einer Suche im Web werden nun sechs Suchen parallel ausgeführt - aber leider haben wir dafür nicht die sechsfache Zeit. Die sechsfache Suche darf weiterhin maximal eine halbe Sekunde dauern. Deshalb mussten wir eine neue Infrastruktur bauen; wir mussten die ganze Suchmaschine fundamental umbauen, sagt Mayer. Auch sie profitiert von den Ergebnissen anderer Teams. Die Spracherkennung lässt sich an vielen Stellen verwenden. Zum Beispiel können wir die Worte, die Steve Jobs während der Rede gesagt hat, erkennen und mit dem Video verbinden. Auf diese Weise können Videos besser mit Suchen verknüpft werden, erklärt Mayer.
Text: F.A.Z., 06.08.2007, Nr. 180 / Seite 19
Bildmaterial: Bloomberg News, Google, Holger Schmidt
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Reaktionen auf die Entscheidung: Untergang am Samstag um 15.30 Uhr
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
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| TecDax | 721,58 | -3,36 |
| DowJones | 11.349,28 | -2,43 |
| Nasdaq | 2.280,11 | -1,97 |
| STOXX 50 | 3.354,58 | -0,97 |
| Nikkei 225 | 13.603,31 | +2,18 |
| Euro/Dollar | 1,57 | +0,00 |
| Bund Future | 110,94 | +0,75 |
| Gold | 931,07 | +0,37 |
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