Internet

Milliarden von Spam-Mails bedrohen das Internet

Von Holger Schmidt

Internet: Milliarden von Spam-Mails bedrohen das Internet
25. Mai 2003 

Das Internet steckt in ernster Gefahr. Der Grund dafür heißt Spam. Eigentlich eine Dosenfleisch-Marke aus einem Sketch der englischen Komikertruppe Monty Python, bezeichnet Spam heute unerwünschte Werbe-E-Mails. Diese Müll-Mails, die meist in englischer Sprache windige Finanzanlagen, Medikamente oder Erotik-Angebote anpreisen, überfluten täglich milliardenfach die Postfächer der 650 Millionen Internet-Nutzer in aller Welt. Nach neuesten Schätzungen ist bereits jede zweite elektronische Post unerwünschte Werbung. Das Spam-Aufkommen wächst rasant und macht auch vor den beliebten Telegrammdiensten (Instant Messaging) und dem Mobilfunk nicht mehr halt.

Verstopfte Postfächer sind aber nicht nur zum Hauptärgernis der Internet-Nutzer geworden, sondern verursachen auch enorme volkswirtschaftliche Schäden. Die unnötigen Zusatzkosten, die für das Übertragen und Speichern der Spam-Mails anfallen, werden auf zwölf Milliarden Dollar in diesem Jahr geschätzt. Spam bringt aber auch die werbetreibende Wirtschaft in Nöte, die erwünschte E-Mails als günstige und effektive Werbeform einsetzt. "Spammer haben bereits den kompletten Mobilfunk-Werbemarkt in Japan kaputtgemacht. Einige Handy-Besitzer hatten 100000 Werbe-Mails in ihrem Postfach - und haben ihr Handy lieber weggeworfen", berichtet Malte Pollmann, der das Anti-Spam-Programm des Internet-Portals Lycos Europe koordiniert.

Zwei Drittel sind Betrüger

Dosenfutter im Internet

Dosenfutter im Internet

Internet-Unternehmen, Werbewirtschaft und Justizbehörden sind angesichts des rasanten Spam-Wachstums alarmiert. "Hinter zwei Dritteln der Spam-Mails stecken Betrüger. Sie machen das seriöse E-Mail-Marketing kaputt", sagte der Unternehmensberater Torsten Schwarz beim ersten deutschen Anti-Spam-Kongreß in Usingen. Oft haben die Spammer das Ziel, den Nutzern sogenannte 0190-Dialer auf die Festplatte zu kopieren, die unbemerkt sehr teure Internet-Verbindungen herstellen. Auch teure Faxabrufdienste oder Raubkopien bekannter Software werden angepriesen.

Der Grund für die Spam-Flut liege in den geringen Kosten der E-Mail-Werbung. "Spam ist billig. Der Preis für 1000 Werbekontakte (TKP) beträgt bei der E-Mail nur einen Bruchteil der Kosten, die für Telefon- oder Briefwerbung anfallen", rechnet Schwarz vor. Obwohl die meisten Internet-Nutzer den Großteil der unerwünschten Mails ungelesen löschen, fallen immer noch genügend unerfahrene Surfer auf Werbebotschaften wie "Bikini Zone" oder "Viagra overnight" herein. "Selbst bei extrem geringen Antwortraten erwirtschaften die Spam-Versender noch Gewinne", hat Joachim Hofmann, Geschäftsführer des E-Mail-Dienstleisters GMX, beobachtet.

Fünf Jahre Haft für Spammer

Die Aussicht auf den schnellen Gewinn per Mausklick hat inzwischen eine weltweit agierende Spam-Mafia hervorgerufen, die ihre Spuren mit gefälschten E-Mail-Adressen und häufigen Standortwechseln verwischt. Oft hacken sich die Spammer in ungesicherte Rechner ein, um dann unerkannt unter einer echten E-Mail-Adresse ihre Werbe-Mails zu versenden. Allein im April hat der amerikanische Anti-Spam-Spezialist Brightmail rund 7 Millionen Spam-Attacken registriert, hinter denen jeweils eine Flut unerwünschter Mails stehen. Noch stammt mehr als die Hälfte der Müll-Mails aus den Vereinigten Staaten, aber Absender aus Rußland und China gewinnen schnell an Bedeutung.

