Von Wolfgang Tunze
14. Mai 2005 Das Jahr eins der neuen High-End-Zeitrechnung muß ein gutes Jahr gewesen sein: Die traditionelle Fachmesse für alles, was Ton- und neuerdings auch Bildmedien mit radikalem Sinn fürs Feine aufbereitet, präsentierte sich am vergangenen Wochenende noch großzügiger, eindrucksvoller und selbstbewußter als zwölf Monate zuvor am selben Ort.
Das ist durchaus nicht selbstverständlich: Schließlich hatte die Leistungschau der Elektronik-Elite im vergangenen Jahr alles auf eine Karte gesetzt und nach über zwei Jahrzehnten ihrem bewährten Standort Gravenbruch bei Frankfurt den Rücken gekehrt, um in den luftigen Hallenbauten des Münchner Veranstaltungszentrums MOC eine neue, für Wachstum und Differenzierung offene Heimstatt zu finden. Und voila, das Risiko hat sich gelohnt: In diesem Jahr hatten die Veranstalter gleich noch eine weitere Halle geordert und die Ausstellungsfläche für 167 Aussteller und rund 500 Edelmarken damit um fast ein Viertel vergrößert. Aber mit dem so entstandenen Raum für entspanntes Flanieren offenbarte das neue Areal nur einen seiner Vorzüge. Als ebenso wichtig erwies sich die Möglichkeit, Exponate völlig unterschiedlicher Provenienz und Philosophie ohne jeden Zwang zu Gleichmacherei in ganz unterschiedlichen Umgebungen zu demonstrieren - in kompakten Hörkabinen, in opulenten Präsentationsräumen, im Rahmen bild- und tonloser Produktausstellungen oder auch in Bühnen-Auftritten, in denen Live-Musiker den Vergleich mit der Wiedergabe ihrer eigenen Direkt-Mitschnitte wagten. Die Wiener Klaviermanufaktur Bösendorfer zum Beispiel zeigte auf diese Weise eindrucksvoll, wie sehr das Spiel auf einem Flügel des Hauses dem ähnelte, was die Lautsprecher derselben Marke anschließend daraus zu machen verstanden.
Bunte Mischung
Wie gerechtfertigt der differenzierte Zugang zu den Objekten der Begierde heute ist, verdeutlicht ein Rückblick: Gegründet hatte sich die Messe als Dissidenten-Schau ökonomisch winziger Vertriebe und handwerklich operierender Edelmanufakturen, um abseits des großindustriellen Mainstreams eine publikumswirksame Plattform für ihre höchst anspruchsvollen Hi-Fi-Gerätschaften zu errichten. Die trotzige Sezession hatte paradoxe Wirkung. Schon kurz nach dem Start des Projekts High End gaben die üblichen Multis der Branche in den Vorzimmern der Veranstalter einander die Klinke in die Hand, um im Sinne des Guten, Wahren und Schönen mittun zu dürfen, und sie waren es schließlich, die auch für die unvermeidlichen Grenzüberschreitungen zwischen den Mediensparten sorgten: Zum hehren Ton gehört auf der High End heute das große, scharfe Heimkino-Bild - genau wie im richtigen Leben. Somit gewährt die ambitionierte Messe einer bunten Szene ein gemeinsames Dach.
Zweikanal-Trend
Dem westfälischen High-End-Unternehmen T+A ist es gelungen, den Spagat zwischen extrem unterschiedlichen Technik-Welten in einem einzigen Gerät zu repräsentieren - dem neuen SACD-Player D10. Der pittoreske Scheibendreher tastet mithin einen der modernsten, hochauflösenden Digitaltonträger ab, delegiert die so gewonnenen Informationen dann aber an Elektronik nach dem Vorbild von anno Tobak: Eine veritable Röhrenausgangsstufe soll den Tönen jenen warmen Schmelz verleihen, der für diese Bauelemente so typisch ist. Zu dieser Philosophie paßt die vorsätzliche Selbstbeschränkung auf die reine Stereo-Wiedergabe: Mitten im Mehrkanal-Zeitalter zeichnet sich ein immer deutlicher Trend zur Renaissance der zweikanaligen Musikwiedergabe ab. Auch Denon folgt diesem Kurs, mit einer hochkarätigen Kombination aus den Stereo-SACD-Player DCD-SA1 und dem Vollverstärker PMA-SA1. Marantz beschreitet denselben Pfad; hier heißt der neue SACD-Player SA-15S1, das Vollverstärker-Pendant hört auf den Namen PM-15S1. Ein weiterer interessanter Beitrag zum Zweikanal-Thema stammt von NAD: Dieser Hersteller kombinierte einen DVD-Player mit einem Stereo-Receiver in einem einzigen Gehäuse - für all jene Normalverbraucher, die eine kompakte und solide, CD-taugliche Hi-Fi-Anlage wollen und gern auch mal einen Digitalfilm gucken möchten, ohne gleich in ein komplettes Heimkino investieren zu müssen.
