Von Johannes Winkelhage
10. Februar 2008 Der Softwareanbieter Microsoft kommt mit seinem Bemühen voran, immer tiefer in den Mobilfunkmarkt vorzudringen. Jetzt hat der Konzern auch den Handyhersteller Sony-Ericsson ins Boot holen können. Der drittgrößte Anbieter von Mobiltelefonen präsentierte am Sonntagabend in Barcelona sein erstes Gerät, das mit dem Betriebssystem Windows Mobile von Microsoft läuft. Das Gerät soll unter der neuen Marke Xperia vertrieben werden, die künftig mobiles Internet und Multimediaunterhaltung in Geräten im höheren bis teuren Preissegment vereinen soll - und damit vor allem auf den Privatkunden ausgerichtet ist.
Dass Sony-Ericsson ausgerechnet für diese Kategorie das von den großen Herstellern hin und wieder etwas belächelte Windows Mobile als Betriebssystem gewählt hat, wird von Branchenbeobachtern als unverhohlener Affront gegenüber dem von Nokia dominierten Wettbewerber Symbian und dessen Betriebssystem gewertet. Gerade Nokia und Symbian haben sich eine Konzentration auf Multimedia und die permanente Verbindung der Geräte mit dem Internet auf die Fahnen geschrieben. Sowohl Sony-Ericsson als auch Nokia wissen, dass sie nur so gegenüber dem neuen Wettbewerber Apple und seinem iPhone bestehen können.
Einfallstor in den Milliardenmarkt Mobilfunk
Das Betriebssystem der Handys, das den multimedialen Alleskönnern erst ihr Leben einhaucht, ist für Microsoft das ideale Einfallstor in den Milliardenmarkt Mobilfunk, und der Konzern versucht seit fünf Jahren mit hohem finanziellen Aufwand einen Fuß in die Tür zu bekommen. Wir haben international inzwischen 140 Geräte mit dem Windows-Mobile-Betriebssystem auf dem Markt. Im vergangenen Geschäftsjahr von Microsoft haben wir den Umsatz mit dem Betriebssystem verdoppelt und es sind etwa 20 Millionen solcher Handys verkauft worden. Im Geschäftsjahr davor waren es erst 11 Millionen Geräte, erklärte Scott Horn, General Manager in der Mobile Devices Group von Microsoft gegenüber dieser Zeitung.
Angesichts von insgesamt mehr als 1,1 Milliarden im vergangenen Jahr verkauften Handys ist das zwar ein geringer Anteil, Horn sieht Microsoft dennoch auf einem guten Weg: Windows Mobile habe in dem Segment der als Smartphones bezeichneten Multimediamaschinen einen erheblichen Anteil gewinnen können. Wir sind führend bei den Geräten, die vor allem von Geschäftsleuten benutzt werden, erklärt er, ohne genaue Zahlen zu nennen.
Privatkunden im Visier
Allerdings sind die meist vom Hersteller HTC aus Taiwan gefertigten Zwitter aus elektronischem Notizbuch, E-Mail-Maschine, Terminkalender und Mobiltelefon wirklich recht erfolgreich und in Deutschland im Programm aller Mobilfunkanbieter zu finden. Bei T-Mobile heißen sie MDA, Vodafone vermarktet sie unter den Namen VDA und VPA ebenfalls unter dem eigenen Logo. O2 bringt sie unter dem Namen XDA auf den Markt - alle mit dem Betriebssystem von Microsoft. Auch Motorola und Samsung haben Geräte mit Windows Mobile im Programm.
Während diese Taschencomputer bisher eher von Geschäftskunden genutzt werden, hat Microsoft nach Angaben von Horn jetzt den Markt der Privatkunden im Visier. Auch die Privatkunden wollen Smartphones mit den erweiterten Multimediaeigenschaften, erwartet der Microsoft-Manager. Da kommt die neue Kooperation mit Sony-Ericsson gerade recht. Deren Geräte sind mit guten Kameras und MP3-Playern an Bord vor allem im höherwertigen Privatkundensegment positioniert - auch wenn das Unternehmen inzwischen auch preiswertere Angebote für den Massenmarkt in Schwellenländern ins Programm genommen hat.
Nur Nokia, Apple und RIM verweigern
Nachdem es jetzt auch Sony-Ericsson mit Microsoft versucht, ist Marktführer Nokia fast der einzige Hersteller, der sich dem Software-Giganten und seiner Handysoftware generell verweigert. Außer Nokia sind dies nur noch das kanadische Unternehmen Research in Motion (RIM) mit seinem Erfolgsgerät Blackberry und natürlich Apple mit dem iPhone. Hier läuft das hauseigene Apple-System OS X. Blackberry hat ebenfalls sein eigenes System, und Nokia setzt eben auf Symbian, an dem die Finnen mit 47 Prozent beteiligt sind. Aber auch Sony-Ericsson selbst hält 13,1 Prozent an Symbian, und auf die Muttergesellschaft Ericsson wiederum entfallen weitere 15,6 Prozent - was den gesamten Vorgang nach Einschätzung von Analysten abermals ein pikante Note gibt, zumal der Markt für diese Geräte überproportional schnell wächst.