Viele Internet-Firmen gehen mit Hilfe der Justiz gegen die Spammer vor. "Wir haben gerade eine einstweilige Verfügung gegen das Unternehmen Interfun erwirkt. Trotzdem hat die Firma weiterhin Spam-Mails versendet. Daraufhin haben wir vor Gericht das Ordnungsgeld von 250000 Euro oder Ordnungshaft bis zu sechs Monaten beantragt", berichtete Kai Herzberger von AOL Deutschland. AOL hat inzwischen eine weitere einstweilige Verfügung gegen das Unternehmen Akud erwirkt.

In Amerika greifen die Justizbehörden längst härter durch: Bis zu fünf Jahre Haft sieht das neue Anti-Spam-Gesetz vor, das der amerikanische Bundesstaat Virginia jüngst verabschiedet hat. In Deutschland hinkt der Gesetzgeber der Realität hinterher: Noch immer ist die EU-Datenschutzrichtlinie, die E-Mail-Werbung nur nach vorheriger Einwilligung des Internet-Nutzers erlaubt ("opt-in"), nicht im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb umgesetzt worden. Allerdings waren sich die Kongreßteilnehmer einig, daß die Spammer mit juristischen Mitteln allein kaum zu stoppen sind. "Die Exekutive hat Lücken, zum Beispiel wenn der Spam-Versender im Ausland sitzt", sagte Hofmann.

Das Wettrüsten hat begonnen

Große deutsche Internet-Unternehmen wollen daher mit einer gemeinsamen Arbeitsgruppe gegen die wachsende Flut unverlangter Werbe-E-Mails vorgehen. "T-Online, AOL, GMX, Lycos und Arcor planen verbesserte Filtermechanismen, damit Spam-Mails nicht mehr die Mailboxen ihrer Kunden verstopfen", sagte ein Sprecher des Verbands der Deutschen Internet-Wirtschaft (eco). Die Internet-Unternehmen entwickeln Filter, die Spam-Mails erkennen und abblocken. Das Ziel: "Der Spam-Versand muß so teuer werden, daß sich das Geschäft nicht mehr lohnt", sagte der Anti-Spam-Fachmann Florian Klein in Usingen. Schon heute weisen die Filter den größten Teil der Müll-Mails zurück, bevor sie das Postfach der Internet-Nutzer erreichen. "Lycos blockt 90 Prozent der Spam-Mails ab", sagte Pollmann. GMX wirbt mit der Aussage, mit seiner neuen Technik bis zu 98 Prozent aller Spam-Mails herauszufiltern. Der weltgrößte Online-Dienst AOL weist nach eigenen Angaben jeden Tag 2,3 Milliarden unerwünschter E-Mails zurück. Jeder Fortschritt in der Filtertechnik fordert aber die Spammer heraus, noch mehr Mails zu versenden und noch raffiniertere Täuschungsmanöver anzuwenden, um bis zum Internet-Nutzer vorzudringen. Die Aufwärtsspirale ist kaum zu stoppen. "Inzwischen findet eine Art Wettrüsten zwischen Spammern und E-Mail-Diensten statt", sagte Joachim Hofmann.

Filter haben oft den Nachteil, sogenannte falsche Positive, also erwünschte E-Mails, die aber vom Filter als unerwünscht eingestuft werden, abzublocken oder in einen Topf mit Spam zu werfen. Gewollte Newsletter lassen sich dann kaum noch aus der Flut der Spams herausfiltern. Seriöse Unternehmen oder Internetprovider, die E-Mail-Marketing einsetzen, landen auf diese Weise auch schon einmal auf einer der schwarzen Listen im Internet, auf denen die schwarzen Schafe der Branche gesammelt werden. Da viele Filter auf diese Listen zugreifen, werden auch die seriösen E-Mails geblockt oder in den Spam-Topf geworfen.

Der komplette Beitrag mit Hinweisen für den Schutz vor Spam erscheint am Montag, 26. Mai, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Bildmaterial: Duke University, F.A.Z.

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