Medien

Ein Schlag ins Kontor

Von Michael Hanfeld

Bleibt getrennt, was fusioniert werden sollte?

Bleibt getrennt, was fusioniert werden sollte?

21. November 2005 Entscheidet sich an diesen fünfundvierzig Seiten, ob der größte Coup der deutschen Mediengeschichte gelingt oder nicht? Am vergangenen Freitag hat der Springer-Verlag vom Bundeskartellamt Post bekommen, die es in sich hat. Ein Zwischenbescheid im Kartellverfahren zur Fusion von Springer und Pro Sieben Sat.1, der nichts anderes als ein blauer Brief ist und verheißt: Versetzung gefährdet, die Fusion findet nicht statt. "Wir sind immer noch zuversichtlich", hieß es bei Springer gestern. Doch klingt es ein wenig wie das Pfeifen im Walde. Daß die Kartellwächter Bedenken haben und hart prüfen würden, das haben sie bei Springer erwartet. Daß angesichts der Megafusion aber mit einem Mal ganz neue Maßstäbe angelegt werden, damit konnte wohl niemand rechnen. Der Zwischenbescheid des Kartellamts, auf den Springer bis zum 8. Dezember antworten muß, sieht nach Fundamentalopposition aus. Bis Ende des Jahres soll die Sache entschieden sein. Und Springer müßte offenbar viel tun, um die Bedenken zu zerstreuen.

Der Kartellamtschef Ulf Böge hatte sich schon früh kritisch geäußert, kaum daß Springer Haim Saban und Konsorten für die gigantische Summe von insgesamt rund 4,2 Milliarden Euro Pro Sieben Sat.1 abgenommen hatte: Die Sache sei längst nicht durch, hieß es schon vor Wochen. Daß die Marktmacht der "Bild"-Zeitung dabei eine große Rolle spielen würde, konnte man sich denken und mit den Kartellwächtern fragen, was der Verbund für den Anzeigenmarkt im Printbereich und im Fernsehen bedeutet. Und auch das gemeinsam mit der Bertelsmann-Tochter Arvato gegründete Riesendruckereiunternehmen Prinovis mochte einem einfallen bei der Suche nach Gründen, warum man Springer die Fusion mit Pro Sieben Sat.1 verwehren könnte. Schließlich machen hier die Größten der Branche gemeinsame Sache und die Konkurrenz zunichte. Und dann wäre da noch die Programmpresse, die Springer hat: "Hörzu" und "TV Digital", bei dem der Bezahlsender Premiere mitmacht. Vielleicht müßte Springer dieses Geschäft abstoßen? Diese Frage stellte man sich in der Branche von Beginn der Sache an.

Kartellamt „fusioniert“ bisher getrennte Märkte

Überraschend ist schon, daß die Kartellwächter Märkte, die sich bis dato getrennt voneinander hielten, zusammenrechnen: die Anzeigenmacht von "Bild" und Sendern. Jene Argumentation aber, die nun vor allem gegen Springer sprechen soll, erstaunt noch viel mehr. Sie lautet: Wenn Springer bis auf Augenhöhe zu Bertelsmann wächst, entstehen "symmetrische Märkte", also solche mit mehr oder weniger nur noch zwei gleich starken Konkurrenten, die sich keinen echten Wettbewerb mehr liefern. Das kann man nachvollziehen. Doch was folgt daraus? Es kann nur einen geben? Nur einen Global Player auf dem deutschen Medienmarkt, und das ist Bertelsmann? Sichern die Kartellwächter dann nicht diesem Unternehmen, was sie eigentlich bekämpfen müssen - nämlich ein Monopol? Warum wurde ein solches Argument niemals gegen Bertelsmann gewendet? Dem Konzern gehört mit RTL die größte Fernsehgruppe Deutschlands und Europas und mit Gruner + Jahr einer der größten Zeitschriftenverlage Europas, um nur die augenfälligsten Bereiche zu nennen. Und dabei ist die Expansion noch in vollem Gange, wie man bei RTL sieht, das von Großbritannien bis Rußland Sender in Reihe kauft.

Und was passiert bei Pro Sieben Sat.1, wenn Springer nicht zum Zuge kommt? Einen langwierigen Prozeß gegen eine Ablehnung, der am Oberlandesgericht Düsseldorf zu führen wäre, wird es wohl kaum geben. Entweder das Kartellamt stimmt zu, oder es gibt, was es im Fall Holtzbrincks auf dem Berliner Zeitungsmarkt nicht gab: eine Ministererlaubnis. Kommt weder das eine noch das andere, wird sich Haim Saban auf dem Absatz umdrehen und so schnell wie möglich einen internationalen Käufer suchen, der könnte entweder ein Konzern wie General Electric oder eines der Telekom-Unternehmen sein, die mit Geld von der Börse im Augenblick weltweit auf Expansionstour sind, weil sie sich als Telefonanbieter auch noch die Übertragung des Rundfunks und das Programm sichern wollen, "Triple Play" nennt man dieses Geschäftsmodell. Was das Kartellamt wohl davon hält?

Doch nicht nur das Kartellamt scheint Springer stoppen zu wollen - wenn dies nicht ein allein taktisches Manöver ist, um aller Welt zu zeigen, wie hart man prüft. Im Dezember will auch die Kommission zur Ermittlung der Konzentrationskontrolle (Kek), die den audiovisuellen Markt betreut, ihr Urteil im Fall Springer sprechen. Und auch sie scheint abgeneigt, könnte im Zweifel nur durch eine Zweidrittelmehrheit aller Landesmedienanstalten überstimmt werden. Es sieht also nicht gut aus. Bei Pro Sieben und Sat1. dachten sie bis Freitag, das größte Problem seien im Augenblick die miesen Quoten und Marktanteile - die eigenen Qualitätsserien floppen markant, während RTL mit einem Biederprogramm wie "Deutschland sucht den Superstar" abermals monströse Einschaltzahlen (7,5 Millionen Zuschauer im Schnitt) einfährt. Jetzt, da sich viele in dem schönen Riesenspringerkonzern schon eine neue Karriere zurechtgelegt hatten, steht mit einem Mal - vielleicht - wieder alles auf dem Spiel.

Text: F.A.Z., 21.11.2005, Nr. 0 / Seite 37
Bildmaterial: dpa

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