04. September 2006 Der Aufsichtsrat der Deutschen Telekom hat Vorstandschef Kai-Uwe Ricke den Rücken gestärkt. Während einer Klausurtagung am Wochenende billigte das Gremium ein von Ricke vorgelegtes Programm zur Neuausrichtung des Konzerns. Damit sind auch die Spekulationen über eine bevorstehende Ablösung Rickes als Vorstandsvorsitzendem der Deutschen Telekom zunächst vom Tisch. "Personalfragen waren während der Sitzung kein Thema", erklärte Ricke in einer Telefonkonferenz am Samstag. Ricke war nach schlechten Halbjahreszahlen in die Kritik geraten.
Bis zum Dezember soll die jetzt vorgelegte Strategie nach Rickes Worten detailliert ausgearbeitet werden. Von seiten der Anteilseigner sei keine Kritik an seiner Unternehmensführung geübt worden, fügte er hinzu. Auf die Frage nach der Verlängerung seines Ende November 2007 auslaufenden Arbeitsvertrages sagte Ricke: "Das folgt den normalen Regeln, und darüber mache ich mir zur Zeit wirklich keine Gedanken." Im Rahmen des Programms "Telekom 2010" stimmte der Aufsichtsrat allerdings einer weitreichenden Neuverteilung der Verantwortlichkeiten im Konzernvorstand zu, die auch zu einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse führt.
Ricke übernimmt Schlüsselfunktionen von Raizner
Verlierer dieser Auseinandersetzung könnte nach Ansicht von Beobachtern vor allem Walter Raizner sein, der erst seit November 2004 den Vorstandsbereich Breitband/Festnetz leitet. "Entscheidende Schlüsselfunktionen werden ab sofort zentral vom Konzernvorstand geführt", sagte Ricke. Dabei werden drei Mitgliedern des Vorstandes weitere Aufgabenbereiche zugewiesen. Raizner und Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick werden Bereiche abgeben müssen.
Die Verantwortlichkeit von Personalvorstand Heinz Klinkhammer bleibt weitgehend unberührt. Ricke selbst wird künftig neben der Verantwortung für das globale Markenmanagement auch die Bereiche Werbebudget und -planung sowie die Mediakoordination für den deutschen Markt übernehmen. Damit werde dem Umstand Rechnung getragen, daß der Konzern seinen Marktauftritt in Deutschland stärker koordinieren und gleichzeitig die Kostenstrukturen radikal an geänderte Marktbedingungen anpassen müsse, erklärte Ricke. Die Telekom hat allein im ersten Halbjahr 2006 rund eine Million Kunden an die Wettbewerber verloren und mußte ihre Umsatz- und Ertragsprognosen für das laufende Jahr und 2007 deutlich nach unten korrigieren, was einen Kursrutsch für die Telekom-Aktie zur Folge hatte.
Obermann übernimmt T-Punkte
Der für die Mobilfunksparte T-Mobile zuständige Vorstand René Obermann wird in Zukunft auch den stationären Vertrieb in Deutschland konzernübergreifend führen. Damit übernimmt er die Verantwortung für die T-Punkte, deren Zahl bis zum Jahresende von bisher 520 auf dann 600 steigen soll. Dort sind rund 5000 Mitarbeiter beschäftigt. Mit dieser Funktion wird Obermann vor allem mit der Vermarktung der Bündelprodukte aus den unterschiedlichen Konzernsparten betraut, die künftig Festnetz, Internetzugang und Fernsehangebote in Kombination mit Mobilfunkleistungen beinhalten sollen.
Noch vor wenigen Tagen hatte Festnetzchef Raizner während einer Reise im koreanischen Seoul erklärt, die Festnetzsparte T-Com werde künftig als "Integrator im Konzern" auftreten und die Koordination der Bündelangebote übernehmen. Davon war bei den Ausführungen Rickes am Samstag aber nicht mehr die Rede. Er erwähnte Raizner in der Erklärung vom Wochenende nur auf Nachfrage und sagte: "Walter Raizner ist weiterhin für die T-Com zuständig", ohne dies aber näher zu spezifizieren.
Pauly verantwortet die Netze
Auch die Bereiche Netztechnik, Informationstechnik (IT) und Einkauf der Telekom werden nach Angaben von Ricke künftig konzernübergreifend gebündelt. Die Verantwortung hierfür wird künftig Lothar Pauly, der Chef der Geschäftskundensparte T-Systems, übernehmen. Durch diese zentrale Koordination soll vor allem die Umstellung des gesamten Telekomnetzes auf das Internetprotokoll (IP) beschleunigt werden, die jetzt schon im Jahr 2010 weitgehend abgeschlossen sein soll. Davon erhofft sich Ricke eine deutliche Senkung der Kosten für die globale Infrastruktur des Konzerns. Im Bereich IT soll schon schneller rund eine Milliarde Euro jährlich gespart werden.
Ricke kündigte außerdem an, daß die Telekom die Investitionen mit neuen Prioritäten versehen und durch die Veräußerung von nicht betriebsnotwendigem Vermögen weitere Handlungsspielräume eröffnet werden. Auch solle im Rahmen der neuen Strategie in den europäischen Märkten, in denen schon heute eine Mobilfunkpräsenz bestehe, eine klare Angriffsstrategie gegenüber dem Festnetz gefahren und auch der Einstieg in den Breitbandmarkt geprüft werden. Die Mobilfunkbeteiligung in den Vereinigten Staaten solle zudem zur größten Geschäftseinheit des Konzerns im Endkundenmarkt ausgebaut werden.
Druck auf Arbeitsplätze steigt
"Die Betonung auf das Element der Kostensenkung ist in dem Programm deutlich erkennbar", sagte Lothar Schröder, der für die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Aufsichtsrat der Telekom sitzt, nach der Vorstellung der Strategie. "Dadurch wird der Druck auf die Konditionen und die Arbeitsplätze bei der Telekom steigen."
Konzernchef Ricke lasse in seinen Aussagen offen, ob es mit dem schon angekündigten Personalabbau von 32000 Stellen getan sei. Das Unternehmen leide schon jetzt unter der permanenten Reorganisation. "Das Verhältnis von Stabilität und Veränderung ist aus dem Ruder gelaufen." Die starke Orientierung an den Interessen des Kapitalmarktes lasse Fragen offen, sagte der Arbeitnehmervertreter und fügte hinzu: "Ein Tennisspieler, der sich das gesamte Match auf die Anzeigetafel konzentriert, wird das Spiel verlieren."
Text: F.A.Z., 04.09.2006, Nr. 205 / Seite 15
Bildmaterial: Deutsche Telekom, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, Thomas Ollendorf
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