Von Holger Schmidt
15. Mai 2006 Im Internet herrscht wieder Goldgräberstimmung. Überall basteln kleine Teams an neuen Geschäftsmodellen, während die Frühstarter schon ihre Börsengänge vorbereiten und die Risikokapitalgeber das große Geschäft wittern.
Allein drei Teams arbeiten daran, die Community MySpace.com in Deutschland nachzubauen, sagte OpenBC-Gründer Lars Hinrichs beim Internet-Kongreß "Next10Years.com" in Hamburg. MySpace ist mit mehr als 60 Millionen Mitgliedern die größte Online-Gemeinschaft (Community) Amerikas und wurde vom Medientycoon Rupert Murdoch für 580 Millionen Dollar gekauft.
Arbeiten nach dem Aal-Prinzip
Doch im Internet der zweiten Generation ist - fast - alles anders als in der ersten Gründerphase 1999/2000: Viele Start-Ups arbeiten heute von Anfang an profitabel, da die Technik billiger und große Werbekampagnen überflüssig geworden sind. Anders als in der ersten Phase sind heute rund eine Milliarde Menschen auf der Welt im Internet, die nicht nur passiv Informationen abrufen. "Die Nutzer sind aktiv, produzieren Inhalte, tauschen sich aus", sagte Matthias Schrader, Gründer der Webagentur Sinner-Schrader. Das Leben im World Wide Web bewegt sich von wenigen zentralen Seiten in dezentral organisierte Gemeinschaften.
"Wir erleben einen Wandel von autoritären Systemen zu Minderheiten, wie es Blogs schon heute zeigen", sagte Tim von Törne, der das Deutschland-Geschäft des Internettelefoniedienstes Skype leitet. Triebfeder sind soziale Bedürfnisse: "Die Menschen suchen Aufmerksamkeit im Netz", sagte Andreas Weigend, ehemaliger Chefwissenschaftler des Online-Händlers Amazon. Ein gutes Beispiel sei die Seite Youtube.com. "Dort werden täglich 35000 private Videos der Nutzer hochgeladen. 30 Millionen Menschen schauen sich die Videos an. Dabei fließt kein Geld. Es geht allein um die Aufmerksamkeit der Gemeinschaft", sagte Weigend. Kein Unternehmen könne ein solches Angebot allein aufbauen. "Im Netz gilt heute das Aal-Prinzip: andere arbeiten lassen. Das hat Amazon mit seinen Leser-Kommentaren vorgemacht", sagte Weigend.
Selbst Ebay hat es schwer
Diese sozialen Netzwerkeffekte lassen die Unternehmen fast automatisch wachsen. "OpenBC hat 2003 mit 470 Mitgliedern angefangen. Heute sind es 1,2 Millionen. In diesem Jahr werden wir mehr als zehn Millionen Euro Umsatz erwirtschaften", sagte Hinrichs, der sein Unternehmen ohne Risikokapital aufgebaut hat und inzwischen 45 Menschen beschäftigt. Sein Modell: Manager treffen sich im Internet, suchen und finden Geschäftspartner - und zahlen für besonders gute Kontaktfunktionen. "16 Prozent unserer Mitglieder haben über OpenBC schon einmal einen Geschäftsabschluß erzielt, 4 Prozent haben mehr als 6 Abschlüsse gemacht", sagte Hinrichs.
Als nächster Schritt sind Kleinanzeigen geplant: Wie beim amerikanischen Anzeigenmarkt Craigslist sollen die Nutzer auch Immobilien oder Dienstleistungen austauschen. Hinrichs setzt auf den Trend, daß viele Kleinanzeigen, die zuerst aus den Zeitungen in Online-Anzeigenmärkte gewandert sind, nun weiter in die Communities ziehen. Selbst der Marktplatz Ebay hat es inzwischen schwer, diese Kleinanzeigen trotz seiner Popularität an sich zu binden, wenn die Nutzer eine solche Anzeige kostenlos - und mit Erfolg - in MySpace plazieren können. Generell bleibt Hinrichs aber beim Geschäftsmodell, sich über den Verkauf von Premiumdiensten zu finanzieren. "Online-Werbung ist mir zu riskant. Schon ein Terroranschlag wie am 11. September 2001 kann das Modell ins Wanken bringen", sagte Hinrichs.
