Web 2.0

Lonelygirl 15 ist nicht einsam

Von Holger Schmidt

Niklas Zennström, Skype-Chef

Niklas Zennström, Skype-Chef

24. Januar 2007 "Viele umwälzende Geschäftsmodelle kommen im Internet auf uns zu. Sie entwickeln sich immer schneller, weil die dafür notwendige Breitband-Infrastruktur immer besser wird", sagt Niklas Zennström. Der sonst so wortkarge Schwede muss es wissen: Als Gründer des Online-Musiktauschdienstes Kazaa und des Internet-Telefoniesystems Skype hat er schon zwei Branchen durcheinandergewirbelt. Jetzt hat er sich die dritte Branche vorgenommen, das Fernsehen. "Joost" heißt sein neues Projekt. Es soll das Beste aus Fernsehen und Internet miteinander vereinen und im Laufe des Jahres an den Start gehen. Mehr will er noch nicht verraten, damit nicht doch noch ein Konkurrent schneller ist.

Märkte werden in wenigen Monaten besetzt

Denn die Geschwindigkeit, mit der Internetseiten viele Millionen Nutzer anziehen und binnen weniger Monate Märkte besetzen, wird immer höher. Sie ist inzwischen so hoch, dass die Betreiber der Seiten oft keine Zeit haben, über ein Geschäftsmodell nachzudenken. Wie Miles Beckett. Der 28 Jahre alte Amerikaner ist eigentlich Arzt, aber dann hat er Lonelygirl 15 erfunden. Lonelygirl 15 ist ein Mädchen, das in fiktiven Geschichten über seinen Alltag erzählt. Das klingt unspektakulär und ist es auch, aber die Menschen wollen es im Internet trotzdem sehen. Und zwar so oft, dass Lonelygirl 15 in kurzer Zeit zum populärsten Kanal auf der Videoplattform Youtube aufgestiegen ist. Schnell hat Beckett daher die Seite Lonelygirl15.com ins Netz gestellt und lässt inzwischen weitere Menschen über ihren Alltag erzählen. "Jetzt haben wir 1 bis 1,5 Millionen Besuche jede Woche. Jedes Video wird etwa 500 000 Mal kommentiert", sagte Beckett auf der vom Verleger Hubert Burda veranstalteten Konferenz Digital-Life-Design in München.

Keine Zeit für das Geschäft

Keine Zeit für ein Geschäftsmodell hatten auch die Gründer der deutschen Studenten-Gemeinschaft StudiVZ, deren Kopie des amerikanischen Vorbilds Facebook - ohne einen Cent Umsatz oder gar Gewinn zu erzielen - vom Holtzbrinck-Verlag für geschätzte 85 Millionen Euro übernommen wurde. "Wir waren mit vielen Verlagen im Gespräch. Aber Holtzbrinck hat uns kurzfristig ein Angebot gemacht, das wir nicht ausschlagen konnten", sagte Ehssan Dariani, 26 Jahre alt und einer der StudiVZ-Gründer, dieser Zeitung.

Geld soll aber schon bald in die Kasse kommen. "Wahrscheinlich beginnen wir in den nächsten vier Wochen mit Online-Werbung", sagte sein Gründerkollege Michael Brehm. Die Werbung soll die Handelsblatt-Vermarktungsgesellschaft GWP verkaufen, verrieten die beiden. StudiVZ spreche daneben aber auch mit Suchmaschinenbetreibern, die inzwischen rund die Hälfte zum deutschen Online-Werbemarkt beisteuern.