Die Beobachter der britischen Canalys gehen davon aus, dass im vergangenen Jahr insgesamt rund 118 Millionen Smartphones über den Ladentisch gegangen sind. Das entspricht einem Zuwachs von 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im vierten Quartal erreichte das Plus sogar fast 72 Prozent. Damit liegt die Wachstumsrate dieser Mobiltelefone deutlich über dem Plus des gesamten Handymarktes, das die Beobachter von Strategy Analytics mit rund 12 Prozent auf ebenjene 1,1 Milliarden Stück ausgerechnet haben.
Microsoft setzt auf Kontinuität der Marktbewegung
Die Analysten von IDC rechnen zudem damit, dass dieser Markt weiterhin erheblich schneller zulegen wird als der restliche Absatz von Mobiltelefonen. Schon im Jahr 2011 erwartet IDC einen Absatz von fast 315 Millionen Einheiten, was einem jährlichen Zuwachs von mehr als 30 Prozent und einem Marktanteil von etwa 22 Prozent entsprechen würde.
Auf eine Kontinuität dieser Marktbewegung hin zu den kleinen Alleskönnern setzt Microsoft und verweist auf eine der wichtigsten Eigenschaften dieser Multimedia-Computer, wie Nokia diese Gerätekategorie inzwischen nennt. Sie sind programmierbar. Wie auf dem Rechner am heimischen Schreibtisch lassen sich einzelne Applikationen aufspielen oder löschen. So wird das Handy zu einem noch genauer auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittenen Gerät. Microsoft versucht an diesem Punkt seinen Vorteil auszuspielen, schon auf fast 90 Prozent der Computer vertreten zu sein und die enorme Vielzahl der Anwendungen. So soll eine einfache Synchronisation aller Datenbestände über die Gerätegrenzen hinweg sowohl für Geschäfts- als auch für Privatleute interessant sein und diese zum Windows-Handy greifen lassen.
IPhone kommt dem Konzern sogar entgegen
Unter diesem Gesichtspunkt kommt dem Konzern sogar das iPhone des Erzrivalen Apple gelegen: Das iPhone rückt wieder in den Vordergrund, welche Bedeutung die Software künftig für das Nutzerinteresse haben wird, erklärt Horn. Das belegt auch das Android-Projekt des zweiten Microsoft-Erzfeindes Google.
Dafür hat der Suchmaschinenanbieter Ende vergangenen Jahres eine Kooperation von 30 verschiedenen Technologieunternehmen um sich geschart, um eine eigene Betriebssystemumgebung namens Android auf der Basis des freien Betriebssystems Linux zu entwickeln. Wichtig auch bei diesem Vorstoß ist vor allem die Tatsache, dass die Initiative um Google sofort alle Schnittstellen der Softwarearchitektur offengelegt hat, um es Programmierern zu ermöglichen, neue Anwendungen für Android zu schreiben oder bestehende Software anzupassen. Inzwischen kursieren Gerüchte, dass Google gemeinsam mit dem Chiphersteller Arm schon während der Messe in Barcelona einen Prototyp des Google-Phones vorstellen will - obwohl das Projekt noch ganz am Anfang steht.
Auch der Marktführer Nokia hat inzwischen auf die Tendenz hin zu einer stärkeren Bedeutung der vernetzten Dienste auf dem Handy reagiert. Das Unternehmen begann Mitte 2007 mit einer weitreichenden Umstrukturierung und ist nach dem Willen seines Vorstandsvorsitzenden Olli-Pekka Kallasvuo auf dem Weg zu einem Internetkonzern. Unter dem Titel Ovi - was im Finnischen Tür bedeutet - baut Nokia seither kräftig an einem eigenen Portal, das sowohl per Handy als auch vom heimischen Rechner aus besucht werden kann. Vor allem das Herunterladen von Musik - in Kooperation mit Warner Music -, Navigation und Handyspiele stehen bisher im Vordergrund. Es kann aber damit gerechnet werden, dass von Nokia während der Mobilfunkmesse in Barcelona an diesem Montag weitere Ankündigungen folgen werden.
Nokia hat bei den Betriebssystemen der Smartphones bisher einen eindeutigen Vorsprung vor den Wettbewerbern. So hält der von dem finnischen Unternehmen dominierte Anbieter Symbian nach Angaben von Canalys einen Anteil von rund 65 Prozent am Weltmarkt. Microsoft kommt mit Windows Mobile auf rund 12 Prozent, und Blackberry erreicht etwa 11 Prozent. Diese Balance wird sich nach Schätzungen von IDC aber verschieben: So soll Microsoft mit Windows Mobile bis zum Jahr 2011 bei knapp 20 Prozent liegen und Symbian auf immer noch gute 50 Prozent zurückfallen.
Text: F.A.Z., 11.02.2008, Nr. 35 / Seite 17
Bildmaterial: AFP, Raymond Wiseman
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