„Popbitch.com“

Kate Moss sucht die Klotür

Von Kristin Rübesamen

16. Januar 2008 Ein Mitglied der königlichen Familie verführt einen Diener mit Hilfe von Kokain zu Sex, hält die Boulevardpresse der gesamten Welt auf Trab - und soll kein Thema für „Popbitch.com“ sein, eines des erfolgreichsten Klatschmagazine im Internet?

„Das erwartet man doch geradezu“, sagt Camilla Wright lächelnd in ihrem Londoner Büro und schlägt wohlerzogen die Beine übereinander. Sie weiß, dass sie mit ihren weichen, braunen Augen aussieht wie jemand, der gern Adventskränze flicht, aber nicht für seinen bösen, erbarmungslosen Humor bekannt ist.

Von dieser Auflage kann der „Independent“ nur träumen

„Wo ist die Überraschung? Für ,Popbitch' ist das keine Story.“ „Popbitch.com“ ist ein Celebritymagazin, das als Newsletter jeden Donnerstag an mehr als 360.000 Leser verschickt wird, also eine Auflage hat, von der große Tageszeitungen wie der „Independent“ nur träumen können.

In Zeiten, da selbst etablierte Printmedien wie die „New York Times“ unter dramatischem Auflagenrückgang leiden, sind auf www.popbitch.com im sechsten Jahr seit der Gründung immer noch die Waffen einer neuen publizistischen Gegenkultur zu erkennen: Schnell wird geschrieben, oft schlampig, dafür meist unterhaltsam. Eine Frechheit gegenüber der Autorität der Printmedien. Einerseits. Andererseits wird auf „Popbitch.com“ im Unterschied zu Internetmagazinen, die nur Gewinn machen wollen, ein sprachlicher und inhaltlicher Snobismus gepflegt, der das Konzept vom globalisierten, allen zugänglichen Netz insgeheim langweilig findet.

Wer ist der königliche Drogenliebhaber?

Wer steckt denn jetzt hinter dem königlichen Drogenliebhaber, der für 50.000 Pfund erpresst werden sollte? „Lord Linley“, flüstert Camilla Wright vergnügt den Namen des Sohnes von Prinzessin Margaret, den in England aus rechtlichen Gründen keine Zeitung erwähnen darf. „Popbitch“ ist eine Legende, hinter der die britische Pop-Journalistin Julie Burchill lange die Pet Shop Boys vermutete, weil die eigentlichen Macher unbedingt unerkannt bleiben wollten. Die sagenhafte Erfolgsgeschichte dieser Institution hat mehrere Gründe.

Zum Beispiel die Exklusivität. „Popbitch“ hat schon am 30. August vergangenen Jahres von Jennifer Lopez' Schwangerschaft berichtet, als erstes Medium auch von David Beckhams Affären, 18 Monate bevor „News of the world“ damit herausplatzte. Bei „Popbitch“ erfuhr man bereits den Namen von Madonnas Sohn „Rocco“, bevor er geboren war, genauso wie die Namen zweier führender Liberaldemokraten aus Westminster, die in einen Sexskandal verwickelt waren. „Warum sollen wir die Geschichten für uns behalten?“, fragt Camilla Wright und zieht ihr schwarzes Minikleid zurecht. Es geht ihr um „Demokratisierung“, was ganz schön klingt, aber auch etwas unglaubwürdig aus dem Mund einer Frau, die so rebellisch wirkt wie das Teeservice im Claridge's.

Das Stichwort für den Tourmanager, drei Prostituierte zu besorgen

Ein zweiter Erfolgsfaktor ist der Hang zur Exzentrik, die zumindest in dieser Form offenbar überall auf der Welt gut ankommt. Freunde, Friseure, Barkeeper, PR-Leute und Stars selber liefern „Popbitch.com“, was sie für amüsanten Klatsch über Celebrities halten. In der oft kopierten Rubrik „welcher Star hat . . .“ konnte man zum Beispiel lesen, dass Hugh Grant als Liz Hurleys Liebhaber einen jamaikanischen Akzent nachmachte, dass Will Smith nicht schwimmen kann, dass Van Morrison auf Tour seine Abende mit den „United Nations“ verbringt - das Stichwort für den Tourmanager, drei Prostituierte zu besorgen, eine weiß, eine schwarz, eine asiatisch.

