FAZ.NET-Spezial zur CES

Die große Elektronikshow im Spielerparadies

In Las Vegas öffnet sich der Vorhang für die Messe CES. Die größten Computer- und Elektronikkonzerne der Welt sind vertreten. Aber die Börsenlieblinge Google und Apple fehlen.

Von Roland Lindner und Raymond Wiseman, Las Vegas

Ein kleines Ständchen gab der Microsoft-Gründer auch noch während seiner letzten Eröffnungsrede

Ein kleines Ständchen gab der Microsoft-Gründer auch noch während seiner letzten Eröffnungsrede

07. Januar 2008 Die Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas hat zum 41. Mal ihre Vorhänge geöffnet. Mit seiner letzten Eröffnungsrede läutete Microsoft-Mitgründer Bill Gates den für Sommer 2008 angekündigten Rückzug aus dem operativen Geschäft des Softwarekonzerns ein. Noch einmal nahm Gates auf der Messe die traditionelle Rolle des Chef- Visionärs der Computer-Industrie ein. Er präsentierte unter anderem einen neuartigen Computer für den Einsatz im Auto sowie neu entwickelte Computer-Handys.

Künftig will Gates sich vorwiegend in seiner gemeinsam mit seiner Frau gegründeten Stiftung, die Bill & Melinda Gates Foundation engagieren, die gegen Armut und Krankheiten wie Malaria und Aids kämpft. Die Eröffnungsrede der CES ist traditionell für Bill Gates reserviert. Sie erlebt jedes Jahr einen riesigen Ansturm.

Seit er erstmals 2001 über die digitale Dekade sprach, habe sich die Technologie mit atemberaubender Geschwindigkeit zum zentralen Weg dafür entwickelt, wie wir arbeiten, lernen und spielen, sagte Gates. „Aber in vielen Fällen stehen wir noch völlig am Anfang der Transformation, die Software ermöglichen wird“. In der kommenden digitalen Dekade werde Technologie das Leben reichhaltiger und produktiver machen und mehr kommunikative Möglichkeiten schaffen. Zu den künftigen Schlüssel-Elementen von Software-Entwicklungen werden auch intuitive und „natürliche“ Bedienmöglichkeiten über Berührung oder Sprache zählen.

Andere Ausgangslage

Die CES rühmt sich, die größte Messe für Unterhaltungselektronik in der Welt zu sein. Schiere Größe reicht aber nicht immer aus, denn im vergangenen Jahr mussten die Veranstalter zusehen, wie die auffälligsten Schlagzeilen woanders gemacht wurden. Zur gleichen Zeit wie die CES fand nämlich in San Francisco die Macworld Expo des Computer- und Elektronikkonzerns Apple statt.

Apple-Vorstandsvorsitzender Steve Jobs stellte hier das Multifunktions-Handy iPhone vor - und stahl damit der deutlich größeren CES die Show. „Es wird interessant sein zu sehen, ob Las Vegas diesmal kontern und einen ähnlichen Paukenschlag liefern kann wie Apple im vergangenen Jahr“, sagt Analyst Rob Enderle vom Branchendienst Enderle Group. In diesem Jahr ist die Ausgangslage insofern anders, als die beiden Veranstaltungen nicht zusammenfallen: Die Macworld findet erst in der nächsten Woche statt.

Soviel Besucher wie Spielautomaten

Zunächst einmal wird also Las Vegas für einige Tage zum Zentrum der internationalen Unterhaltungselektronik. Die Palette auf der Show ist weit gesteckt: Digitale Unterhaltung auf Personal Computern und mobilen Abspielgeräten steht im Mittelpunkt des Geschehens, weitere Gebiete sind Videospiele, Heimnetzwerke, Digitalfotografie, Audio-Anlagen und Automobiltechnik. „Unsere Ausstellungsfläche bietet auf mehr als 158.000 Quadratmetern mit 30 verschiedenen Produktkategorien Raum für die gesamte Bandbreite der Industrie“, sagt Gary Shapiro, als Präsident und Vorstandsvorsitzender der Organisation Consumer Electronics Association oberster Gastgeber der CES. Die CES hat sich in den vergangenen Jahren von einer hauptsächlich auf traditionelle Unterhaltungselektronik spezialisierten Messe zu einer breiter aufgestellten Veranstaltung entwickelt, die auch für die großen Adressen der Informationstechnologie immer wichtiger wird. Dieser Wandel wurde durch den Untergang der früher ebenfalls in Las Vegas abgehaltenen Computermesse Comdex im Jahr 2004 beschleunigt.

Nach Angaben von Shapiro kommt die CES jährlich auf 140.000 Besucher (damit ist die Zahl der Messebesucher in etwa so hoch wie die Zahl der Spielautomaten in Las Vegas). Rund 25.000 Gäste stammen dabei aus dem Ausland. Die Messe richtet sich ausschließlich an Fachbesucher und ist für Endverbraucher nicht zugänglich. Shapiro sieht das als Vorteil gegenüber den beiden deutschen Wettbewerbern, der Computermesse Cebit in Hannover und der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Hier seien die Aussteller zu einem Spagat zwischen Endverbrauchern und Fachbesuchern gezwungen, was zu Reibungsverlusten führe und die Veranstaltungen weniger effektiv mache.

