Von Roland Lindner, Mountain View
12. Mai 2006 Superstars stellt man sich vielleicht etwas anders vor. Sergey Brin und Larry Page, die milliardenschweren Gründer der Internetgesellschaft Google, scheren sich wenig um Konventionen, wenn es um ihr Erscheinungsbild geht. Brin hat für seinen Auftritt vor Journalisten am Firmensitz in Mountain View Blue Jeans, Turnschuhe und ein einfaches schwarzes T-Shirt gewählt. Page hat zwar eine dunkle Stoffhose an. Die geht aber völlig unter neben seinem schreiend kobaltblauen Hemd mit farblich überhaupt nicht zusammenpassenden Streifen, das bestenfalls aussieht wie aus dem Second-hand-Laden.
Die Optik paßt aber zum Auftreten: Der sportlich gekleidete Brin kommt dynamischer daher als Page, ein bißchen verschmitzt, ab und zu mit einem lockeren Spruch. Dagegen wirkt Page behäbiger und etwas linkisch. Jedenfalls scheint die freie Kleiderauswahl ein Privileg der Gründer zu sein, denn abgesehen von Brin und Page erlaubt es sich an diesem Tag sonst kein anderer Google-Manager, ohne Jackett auf die Bühne zu kommen.
Botschaft paßt nicht zur Zwanglosigkeit der Gründer
Einer der Jackett-Träger ist Chief Executive Officer Eric Schmidt. Seine Botschaft paßt nicht so ganz zur Zwanglosigkeit von Brin und Page: Google ist auf dem Weg, erwachsener zu werden. So habe Google zum Beispiel eine stärkere Transparenz zur strategischen Priorität erklärt. Das würde eine Kehrtwende bedeuten, denn Google stand bislang im Ruf, sehr verschlossen zu sein und gegenüber der Öffentlichkeit eine gewisse Arroganz an den Tag zu legen. Etwa in dem legendär gewordenen Brief der Gründer kurz vor dem Börsengang vor zwei Jahren, aus dem geradezu Verachtung gegenüber der Wall Street herausklang.
Schmidt begründete die Öffnung damit, daß Google sich auch in seinem Geschäft zunehmend nach außen bewegen müsse - etwa in Form von Partnerschaften. Entsprechend wichtiger sei das öffentliche Meinungsbild geworden. Außerdem hat es in diesem Jahr auf Google in bislang ungewohntem Ausmaß Negativschlagzeilen gehagelt. Die Aufregung um den Start in China zum Beispiel, wo sich Google den Zensurvorschriften der Regierung unterwirft. Oder die enttäuschenden Quartalszahlen im Januar.
1100 neue Mitarbeiter im ersten Quartal eingestellt
Zum Erwachsenwerden gehört nach den Worten von Schmidt auch eine bessere Organisation in dem rasant wachsenden Unternehmen, das allein im ersten Quartal mehr als 1100 neue Mitarbeiter eingestellt hat. "Mehr System" nennt das Schmidt und meint damit, auf allen Ebenen des Unternehmens stärker mit Kennzahlen zu arbeiten. Mehr Nachvollziehbarkeit statt Chaos also.
Google will sich außerdem bei der Entwicklung neuer Produkte rückbesinnen: Das Kerngeschäft mit Internetsuche und damit verbundener Werbung soll wieder klarer das Geschehen bestimmen. Google stellte bisher in rasantem Tempo neue Programme und Dienste vor, die oft zunächst einmal mit traditioneller Internetsuche nichts zu tun hatten und keine Werbeumsätze bringen, von Online-Kommunikation über einen Finanzdienst bis hin zu drahtlosem Internetzugang. Viele Analysten haben die Frage aufgeworfen, ob Google sich verzetteln könnte.
Interne Zielvorgaben verfehlt
Schmidt gab nun zu, daß Google seine interne Zielvorgabe verfehlt hat, 70 Prozent der Entwicklungskapazitäten auf Internetsuche zu verwenden (während 20 Prozent für angrenzende und 10 Prozent für neue oder auch abseitige Gebiete vorgesehen sind). Bei der Veranstaltung präsentierte Google neue Produkte und unterstrich deren Relevanz für die Internetsuche. Beispielsweise soll mit dem neuen, noch in der Testphase befindlichen Dienst Google Co-op die Qualität der Suchergebnisse verbessert werden: Das Programm nutzt das Wissen von Spezialisten, die für sie relevante Internetseiten markieren können.
Die Konzentration auf die Internetsuche ist nach Aussage von Schmidt der wichtigste Vorteil von Google gegenüber den größten Wettbewerbern Yahoo und Microsoft. Google macht derzeit fast seine gesamten Umsätze mit Anzeigen, die neben Suchergebnisse gestellt werden. Yahoo und der Microsoft-Dienst MSN haben als Online-Portale auch traditionelle Internetwerbung und andere Umsatzquellen. Gleichwohl arbeiten beide Wettbewerber am Ausbau ihres Suchgeschäfts und haben neue oder verbesserte Technologien zur Plazierung von Anzeigen eingeführt.
Schmidt spielte zwar die Rivalität mit Microsoft herunter und meint, das Wachstumspotential der Internetsuche biete "Platz für mehr als einen Gewinner". Trotzdem hat Google kürzlich mit informellen Beschwerden bei den Wettbewerbsbehörden über die Geschäftsmethoden von Microsoft für Aufsehen gesorgt. Google ist ein Dorn im Auge, daß Microsoft in seiner neuen Version des Internetzugangsprogramms Explorer bei der Suchfunktion MSN als Grundeinstellung eingebaut hat. Damit, so argumentiert Google, nutzt Microsoft seine dominierende Position beim Explorer aus, um MSN voranzubringen. Google-Gründer Sergey Brin meinte dazu mit Blick auf die früheren Kartellverfahren gegen den Softwarekonzern: "Microsoft hat eine Geschichte. Sie haben nicht immer mit fairen Mitteln gekämpft, deshalb wollten wir eingreifen."
Text: F.A.Z., 12.05.2006, Nr. 110 / Seite 17
Bildmaterial: AP
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