Von Georg Giersberg
08. September 2005 Der Bildschirm des häuslichen Computers wird immer öfter zum Schaufenster. Was ausgestellt wird, bestimmt aber - im Gegensatz zum Schaufenster im Handel - der Kunde.
Er hat die Wahl und nutzt sie: Knapp sieben Millionen Deutsche holen sich mindestens einmal im Monat die Internetseite des Buchhändlers Amazon auf ihren heimischen Bildschirm.
Fast vier Millionen Menschen informieren sich hierzulande mindestens einmal im Monat bei Tchibo oder Otto über neueste Angebote im Internet, und mehr als eine Million Nutzer klicken die Internetseite des Medienhauses Weltbild an. Das Internet ist aus dem Handel nicht mehr wegzudenken.
Viele haben vor Branchenriesen kapituliert
Innerhalb von sieben Jahren ist der Gesamtumsatz des Handels über das Internet von gut einer auf fast fünfzehn Milliarden Euro gestiegen. Hinzu kommen mehr als drei Milliarden Euro Umsatz, die von Privat an Privat - meist auf dem Internet-Marktplatz Ebay - abgewickelt werden. Das ist bei einem gesamten Einzelhandelsumsatz in Deutschland von 362 Milliarden Euro allerdings nicht viel.
Für die Masse der deutschen Händler hat sich durch das Internet an ihren Verkaufsgepflogenheiten denn auch nichts geändert. Im Gegenteil: Nicht wenige Händler haben nach anfänglichen Versuchen das Geschäft im Internet wieder aufgegeben, da sie gegen die Branchengrößen wie Ebay, Amazon, Otto oder Quelle keine Chance haben.
Allerdings lassen sich immer noch nicht alle Produkte im Netz vertreiben. Noch schnell die Lebensmittel für die nächste Party bestellen und dann schlafen gehen und anderntags nach der Arbeit die Zutaten für das Menü zu Hause vorfinden - hört sich gut an, hat sich aber schnell als fixe Idee entpuppt.
Plattform für Werbung
Die E-Commerce-Aktivitäten des Lebensmittelhandels sind fast auf Null zurückgefallen. Selbst der Einstieg der Hamburger Otto-Gruppe in das Geschäft wurde sang- und klanglos wieder eingestellt. Auf dem Land sind wegen der langen Transportwege die Kosten zu hoch, und in der Großstadt hat es keinen Reiz, Waren zu bestellen, wenn man selbst auf dem Nachhause-weg an drei Supermärkten vorbeikommt, kommentiert Olaf Roik, E-Commerce-Experte des HDE Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, die Gründe für diese Entwicklung.
Die Zahl der Internetauftritte von Einzelhändlern sinkt daher seit dem Höhepunkt der Jahre 1999/2000 kontinuierlich. Inzwischen haben nur noch 50.000 der insgesamt 420.000 deutschen Einzelhändler einen eigenen Internetauftritt vorzuweisen. Darin sind auch all jene Händler, die ihre Ware über Ebay anbieten. Dieser harte Kern aber bearbeite seine Seiten immer professioneller, bescheinigt ihm Roik.
Abgesehen von den Ebay-Händlern ist das Internet für den stationären Einzelhandel heute überwiegend eine Plattform zur Anbahnung der Käufe im eigenen Geschäft - also zur guten Werbung. Wenn man langfristig Umsatz und Gewinn daraus generieren will, muß man den Auftritt professionell gestalten und pflegen, sagt Roik. Von allein laufe nichts; Internethandel sei schließlich keine Lizenz zum Gelddrucken.
Versandhandel hat profitiert
Wenn die Internetnutzer erst einmal die Seite eines Versandhändlers gefunden haben, ist die Bestellung schon fast im Warenkorb, wohin auch elektronisch all die Artikel verschoben werden, die man kaufen möchte. Die Versender, die schon vorher über eine funktionierende Logistikkette von der Bestellannahme über die Auslieferung bis zur Rechnungsstellung und Reklamation verfügten, haben einen großen Nutzen aus der neuen Technik gezogen.
Alle großen Versandhandelsunternehmen von Otto über Neckermann zu Quelle gehören zu den am meisten frequentierten Onlinehändlern. Fast jeder vierte Euro aus der gesamten Versandhandelsbranche von 20,3 Milliarden Euro wird heute bereits über das Internet erzielt, mit steigender Tendenz, sagt der Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Versandhandels Rolf Schäfer. Allein im vergangenen Jahr stieg der Internetumsatz des Versandhandels um 36 Prozent auf 4,9 Milliarden Euro.
Bestellt wird das gesamte Angebot, vor allem aber Produkte wie Bücher, CD, Computerzubehör oder Wein - Produkte, die man weder anprobieren muß noch beim Kauf durch Anfassen auf Qualität kontrolliert. Für die Versender ist das Internet ein bedeutender weiterer Bestellweg neben der klassischen Bestellkarte und dem Telefon geworden, der vor allem von jungen Kunden wahrgenommen wird - und mit dem sie dem stationären Einzelhandel auch Kunden entziehen.
Bücher verkaufen sich übers Netz am besten
Zwar geben in einer Befragung 26 Prozent der Internetnutzer an, sich am Bildschirm über das Angebot zu informieren und dann doch im Laden zu kaufen. Aber 37 Prozent der Internetnutzer bestellen auch im Internet und suchen kein Geschäft mehr auf. Bei Büchern ist dieser Anteil mit 44 Prozent sogar noch höher.
Rund 65 Prozent der Internetnutzer bestellen heute Bücher auf elektronischem Weg - zunehmend auch solche, die sie im Katalog gesehen haben. Denn der Katalog ist nicht ausgestorben. Das Unternehmen Weltbild hat für die Internetnutzer sogar einen eigenen Katalog aufgelegt.
Das Internet ist bequem und verschafft Markttransparenz. Man kann schnell die Angebote verschiedener Anbieter vergleichen, und die Suchkosten eines weiteren Angebots sind relativ gering. Das machen sich immer mehr Menschen auch beim Kauf eines Gebrauchtwagens zunutze. Etwa zwei Millionen Kaufverträge für Gebrauchtwagen im Jahr werden inzwischen über das Internet angebahnt.
Alle sechs Minuten ein Gartenzwerg
Über die Onlinebörse Mobile.de, die inzwischen auch zu Ebay gehört, verkaufen die angeschlossenen Händler und Privatpersonen inzwischen 40 Prozent ihres Angebots, also fast jedes zweite Gebrauchtauto. Da überrascht es nicht, daß fast 20 000 Händler ihre Gebrauchtwagen über das Netz anbieten. Dort trifft man die Kaufinteressenten. Fast jeder zweite Besucher einer Onlinebörse kauft eines der angebotenen Produkte.
Noch bekannter als Autoscout.24 oder Mobile.de ist der Internetmarktplatz Ebay, der fast zum Synonym für den elektronischen Handel von Privat an Privat geworden ist. Dabei ist die Plattform längst über den elektronischen Flohmarkt hinausgewachsen. Ein gutes Drittel des Angebots wird von professionellen Händlern ins Netz gestellt. Die Daten sind beeindruckend: Alle zwei Sekunden wird ein Kleidungsstück verkauft, alle 13 Sekunden ein Roman, alle sechs Minuten ein Gartenzwerg.
Text: F.A.Z., 09.09.2005
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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