20 deutsche Firmen sind unter den Ausstellern

Im Vergleich zum Vorjahr wird die Zahl der Aussteller unverändert sein und bei rund 2700 liegen. Wichtigster Aussteller ist seit Mitte der neunziger Jahre der weltgrößte Softwarekonzern Microsoft mit einem weiträumigen Stand am Eingang der Central Hall des Las Vegas Convention Centers. Die Haupthalle bietet vor allem den Großen der Branche wie Intel, Panasonic, Philips, Samsung, Sony und Toshiba Raum. Auch zwanzig deutsche Firmen sind unter den Ausstellern. Die deutschen Unternehmen kommen vor allem aus den Bereichen Autoelektronik und Audio. Darunter sind zum Beispiel der Lautsprecherhersteller Burmester und das auf Navigationssysteme spezialisierte Unternehmen Navigon.

Die CES ist nicht in erster Linie ein Ort zum Geschäftemachen: „Für die Unternehmen geht es vor allem darum, ihre Produkte vorzustellen und Flagge zu zeigen. Geschäfte mit Einkäufern stehen nicht im Vordergrund“, sagt Branchenexperte Enderle. Ein Sprecher des Computerherstellers Dell meint ebenfalls, Vertragsabschlüsse seien eher ein Nebenprodukt. „Für uns ist die Messe die beste Gelegenheit, unsere Kunden zu treffen und neue Verbindungen zu knüpfen, für die man andernfalls um die ganze Welt reisen müsste“, sagt er.

Marc Jourlait, Vice President für Marketing beim Festplattenhersteller Seagate, meint: „Die meisten Unternehmen, die auf der CES ausstellen, sind unsere Kunden. Unsere Teilnahme dient dazu, das Bewusstsein für unser Unternehmen zu stärken.“ Der Technologiekonzern IBM ist im vergangenen Jahr nach langer Pause zur CES zurückgekehrt, obwohl das Unternehmen nach dem Verkauf seiner Personal-Computer-Sparte vor wenigen Jahren kein wirkliches Endverbrauchergeschäft mehr hat. IBM liefert aber Komponenten für Unterhaltungselektronikgeräte, zum Beispiel für die Videospielekonsole Wii von Nintendo. „Die CES ist ein strategisches Forum, um unsere Geschäftskunden zu treffen“, sagt eine Sprecherin. IBM nutze die Messe aber auch, um Verträge unter Dach und Fach zu bringen.

Apple und Google fehlen

Einige sehr bekannte Produkte haben in der Vergangenheit auf der CES ihre Premiere gefeiert: Im Jahr 1970 wurde hier der Videorecorder vorgestellt, im Jahr 1981 der Camcorder und der CD-Player, im Jahr 2001 die Videospielekonsole Xbox von Microsoft sowie Plasmafernseher.

Vergeblich wird man in Las Vegas in diesem Jahr nach den beiden derzeitigen Musterschülern und Börsenlieblingen aus der Technologiebranche suchen: Apple und die Internetgesellschaft Google. Apple spart sich die CES traditionell und konzentriert sich auf seine Macworld, die im vergangenen Jahr 40.000 Besucher anzog. Google hat dagegen in der Vergangenheit schon Flagge auf der CES gezeigt: Vor zwei Jahren hielt Gründer Larry Page eine der Hauptreden („Keynotes“), und es gab auch einen Google-Stand. In diesem Jahr wird Google dagegen keinerlei öffentliche Präsenz zeigen. Der Rivale Yahoo, der zuletzt von Google immer mehr unter Druck gesetzt wurde, wird dagegen in Las Vegas vertreten sein. Yahoo-Gründer Jerry Yang, der im vergangenen Jahr wieder den Posten als Vorstandsvorsitzender übernommen hat, wird außerdem eine Rede halten, die mit Spannung erwartet wird.

Auf dem Programm steht auch ein Name, mit dem sich Paul Otellini, der Vorstandsvorsitzende von Intel, gerade eine Auseinandersetzung geliefert hat: Nicholas Negroponte, der Initiator eines Programms zum Bau von Billig-Laptops in Entwicklungsländern („One Laptop per Child“), wird ebenfalls in Las Vegas vertreten sein. Intel hat in der vergangenen Woche nach Differenzen dem Projekt den Rücken gekehrt und war deswegen von Negroponte in scharfer Form attackiert worden (siehe dazu auch: Intel trennt sich im Streit vom „100-Dollar-Laptop“).

Unterdessen muss sich die Videospiel-Branche in den Vereinigten Staaten nach einer Verbandseinschätzung im laufenden Jahr auf ein langsameres Wachstum einstellen. Der Umsatz werde 2008 nur um 13 Prozent auf 17,9 Milliarden Dollar zulegen, teilte der Unterhaltungselektronik-Verband CEA in Las Vegas mit. Im Vorjahr hatte der Anstieg noch 22 Prozent auf 15,8 Milliarden Dollar betragen. Der gesamte Umsatz der Branche auf der Welt wird für 2007 auf rund 40 Milliarden Dollar geschätzt. Der Verband begründete seine Prognose mit einem erwarteten Rückgang beim Verkauf von Hardware.

Text: F.A.Z., 07.01.2008, Nr. 5 / Seite 16
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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