Aber da stand auch, warum Cherie Blair nichts zum Anziehen findet und mit welchem Hollywoodstar ihre Untermieterin gerade geschlafen hat. „Für uns wäre es auch nur erwähnenswert, wenn Tom Cruise heterosexuell wäre, nicht homosexuell, wie die ganze Welt ja längst weiß“, erzählt Camilla Wright mit strahlenden Augen und sieht aus dem Fenster ihres winzigen Büros in Soho auf die gerade mal einen Meter entfernte Mauer des Nachbarhauses.

Eine Gegendarstellung muss raus

Vergessen ist die Auseinandersetzung mit der renommierten Musikzeitschrift „NME“, die sie an diesem Morgen führen musste. Die Nachricht, dass das Magazin bald dichtmache, „die Information eines Redakteurs, mit dem ich seit einer Ewigkeit befreundet bin“, sei falsch, eine Gegendarstellung musste raus. Dem herzlichen Ton, in dem die Entschuldigung formuliert ist, merkt man die Arbeit der Anwälte nicht an, die für Camilla aus Freundschaft zu stark reduziertem Stundensatz die Anklagen der Gegenseite parieren. Einer Gegenseite, die oft genug in Hollywood sitzt und deren finanzielle Potenz, „im Vergleich zu uns“ sich wohl jeder ausrechnen könne.

Camilla Wright deutet mit einer knappen Kopfbewegung die Enge des Büros an, in dem kaum mehr als die zwei Schreibtische und ein paar alte Ausgaben des „Guardian“ Platz finden. Befreundete Redakteure, die ihr manchmal helfen, nehmen ihre Laptops lieber wieder mit: „Hier in der Gegend wird dauernd eingebrochen.“ Ihr Blick bleibt an ein paar benutzten Sektgläsern hängen. „Moët & Chandon haben uns ein paar Kartons geschickt, nachdem irgendjemand etwas Nettes auf dem Messageboard geschrieben hatte“, erklärt sie charmant. Seit Tagen vergesse sie ständig, eine Plastikschüssel zum Abwaschen mitzubringen.

Ihr Gehalt langt gerade für eine teure Frisur

Wasser gibt es nämlich nur ein Stockwerk tiefer, bei einer Taxizentrale. Nebenan arbeiten in die Jahre gekommene Prostituierte, die sich auf dem Klingelschild „Models“ nennen, im Erdgeschoss kann man einen Haarschnitt für fünf Pfund bekommen und das gesparte Geld in ein Wettbüro im Nachbarhaus tragen. Das Gehalt, das sich Camilla Wright auszahlt, langt gerade für eine teure Frisur, aber auf der Suche nach einem reichen Mann, wie viele andere Frauen Mitte Dreißig in London, ist sie deshalb noch lange nicht. Sie hat in Oxford Politik, Philosophie und Wirtschaft studiert - wie nicht wenige ihrer Leser, zu denen Kulturmanager, Banker, Anwälte, Politiker ebenso gehören wie Sekretärinnen in der Ausbildung. „Nur Leute ohne Computer erreichen wir schwer.“ Keine Frage, der Umgang mit Sponsoren hat abgefärbt, und mehr Geld könnte nicht schaden, um das unlängst an den Start gegangene „Popbitch Radio“, das ebenfalls nur online zu empfangen ist, besser zu finanzieren.

So lange wärmt sich Camilla Wright, die damals in Plymouth südwestlich von London immer gern das „coole Kind hinten im Schulbus“ gewesen wäre, an der Gemeinschaft, die sich unter den Lesern, die ihre Kommentare auf das Messageboard schreiben, über die Jahre entwickelt hat. „Wer Teil der Gang ist, hat Freunde fürs Leben. Die anderen sollten lieber zweimal überlegen, bevor sie was ins Board schreiben.“ Sie wurde bereits zu Hochzeiten von Menschen eingeladen, die sich über die Website kennengelernt hatten. „Leser, die Jobs verlieren, bekommen welche angeboten. Leser reisen in fremde Länder, um einander zu besuchen, bieten sich gegenseitig Unterkunft an, Trost . . .“