Höchstes Ansehen für das schönste Zimmer
Für Christian Leybold, der für die Risikokapitalgesellschaft BV Capital attraktive Geschäftsmodelle sucht, ist die Kombination aus nützlichen Funktionen wie der Lesezeichen-Verwalter del.icio.us, nützlichen Inhalten, wie sie Qype sammelt, oder Netzwerken wie Flickr ideal. Oft stehe für die Nutzer dieser Web 2.0-Anwendungen die soziale Komponente im Vordergrund. "Die Fragen, wer hat meine Seite angeschaut, wer interessiert sich für mich, sind ganz wichtig", sagte Leybold. Ein gutes Beispiel sei die Gemeinschaft Cyworld aus Korea. Dort können sich die Nutzer virtuell Zimmer einrichten und dafür Möbel oder Blumen kaufen. "Wer das schönste Zimmer hat, genießt das höchste Ansehen", sagte Leybold. Das Modell funktioniere: Während MySpace im vergangenen Jahr weniger als einen Dollar Umsatz je Nutzer erzielt habe, konnte Cyworld mit jedem seiner 22 Millionen Mitglieder fünf Dollar umsetzen. Inzwischen werde der soziale Status, der im Internet erreicht werde, immer häufiger auch in die Offline-Welt übertragen. "Menschen, die sich im Internet kennengelernt haben, treffen sich auch physisch", sagte Leybold.
Zum Beispiel der Verein der Hamsterfreunde
Die Online-Gemeinschaften ändern auch das Einkaufsverhalten. "Das Internet wird dezentral. Die Menschen kaufen künftig in ihrer Community ein, weil sie den Empfehlungen anderer Nutzer vertrauen", sagte Volker Glaeser vom Internetportal Yahoo. Der dezentrale elektronische Handel wird von Start-Ups wie dem Leipziger T-Shirt-Händler Spreadshirt.net vorangetrieben (siehe dazu Aus E-Commerce wird Social Commerce). "Wir haben inzwischen 150000 Shop-Betreiber, zum Beispiel den Verein der Hamsterfreunde", sagte der Gründer Lukasz Gadowski in Hamburg. Statt Massenware suchen die Kunden Kleidungsstücke mit individuellen Motiven, die dann von Gadowskis 200 Mitarbeitern profitabel produziert und ausgeliefert werden. Diese privaten Seitenbetreiber könnten selbst festlegen, wieviel sie an einem T-Shirt verdienen wollen. "Einige wollen gar nichts verdienen, andere schlagen 10 Euro auf", sagte Gadowski. Sein Geschäft gehört zur Kategorie der "Long Tail Geschäfte", die Nischenmärkte im Internet zusammenfassen und damit erstmals zu profitablen Geschäftsfeldern machen (siehe Kasten).
Samwer-Brüder steigen ein
Für Risikokapitalgeber ist Web 2.0 ein interessantes Feld. Nun steigen auch die Samwer-Brüder ein: Marc, Oliver und Alexander Samwer, die zuerst den Marktplatz Alando und später die Klingeltonfabrik Jamba mit Erfolg aufgebaut und verkauft haben, gründen kein neuen Unternehmen, sondern investieren ihre Millionen nun in Web 2.0 Start-Ups.
Allerdings ist die Begeisterung über das Web 2.0 inzwischen schon so groß, daß vor einer neuen Spekulationsblase gewarnt wird. "Die Konsolidierung im Web 2.0 steht bevor. Große Unternehmen wie Google, Yahoo oder Microsoft imitieren die kleinen Anbieter einfach", sagte Hinrichs. Da die Software mit neuen Programmiersprachen wie Ajax sehr einfach geworden ist, können Geschäftsmodelle schnell nachgebaut werden. "Ein Start-Up hat heute nur noch eine Chance, wenn ihm die Großen wenigstens ein oder zwei Jahre Vorsprung lassen, um eine Community aufzubauen", sagte Hinrichs.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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