E-Commerce

"Der Deutsche betrügt im Internet nicht"

13. Juni 2005 Die Kriminalität im Internet-Einkauf steigt stetig an - nur nicht in Deutschland. „Der Deutsche betrügt im Internet nicht - hat aber große Angst, betrogen zu werden“, sagt Rüdiger Trautmann, Vorstandsvorsitzender des Internet-Zahlungsdienstleisters Pago, der jeweils zur Hälfte der Deutschen Bank und der Beisheim-Holding Schweiz gehört. Trautmann hat 20 Millionen Zahlungsvorgänge in europäischen Online-Shops untersucht und dabei herausgefunden: „Betrug im E-Commerce ist in Deutschland nicht so angekommen wie in anderen Ländern.“

Im Visier dieser Betrüger stehen meist Online-Shops. Dort werden Waren bestellt, aber nicht bezahlt. Besonders weit verbreitet ist nach Trautmanns Ansicht der Kreditkartenbetrug: "Es gibt inzwischen ganze Arbeitsgruppen in ausländischen Universitäten, die Waren mit gestohlenen Kreditkartennummern bestellen", sagt Trautmann. Zudem weisen Konten bei einem Lastschriftverfahren keine ausreichende Deckung auf, oder nach der Warenlieferung wird eine Rücklastschrift eingeleitet, erklärt Trautmann die beliebtesten Betrugsversuche.

Deutsche Online-Shopper vorbildlich

Ist der Betrugsversuch erfolgreich, stehen in den meisten Fällen die Kreditkartengesellschaften für den Schaden gerade. "Das Risiko für den Online-Händler und den Kunden ist in Deutschland gleich Null", sagt Trautmann. Im Durchschnitt wurden 0,83 Prozent der untersuchten Kreditkartenzahlungen nach Online-Bestellungen aufgrund eines Widerspruchs des Karteninhabers zurückbelastet (Chargeback-Quote), was auf einen Betrugsversuch hindeutet. Deutsche Online-Shopper stehen mit Blick auf diese Quote vorbildlich da: Nur 0,32 Prozent der untersuchten Kreditkartentransaktionen wurden zurückbelastet. "Die sehr niedrige Chargeback-Quote und die hohe Erfolgsquote der Transaktionen zeigen, daß nur eine sehr geringe Anzahl an Betrugsversuchen aus dem Umfeld deutscher Online-Shopper stammt", sagt Trautmann. Allerdings kommen viele Betrugsversuche inzwischen aus dem Ausland, so daß die Quote in allen deutschen Online-Shops 0,67 Prozent beträgt.

Um den Betrugsversuchen schnell auf die Schliche zu kommen, hat Pago ein Frühwarnsystem entwickelt. Zum Beispiel werden Bestellungen mit auffälligen Häufungen, hohen Warenwerten und aus geographisch sensiblen Regionen direkt unterbunden. "Wir sperren auch Bestellungen aus ganzen Ländern aus, wenn die Produkte dort weit günstiger zu erwerben sind. Der Betrugsverdacht ist dann sehr hoch", sagt Trautmann.

Klare regionale Muster

Die Pago-Daten zeigen erstmals klare regionale Muster für den Einkauf per Mausklick in Deutschland: In den Städten wird häufiger im Netz eingekauft als auf dem Land und in Westdeutschland mehr als im Osten. Allerdings läßt sich diese regionale Verteilung nicht eindeutig mit der unterschiedlichen Kaufkraft erklären, da zum Beispiel die Menschen in Baden-Württemberg und Bayern vergleichsweise selten im Internet einkaufen. Auffällig ist auch der Rückgang im Osten: Lag der Anteil der Online-Shopper aus den neuen Bundesländern im Jahr 2003 noch bei 22 Prozent, ging er im vergangenen Jahr auf knapp 14 Prozent zurück. In vielen Regionen im Osten nutzen die Menschen den E-Commerce fast gar nicht. Die Pago-Forscher führen den Rückgang vor allem auf die Entwicklung der Kaufkraft in den neuen Bundesländern zurück.

Hochburgen des E-Commerce sind Hamburg, Nürnberg und Berlin. Die führende Rolle Hamburgs und Nürnbergs ist teilweise eine Folge des technischen Vorsprungs, denn Hamburg und Nürnberg weisen in Deutschland mit die höchsten Anteile an Haushalten mit einem Breitband-Anschluß an das Internet auf. Menschen mit solchen Anschlüssen haben meist zeitunabhängige Tarife und nutzen das Internet deutlich intensiver als Surfer mit normalen Modem- oder ISDN-Verbindungen zum Netz. Zudem ist die hohe Kaufkraft der Hamburger ein Indiz, warum der durchschnittliche Warenkorb in Hamburg und dem Umland mit 123 Euro je Bestellung weit über dem Bundesdurchschnitt von 78 Euro liegt.

Digitale Spaltung bestätigt

Dagegen ist der elektronische Einkauf in den ländlichen Gebieten Bayerns, Baden-Württembergs, Thüringens und Mecklenburg-Vorpommerns bisher wenig verbreitet. Diese regionale Verteilung widerlegt die häufig getroffene Annahme, der elektronische Einkauf sei besonders attraktiv in ländlichen Gebieten mit weiten Wegen zu den stationären Läden. Dagegen bestätigen diese Zahlen die These der digitalen Spaltung der Gesellschaft: Die Menschen in den ländlichen Regionen und im Osten, wo die Versorgung mit breitbandigen DSL-Internetanschlüssen weit schlechter als in den Städten ist, werden von den Vorteilen der digitalen Ökonomie abgekoppelt. Die schwache E-Commerce-Nutzung läßt den Rückschluß zu, daß die Menschen wegen der schlechten DSL-Versorgung in diesen Regionen auch elektronische Verwaltungsdienste und Bildungsangebote weniger stark nutzen als die Menschen in den Ballungszentren.

Um Chancengleichheit zu erreichen, fordert die Bundesregierung daher die Telekommunikationsgesellschaften auf, die DSL-Versorgung in den ländlichen Gebieten zu erhöhen. Dort ist die Deutsche Telekom meist noch Monopolist, da sich die alternativen Telefongesellschaften wie Arcor, Hansenet oder Versatel vorwiegend auf die lukrativen Ballungszentren konzentrieren. Dort ist der Internetzugang nicht nur besser ausgebaut, sondern auch günstiger als auf dem Land. Ein Breitband-Atlas, den das Bundeswirtschaftsministerium in wenigen Wochen vorstellen möchte, soll erstmals Klarheit bringen, wo bisher keine Auffahrt auf die Datenautobahn besteht.

Den Einkauf im Internet erledigen die Deutschen am liebsten während der Arbeitszeit im Büro. Lieblingseinkaufstag der Online-Shopper ist der Dienstag, während der Samstag der schwächste Tag ist. Die meisten Einkäufe werden in der Kernarbeitszeit zwischen 10 und 14 Uhr getätigt, hat Pago herausgefunden.

Text: ht., F.A.Z., 13.06.2005, Nr. 134 / Seite 17
Bildmaterial: F.A.Z.

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