Internet

"Fernsehen ist gut. Internet-Fernsehen ist besser"

Von Holger Schmidt

Niklas Zennström

Niklas Zennström

29. Januar 2007 "Wenn man sich das heutige Fernsehen anschaut, sehen wir dort sehr wenige Innovationen." Der Satz klingt völlig unspektakulär - wenn er nicht von Niklas Zennström stammen würde. Ähnlich nüchtern hat sich der 40 Jahre alte Schwede schon geäußert, bevor er - gemeinsam mit seinem dänischen Partner Janus Friis - zunächst die Musikindustrie mit seiner Tauschbörse Kazaa und dann die Telekommunikationskonzerne mit seiner Internet-Telefongesellschaft Skype ins Wanken brachte. Nun steigt Zennström ins Fernsehgeschäft ein. Sein neues Projekt heißt Joost und soll das Beste aus Fernsehen und Internet miteinander vereinen. "Joost wird das Internet als Zuliefernetzwerk für das Fernsehen nutzen. Und wir reden hier über große Bildschirme und professionelle Programme. Die Menschen können dann die Filme oder Serien sehen, wann immer sie möchten. In Kombination dazu gibt es die Möglichkeiten sozialer Netzwerke aus dem Internet: Die Menschen können kommunizieren, Inhalte austauschen oder Filme gemeinsam anschauen", beschreibt Zennström das Projekt im Gespräch mit der F.A.Z.

Erste Fernseh-Community der Welt

Gedacht ist beispielsweise an eine Suchfunktion für Filme, eine Liste der Freunde, die auch gerade online sind, und Bewertungsfunktionen für die Filme, wie es heute im Web 2.0 angesagt ist. Später können die Nutzer ihre eigenen Lieblingsprogramme zusammenstellen und austauschen. Joost soll die erste Fernseh-Community der Welt werden, in der künftig auch die Fernsehsender ihre Filme inklusive Werbung selbst auf die Plattform hochladen können. Wie bei Youtube besteht dann die Hauptaufgabe des Managements, die Plattform technisch weiterzuentwickeln - den Rest erledigen die Nutzer selber.

Bei Joost setzen die beiden Skandinavier auf die Prinzipien, die sich schon bei Kazaa und Skype bewährt haben: Für den Nutzer bleibt alles kostenlos, und die Technik basiert wieder auf der Verbindung sehr vieler Internetrechner untereinander, in der Fachsprache Peer-to-Peer genannt. Ergänzt wird das große Netz von einigen zentralen Videoservern. Diese Kombination soll Fernsehqualität ermöglichen. "Videos, die nur von zentralen Servern geladen werden, haben oft Qualitätsprobleme. Wir verwenden eine Peer-to-Peer-Technik und verteilen die Datenströme, um Flaschenhälse zu vermeiden. Schon eine 1-Megabit-Verbindung reicht aus", sagt der Schwede.

Bloß keine Verletzung der Urheberrechte

Einen zentralen Unterschied zu Kazaa gibt es aber doch: Sicherheitssoftware soll die Urheberrechte der Filmstudios und Fernsehsender schützen. Nur dann sind professionelle Inhalteanbieter wie Fernsehstationen, aber auch die gewünschten unabhängigen Anbieter zur Zusammenarbeit zu bewegen. "Wir haben bereits Verträge mit einigen Inhaltelieferanten geschlossen", sagt Zennström. Das Programm wird wohl international ausgerichtet sein, um möglichst schnell viele Zuschauer anzuziehen.

Eine neue Videoplattform wie Youtube oder Metacafe, auf der die Internetnutzer ihre privaten Videos einstellen, soll Joost aber definitiv nicht werden. "Wir sind nicht an Nutzern interessiert, die ihre privaten Videos hochladen." Auch diese Erkenntnis ist eine Lehre aus Kazaa: Wenn die Nutzer anfangen, urheberrechtlich geschützte Filme wie bei Youtube hochzuladen, beginnen sofort die Streitigkeiten mit den Fimstudios. Deren Unterstützung aber braucht Zennström unbedingt, um attraktive Inhalte auf die Plattform zu bekommen.

„Behavioral Targeting“ im Fernsehen

Zur Finanzierung des Dienstes setzt Joost zunächst ganz auf Werbung. "Das Geschäftsmodell des Fernsehens, die Werbung, ist gut. Aber noch besser ist Fernsehen über das Internet, weil wir dann die Zielgruppen der Werbekunden viel besser erreichen können. Wir können den Zuschauern die Werbung einblenden, die für sie relevant ist", sagte Zennström. Werbung im Internet-Fernsehen facht zurzeit die Phantasie in der Branche an, da sich die Zielgruppen genauer segmentieren und ansprechen lassen als im normalen Fernsehen, ohne auf die Vorteile der Fernsehwerbung verzichten zu müssen.

Allerdings will Joost die Zuschauer nicht mit Werbung überfrachten: Weniger, aber dafür genau passend soll die Werbung sein. Häufige Werbeunterbrechungen und hohe Streuverluste sollen vermieden werden. Zwar steckt die Entwicklung dieser Werbeformen noch in einem frühen Stadium, könnte sich aber zu einer Gefahr vor allem für die Betreiber der Fernsehkabelnetze entwickeln, denen die Möglichkeiten der individuellen, nutzungsabhängigen Werbung fehlen. In einem zweiten Schritt sind auch kostenpflichtige Videos möglich; eine Abrechnung mit Hilfe des Ebay-Zahlsystems PayPal wäre dann sicher kein Problem.

Schneller als Youtube

Mehrere tausend Betatester prüfen das System zurzeit. Es soll noch in diesem Jahr an den Start gehen. Wann genau, will Zennström nicht verraten. Auf jeden Fall will er lange dabeibleiben. "Joost wird nicht aufgebaut, um dann schnell verkauft zu werden", sagt der Schwede. Das hat er auch nicht nötig, denn seit dem Verkauf von Skype an Ebay sind er und Friis Milliardäre und im Hauptberuf weiterhin die Chefs von Skype - und das wollen sie auch bleiben. "Janis und ich finanzieren Joost nur; das Unternehmen ist unabhängig. Auch von Ebay", sagt Zennström. Deshalb basteln die beiden Skandinavier nicht selber an Joost, sondern haben in den vergangenen zwölf Monaten ein Team von rund 150 Leuten zusammengestellt, das - verteilt auf fünf Standorte in New York, London, Luxemburg, Leiden in den Niederlanden und in Estland - die neue Software zusammensetzt. Damit es schneller geht, greifen die Joost-Macher, angeführt vom Schweden Fredrik de Wahl und dem niederländischen Technikchef Dirk-Willem van Gulik, zu 80 Prozent auf vorhandene, frei verfügbare Open-Source-Software zurück. Lange Entwicklungszeiten kann sich im Netz heute niemand mehr erlauben. "Die Geschäftsmodelle im Internet entwickeln sich immer schneller, weil die dafür notwendige Breitband-Infrastruktur immer besser wird. Youtube war schneller als Skype, und das nächste Produkt wird schneller als Youtube sein", sagt Zennström voraus.

Text: F.A.Z., 29.01.2007, Nr. 24 / Seite 19
Bildmaterial: Andreas Müller

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