Mehrkanal für DVD
Aber natürlich lebt auch die Mehrkanal-Idee weiter, sogar in ihrer mittlerweile vom Detmolder Tonmeister Werner Dabringhaus patentierten Ausprägung 2+2+2, einer besonderen Nutzungs-Idee des Mediums DVD-Audio. Hier bildet je ein Stereo-Lautsprecherpaar die Dimensionen Breite, Tiefe und Raumhöhe ab - mit entsprechenden Boxenanordnungen. Alfred Rudolph, Entwickler der legendären Acapella-Hornlautsprecher, hat hierzu eigens ein hochinteressantes Lautsprecher-Arrangement konstruiert und im praktischen Messe-Einsatz vorgeführt, in einem spektakulären Direktvergleich zwischen Live-Performace und Mitschnitt, bestritten von der flotten Nostalgie-Combo "The Beatles Revival Band".
Jukebox fürs Wohnzimmer
Einen ganz anderen Ansatz, Musik und moderne Digitalmedien zusammenzubringen, verfolgt Pioneer. Der japanische Hersteller zeigte eine neue Reihe von Festplatten-DVD-Rekordern, DVR-433, DVR-530 und DVR-630 genannt, die erstmals CD-Musik auf ihre Festplatte kopieren und als Wohnzimmer-Jukebox bereithalten können. Pioneer verwendet dazu ein eigenes Kompressionsformat; den üblichen MP3- Standard hat man hier aus Kopierschutz-Rücksichten gemieden.
Zurück zum Plattenteller
Und natürlich kam auch die Analogtechnik auf der High End zu ihrem Recht, etwa in Gestalt der bewährten Plattenspieler-Schönheiten von Jochen Räke. Der Meister trat zur High End mit einer neuen Technik des Plattenteller-Lagers an, der subtilen, vom Antriebsriemen und vom Motor verursachte Gleichlaufschwankungen meß- und hörbar entgegenwirkt: Räke teilte den Antrieb des Plattentellers in zwei übereinanderliegende Hälften, die nur über kräftige Magneten miteinander gekoppelt sind und somit gemeinsam mit dem Plattenteller ein Feder-Masse-System bilden, das Gleichlaufabweichungen absorbieren kann. Fast alle Räke-Modelle lassen sich mit diesem Klangverbesserer nachrüsten.
Unendlich viele Lautsprecher
Die üblichen unzähligen Neuheiten aus der Produktsparte Lautsprecher aufzuzählen, würde, wie immer, den Rahmen eines High-End-Berichts sprengen. Hier nur zwei Tips für Suchende auf dem Weg zum audiophilen Glück: Besonders gut hat uns die neue große Standbox FS 609 X-PI von Elac gefallen, die einen rundum strahlenden Bändchen-Hochtöner mit einer Mittel-Hochton-Koaxialkonstruktion aus Jet-Wandler und ringförmiger Flachmembran kombiniert, für perfekt gleichmäßige Schallverteilung und dennoch sensationell exakte Ortbarkeit. Ein Bändchen-Wandler bestreitet auch die hohen Töne im neuen, fast mannshohen Lautsprecher-Flaggschiff B100 von Burmester. Kenner der Materie dürfte unser Kommentar kaum überraschen: Vielleicht wird es bis zur High End 2006 dauern, bis wir ein Schallaggregat finden, das mit noch präziserer Analytik, noch perfekteren Klangfarben und mit noch mächtigerem Temperament zur Sache geht - aber darüber ein andermal mehr.
Text: F.A.Z., 10.05.2005, Nr. 107 / Seite T6
Bildmaterial:
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