23. März 2007 Geld per Handy überweisen. Die Technologie dafür gibt es schon lange. Doch hierzulande war sie ein Flop: Wo immer diese Systeme in Westeuropa eingeführt wurden, waren sie ein Misserfolg, sagt Nick Hughes von Vodafone. Es bestehe wenig Bedarf, Geld per SMS hin- und herzuschicken. Schließlich gibt es Geldautomaten und Internetbanking. Handyüberweisungen wurden damit zum überflüssigen Extra. Und trotzdem findet Vodafone die Technologie interessant. Sehr interessant sogar.
Mobile Banking oder M-Banking, wie es im Fachjargon heißt, hat seine Zielgruppe in Afrika, Asien, aber auch Osteuropa gefunden: arme Menschen, die häufig in abgelegenen Gegenden wohnen und kein Bankkonto besitzen. Viele haben schlicht keinen Zugang zu einer Bankfiliale, andere gelten als nicht bankfähig, wieder andere sind Analphabeten und nicht in der Lage, ein reguläres Bankkonto zu führen.
Weder Sparbuch noch Bankkarte
Zwar besitzen sie weder Sparbuch noch Bankkarte, trotzdem haben viele von ihnen inzwischen ein Handy. Allein in Afrika hat sich die Zahl der Mobilfunknutzer von 1999 bis 2004 etwa verzehnfacht. Nach Angaben der International Telecommunications Union hatten 76,5 Millionen Afrikaner im Jahr 2004 Zugang zu mobilen Handydiensten; in vier Jahren werden es 250 Millionen sein, schätzt die Weltbank.
Hannah Siedek vom Weltbank-Ableger Consultive Group to Assist the Poor (CGAP) sieht ein riesiges Potential für die Technologie: M-Banking könnte ein Weg sein, um Menschen Zugang zu Bankdienstleistungen zu verschaffen, die früher nur Bargeld kannten, sagt sie.
Geld verschicken per SMS
Prinzipiell funktioniert M-Banking so: Kunden schicken per SMS Guthaben auf ein fremdes Mobiltelefon. Auf diesem Wege übertragen sie Geld. In den meisten Fällen können die Empfänger des Guthabens dieses wiederum in Bargeld tauschen, zum Beispiel im Handyladen. Es gibt sogar vereinzelt die Möglichkeit, mit dem Handyguthaben direkt im Supermarkt einkaufen zu gehen.
Selbst in entlegenen Dörfern in der dritten Welt, in denen es kein fließend Wasser, keine gepflasterten Straßen und schon gar keine Telefonanschlüsse gibt, steht häufig ein Mobilfunkmast. Oft sind es nur kleine Hütten oder Kioske, in denen sich Handyläden etabliert haben - meist einfache Händler, die Prepaid-Karten für Mobiltelefone verkaufen. M-Banking könnte ihnen in Zukunft ermöglichen, zu kleinen Ersatzbanken zu werden.
Unzählige Pilotprojekte zum Thema Handybanking laufen derzeit schon in mehreren Entwicklungsländern. CGAP will in den nächsten vier Jahren 20 bis 30 solcher Pilotvorhaben subventionieren - mit Finanzhilfen von 100.000 bis 2 Millionen Dollar pro Einzelprojekt. Zielgruppe sind zum Beispiel Familien, die auf dem Land leben und von ihren Angehörigen in der Großstadt regelmäßig Geld geschickt bekommen.
Das größte Potential sieht Hannah Siedek aber vor allem in der Möglichkeit, Auslandsüberweisungen per Handy zu tätigen. Migranten, die im Ausland arbeiten und ihren Familien in der Heimat regelmäßig Geld schicken, sind eine vielversprechende Klientel, sagt sie. Zugleich sind die Zuhausegebliebenen sehr bedürftig. Nach offiziellen Zahlen sind im Jahr 2005 weltweit etwa 167 Milliarden Dollar per Auslandsüberweisung transferiert worden. Die Dunkelziffer ist aber riesig, schätzt die Weltbank. Laut Siedek könnte die wirkliche Zahl bei etwa 250 Milliarden Dollar jährlich liegen.
Konkurrenz für Western Union und Co?
Dabei sind Auslandsüberweisungen richtig teuer. Western Union Money Transfer, einer der Marktführer in diesem Bereich, verlangt nach Auskunft des Kundenzentrums rund 20 Euro Gebühren für eine Überweisung von 150 Euro von Großbritannien auf die Philippinen.
Bei Globe Telecom, einem philippinischen M-Banking-Anbieter, gibt's die gleiche Dienstleistung für weniger als die Hälfte: Etwa 9 Euro kostet die Überweisung dort - der genaue Betrag ist abhängig von der Partnerbank, die der Kunde in Großbritannien aufsucht. Einziger Unterschied: Beim philippinischen Empfänger landet das Geld nicht auf einem Bankkonto, sondern als SMS auf dem Mobiltelefon. Eine Gefahr für die Etablierten? Western Union wollte dazu auf Anfrage nicht Stellung nehmen.