Microsoft wohl an Metacafe interessiert

Der große Renner im Internet sind zurzeit aber die Videoseiten. Nach der Youtube-Übernahme durch Google lässt nun der aufstrebende Konkurrent Metacafe die Gerüchteküche brodeln. 20 Millionen Besucher im Monat haben wohl das Interesse von Microsoft an dem Unternehmen erregt. Aber Metacafe-Gründer Eyal Hertzog widerspricht: "Nein, wir wollen als unabhängige Firma weiterwachsen", sagte der Israeli in München. Im Unterschied zu vielen neuen Web-2.0-Seiten erzielt Metacafe mit den Videos schon Werbeumsätze. "Ein Video, das 123 000 Mal angeschaut wurde, bringt immerhin 619 Dollar", lautet sein Beispiel. 500 Millionen angeschaute Videos im Monat könnte das Interesse von Microsoft erklären.

Wie sich die rasant wachsenden Videogemeinschaften zu Geld machen lassen, ist zurzeit die große Frage in der Branche. Eine schnelle Antwort muss vor allem die Suchmaschine Google finden. Google hat 1,65 Milliarden Dollar für die marktführende Videoplattform Youtube bezahlt, die zwar viele Millionen Nutzer hat, aber noch keinen Umsatz erzielt. "Wir experimentieren jetzt viel mit Video-Werbung. Ein Format, das bereits in der Praxis funktioniert, sind gesponserte Rahmen um das Video herum", sagte Marissa Mayer, Produktchefin von Google, dieser Zeitung. Da die Nutzer die Videos mit vielen Stichwörtern, sogenannten Tags, beschreiben, habe Google gute Chancen, sogar sein auf Text ausgerichtetes Werbemodell auf die Videos übertragen zu können.

Product Placement als Geschäftsmodell

Beth Comstock, die beim amerikanischen Medienkonzern NBC Universal für das Internetgeschäft verantwortlich ist, hat eine ganz andere Idee im Sinn. "Produktplazierungen in Videos bringen es", sagte Comstock. Statt hochbezahlte Werbepromis Gutes über ein Produkt erzählen zu lassen, kommen die Produkte einfach in den Videos vor. Das ist nicht nur billiger, sondern auch authentischer.

Obwohl mit Werbung in Videos bisher noch kein Geld verdient wird, ist das Potential und damit auch die Gefahr für die klassische Werbung groß: "Der Fernsehwerbung ist die Kreativität verlorengegangen. Kreativität und Innovation kommen heute aus dem Internet. Daher wird sich die Fernsehwerbung komplett ändern - nicht morgen oder in zwei Jahren, aber in fünf Jahren", sagte Hubert Burda. Bis dahin muss sich in der Werbebranche aber noch viel tun. "Online- und Offline-Werbung werden von verschiedenen Teams geplant. Diese Teams verstehen einander immer noch nicht", sagte Dave Morgan, Entwickler des Online-Anzeigensystems Tacoda. Er kritisiert vor allem die Werbeagenturen: "Medienunternehmen investieren 100 Mal mehr in die Entwicklung neuer Werbeformate als die Agenturen", sagte Morgan. Das wird auch in den Medien so gesehen. "Die Kreativen haben wenig für das Internet getan. Zu wenig Geld gab es zu verdienen, zu wenig Glamour zu ernten", sagte Bart Becks, der für neue Medien bei der Sendergruppe SBS verantwortlich ist.

Nutzerinhalte und Videos sind große Trends

Rund 80 Prozent der Konferenzteilnehmer sehen Inhalte, die von den Nutzern selbst generiert werden, Online-Gemeinschaften und Videoseiten als die großen Trends des Jahres. Caterina Fake, Mitgründerin der Foto-Gemeinschaft Flickr, setzt daneben auf den Mobilfunk. "Handys ändern alles. Die Kombination der Online-Gemeinschaften mit Geodaten und dem Satellitennavigationssystem GPS schafft ganz neue Möglichkeiten", sagte Fake. Für Niklas Zennström, der schon mehrfach seinen Spürsinn für gute Geschäftsideen bewiesen hat, ist jetzt die Finanzbranche reif für Online-Gemeinschaften. "Die Finanzbranche kann aber von Web 2.0 profitieren", glaubt Zennström.

Text: F.A.Z., 24.01.2007, Nr. 20 / Seite 20

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