Rache an der Unterhaltungsindustrie

Ein schönes Gefühl, in das sich das noch schönere Gefühl von später Rache mischen darf: Rache an der Unterhaltungsindustrie, die die junge Popjournalistin Camilla mit stumpfen Roundtable-Gesprächen, inhaltlichen Restriktionen und Bergen von zu süßen Keksen erst an den Rand des Verstandes und dann dazu gebracht hatte, zusammen mit ihrem damaligen Freund „Popbitch“ zu gründen. „Wir brauchen weder Interviews noch die Zustimmung eines Managers, der uns erpresst, nur weil er noch zehn andere Celebrities unter Vertrag hat, die uns interessieren.“ Als sie anfingen, mussten sie wählen zwischen der unlustigen Musikzeitschrift „NME“ oder aber Magazinen für Zwölfjährige. „Für Leute wie uns, die Popmusik liebten und dennoch wussten, dass das Ganze auch albern ist“, gab es höchstens „Smash Hits“, die legendäre Musikzeitschrift aus den Achtzigern, die zum ersten Mal an Popstars Fragen stellte wie: „Wenn Sie eine Farbe wären, welche?“

Und wenn die Geschichten, die Mrs. Popbitch zugesteckt werden, gar nicht stimmen? Über die Jahre hat sie zu den 240 Leuten, die regelmäßig Informationen schicken, Vertrauen gefasst, bei Fremden jedoch folgt sie einer strengen Routine. Erste Regel: Nie fragen, ob die Geschichte wahr ist, sondern immer fragen, wie der Informant an die Story gekommen ist. Ist die Geschichte erfunden, kommt meistens keine Antwort. Sobald die Leute wissen, sie haben es mit Camilla persönlich zu tun, geben sie mehr preis. Und je mehr sie schreiben, um so einfacher ist es, Lügen zu entdecken. Dazu kommen gute Kontakte zur Branche, Erfahrung und ein guter Instinkt.

Komisch, warum weiß ich das noch nicht?

Das zugrundeliegende Prinzip lautet jedoch: immer davon ausgehen, dass die Geschichte stimmt. „Wenn ich etwas Neues las, dachte ich immer: Komisch, warum weiß ich das noch nicht? Kann nicht stimmen. Bis ich merkte, dass nur ein Bruchteil an Geschichten in die Zeitung kommt.“

Anders als die amerikanische Klatschseite perezhilton.com/, deren Gründer sich begeistert auf jede Prominentenparty einladen lässt, oder www.tmz.com/, hinter der der Unterhaltungsriese Warner steckt, ist „Popbitch.com“ unbestechlich und in ihrer Arroganz viel traditioneller, als man sich gibt. Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts kam es auf den Ton an, in dem man den Einfluss der lesbischen Geliebten von Queen Anne auf die Königin diskutierte. Heute ist es Britney Spears' Verfall, den Popbitch sicher nicht wie das Magazin „OK!“ scheinheilig mit „Heartbreaking“ kommentiert.

„Wie zum Teufel komm' ich dann rein?

Ist Britney überhaupt noch eine Geschichte wert? „Selbstverständlich. Britney Spears ist im Gegensatz zu Lindsay Lohan wenigstens ein ordentlicher Star, auch wenn wir einen Bergrutsch wie bei ihr zuletzt vielleicht bei Elvis oder Michael Jackson erlebt haben.“ Madonna? „Verzweifelt in der Weise, wie sie immer noch mithalten will - und trotzdem großartig.“ Und Kate Moss? Camilla zitiert aus einem ihrer Newsletter: „Musste neulich bei einem Fotoshooting in einem heruntergekommenen Haus aufs Klo und wurde von einem Assistenten informiert, dass das Klo leider keine Tür habe. Daraufhin sie: ,Wie zum Teufel komm' ich dann rein?'“

Zweifellos ist Camilla Wright obsessiv, was Klatsch und Stars angeht. Aber eben auf ihre Weise. Das wilde bunte Bild, das die Wand in ihrem Büro schmückt, ist von Cheetah, dem Affen aus „Tarzan“. „Er ist 84 und lebt in einem Reservat in Kalifornien. Er hat es mit seinem Daumen signiert.“



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.01.2008, Nr. 2 / Seite 50
Bildmaterial: AFP, AP, David Rose, ddp, REUTERS

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