Medien

Comcast greift Disney in einem schwachen Moment an

11. Februar 2004 Für Michael Eisner, den langjährigen Vorstandschef des Unterhaltungskonzerns Walt Disney Co., kommt das Übernahmeangebot des führenden amerikanischen Kabelbetreibers Comcast Corp. zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Denn um die Macht bei Disney tobt ein von Roy Disney, dem Neffen des Gründers, initiierter Kampf. Die Position von Eisner schien trotz anhaltender Rücktrittsforderungen bisher zwar nicht ernsthaft gefährdet. Aber der Vorstandschef von Comcast, Brian Roberts, hielt den Zeitpunkt für den Griff nach Disney angesichts des bestehenden Drucks auf den Verwaltungsrat offenbar für günstig. Zudem begann am Mittwoch in Orlando ein zweittägiges Treffen der Unternehmensführung mit Analysten und institutionellen Investoren.

Die strategische Motivation für die Offerte für Disney in Höhe von insgesamt 66 Milliarden Dollar ist nach Ansicht von Fachleuten der zu Disney gehörende Fernsehsender ABC. "Zumindest oberflächlich betrachtet scheint es, als sei ABC die hauptsächliche Motivation für Comcast", sagte Fondsmanager Timothy Ghriskey vom Vermögensverwalter Ghriskey Capital Partners. Ghriskey glaubt, daß Comcast das Angebot noch deutlich erhöhen muß, um zum Zuge zu kommen. Beim bisherigen Angebot von 26,47 Dollar pro Aktie handelt es sich nur um einen Aufschlag von 10 Prozent auf den Schlußkurs von Disney am Dienstag. Der Aktienkurs von Disney reagierte an der Börse mit kräftigen Aufschlägen auf das Angebot, obwohl Disney-Chef Eisner Fusionsgespräche abgelehnt hat.

Synergien erhofft

Comcast ist selbst das Produkt einer Reihe von Fusionen. Von seinen Anfängen in den sechziger Jahren als kleines Fernsehkabelnetz in Mississippi rückte der Konzern aus Philadephia Ende 2002 an die Spitze im amerikanischen Kabelmarkt. Comcast erreichte das durch die Übernahme der Kabelsparte des Telefonkonzerns AT&T, der bis dato Marktführer gewesen war. Comcast hatte für die sogenannte AT&T Broadband 72 Milliarden Dollar gezahlt. Der ehemalige AT&T-Chef Michael Armstrong steht weiter dem Verwaltungsrat von Comcast vor. Armstrong hatte den auf Ferngespräche spezialisierten Telefonkonzern in den neunziger Jahren zum großen Kabelanbieter geformt, dann aber wegen des Ausbleibens der rasch erhofften Synergien wieder zerschlagen.

Kabelbetreiber erhoffen sich vom Zusammenschluß mit Unterhaltungs- und Medienkonzernen erfolgversprechendere Synergien. Unterhaltungskonzerne besitzen nämlich die Inhalte, die über die Kabel in die Wohnzimmer der Endverbraucher gebracht werden sollen. Das entspricht dem Geschäftsmodell des Medienkonzerns Time Warner, zu dem Filmstudios und Kabelfernsehsender wie CNN gehören. Time Warner ist auch der zweitgrößte Kabelanbieter in den Vereinigten Staaten. Als die Kabelsparte von AT&T zum Verkauf stand, hatte auch Time Warner, die damals noch unter AOL Time Warner firmierten, ein Angebot abgegeben. Auch Disney war damals als Interessent gehandelt worden, weil sie vermeiden wollten, das AT&T Broadband in die Hände des Konkurrenten Time Warner fällt.

Kritik an Eisner wird laut

Comcast besitzt bisher zwar den Zugang zu den Endverbrauchern, aber nur einige kleine Beteiligungen an Programmbetreibern. Zu Disney gehören neben dem Fernsehsender ABC auch Kabelkanäle wie der Sportsender ESPN, ein Filmstudio und Freizeitparks. Zusammen würde Disney mit Comcast auf einen Umsatz von 45,4 Milliarden Dollar kommen. Damit würde Comcast-Disney Time Warner als führenden Medienkonzern ablösen. Time Warner erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von 39,6 Milliarden Dollar.

Der Druck auf Disney-Chef Eisner dürfte durch das Angebot von Comcast steigen. Roy Disney, der ehemals stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende von Walt Disney, war jüngst aus dem Aufsichtsgremium ausgeschieden und fordert seither gemeinsam mit dem ehemaligen Aufsichtsrat Stanley Gold offen Eisners Rücktritt. Roy Disney, letztes Mitglied der Familie Disney im Verwaltungsrat, ist weiter bedeutender Einzelaktionär. Die Kritik an Eisner entzündet sich an den vermeintlich schwachen Leistungen und dem Führungsstil von Eisner. Das Unternehmen leidet seit längerem unter der der Schwäche von ABC und der Freizeitparks. Disney warf Eisner zudem vor, bisher eine klare Nachfolgeregelung abgelehnt zu haben. Der 61 Jahre alte Eisner steht seit über 20 Jahren an der Spitze von Disney. Der Konzern hat in einer Eingabe an die Börsenaufsicht SEC jetzt auf diese Vorwürfe reagiert. In der Stellungnahme hieß es, daß der Verwaltungsrat von Disney die Frage der Nachfolge ernsthaft behandelt.

Text: nks., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2004, Nr. 36 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z.

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