Vodafone hat den Markt entdeckt
Lange Zeit war M-Banking vor allem bei Handyanbietern zu haben, die hierzulande wenig bekannt sind. Zu den Pionieren gehört neben dem Globe-Konkurrenten Smart der südafrikanische Anbieter Wizzit. Nun hat aber auch ein westlicher Großkonzern den Markt für sich entdeckt: die Vodafone-Group. Sie hat gerade erfolgreich ein Pilotprojekt in Kenia beendet - und beschlossen, dass das System reif für den Markt ist.
Vodafones System, das der Konzern gemeinsam mit dem kenianischen Handyanbieter Safaricom betreibt, heißt M-Pesa. Mit diesem können Kenianer seit diesem März innerhalb der Landesgrenzen Geld per M-Banking überweisen. Schon das Pilotprojekt war ein voller Erfolg, sagt Vodafone-Experte Nick Hughes. Das war der Grund für die Entscheidung, damit offiziell an den Markt zu gehen. Schon im ersten Jahr will Vodafone zehntausende Kunden mit dem neuen Angebot erreichen.
Äußerst konkurrenzfähig
Damit nicht genug. Ähnlich wie Siedek sieht auch Hughes das ganz große Potential von M-Banking bei den Auslandsüberweisungen. Deshalb will Vodafone noch in diesem Jahr ein System auf den Markt bringen, das internationale Geldtransfers per Mobiltelefon von Großbritannien nach Kenia möglich machen soll. Auch andere europäische Staaten sind interessiert an solchen oder ähnlichen Systemen für Auslandsüberweisungen, sagt Hughes. Wenn es zwischen Großbritannien und Kenia gut läuft, könnten weitere Länder dazukommen. Die Gebühren für diese Dienstleistung will er noch nicht verraten - aus Angst, vor Konkurrenz in dem aufstrebenden Markt. Die Preise würden äußerst konkurrenzfähig sein, so die offizielle Auskunft der Pressestelle.
Deutschland, das muss Nick Hughes zugeben, gehört nicht zu den EU-Ländern, in denen M-Banking derzeit besonders interessant ist. Das liegt an der strengen Regulierung. In Deutschland und Österreich ist es viel schwieriger als in Großbritannien, einen solchen Service anzubieten, sagt er. Um als Mobilfunkanbieter M-Banking in Deutschland betreiben zu dürfen, bräuchte man eine volle Bankenerlaubnis.
Geldwäsche verhindern
Hughes findet das durchaus schade. Die deutschen Vorgaben sind allerdings keine Willkür. Es geht vor allem darum, Geldwäsche zu verhindern, erklärt Bafin-Sprecher Benjamin Fischer. Im übrigen komme es auf den Einzelfall und die Ausgestaltung des Angebotes an, ob dafür tatsächlich eine Bankenerlaubnis erforderlich sei. Aller Wahrscheinlichkeit nach, würden M-Banking-Geschäfte aber als Finanztransfergeschäfte eingestuft und damit der Bankenaufsicht unterliegen, sagt Fischer.
Die Gefahren der mobilen Finanzgeschäfte hat auch die Weltbank klar erkannt. Man muss schon gut aufpassen, weiß Hannah Siedek. Wer die Regulierung zu offen gestaltet, erleichtert Betrug, organisierte Kriminalität, ja sogar terroristische Aktivitäten. Außerdem muß der Kunde sicher sein können, dass das Geld, das er auf elektronischem Wege verschickt, auch tatsächlich ankommt.
Umgekehrt hält sie aber auch eine zu straffe Regulierung für falsch. Man muss sich nur einmal überlegen, welche Chancen sich für Menschen bieten, die nie in ihrem Leben eine Bankfiliale betreten werden, schwärmt sie. Vorbei die Zeiten, wo sie das Geld dem Busfahrer mitgeben mussten, um es von A nach B zu schicken, vorüber die Sorge, Wuchergebühren von mehr als 10 Prozent für Auslandsüberweisungen hinzublättern. Da ist es auch kein Problem, mal kleinere Beträge von nur zehn oder zwanzig Euro um die halbe Welt zu senden, sagt sie. Hier bekommen Kunden eine Chance, die für viele kommerzielle Banken schwer zu versorgen sind, weil die Distanzen zu groß, die Beträge zu klein und die Transaktionen zu selten sind. Und wenn durch M-Banking ein gewisser Preisdruck auf die etablierten Anbieter von Auslandsüberweisungen entsteht, kann das mit Sicherheit nicht schaden.
Text: FAZ.NET / F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance/ dpa
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