Facebook

Zehn Milliarden Dollar für Internet-Gründer

Von Roland Lindner und Lisa Nienhaus

Er jagt Yahoo und Google Angst ein

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19. Juli 2007 Peter Thiels Büro liegt im zweiunddreißigsten Stock eines noblen Büroturms im New Yorker Stadtteil Midtown. Die Einrichtung ist feudal, die Aussicht auf den Central Park atemberaubend - ein Ort, an dem normalerweise smarte Banker in teuren Anzügen mit Millionen jonglieren.

Peter Thiel liebt diese Kleiderordnung nicht. In Jeans und Polohemd sitzt er in seinem Büro wie ein Fremdkörper der Jugendkultur in den Hallen des Kapitals. Seine lässige Optik hält ihn jedoch nicht davon ab, mit großen Zahlen um sich zu werfen: „Facebook ist mittlerweile fast zehn Milliarden Dollar wert“, sagt er. Eine atemberaubend hohe Zahl für ein Internetunternehmen, das erst vor dreieinhalb Jahren gegründet wurde.

Thiel: Eine Milliarde wert

Erst 23 und schon so gefährlich für die Konkurrenz: Mark Zuckerberg

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Facebook ist eine aufstrebende amerikanische Online-Gemeinschaft, ein soziales Netzwerk, das Myspace in Amerika ähnelt oder Xing und StudiVZ in Deutschland. Thiel hat an dem Unternehmen 2004 mit einer halben Million Dollar Risikokapital einen Anteil von zehn Prozent erworben. Stimmt seine Einschätzung, dann sind seine Anteile nun eine Milliarde wert.

In Facebook kann sich jeder seine eigene Seite anlegen, mit Bild, Kontaktdaten, Lebenslauf und Interessen, mit Fotoalben und Notizen über das Leben. Leicht findet man dort seine Freunde und Kommilitonen, kann ihnen Mails schicken, in ihr Gästebuch schreiben oder in ihrem Fotoalbum stöbern.

Nutzerzahl fast verdoppelt

Fast 27 Millionen Nutzer hatte Facebook laut dem Marktforschungsunternehmen Comscore im Mai 2007. Das Netzwerk ist die am häufigsten besuchte Seite in Kanada und Norwegen, die Nummer sieben in den Vereinigten Staaten und Großbritannien und liegt weltweit auf Platz zehn. Und das wichtigste: Facebook wächst. Während Google und Yahoo auf ihren Plätzen verharren, steigt die Anzahl der Facebook-Besucher wöchentlich. Im vergangenen Jahr hat sich die Nutzerzahl fast verdoppelt, nachdem das Netzwerk - einst nur für Studenten - sich auch für andere Nutzer geöffnet hatte.

Wer hätte das im Februar vor dreieinhalb Jahren geahnt, als Mark Zuckerberg, 19 Jahre alt und in seinem zweiten Studienjahr an der Universität Harvard, mit seinen Zimmerkameraden Facebook erfand. Zuerst war es der Streich eines rebellischen Jugendlichen. Weil Harvard ihm nicht den offiziellen Auftrag für ein Online-Jahrbuch geben wollte, hackte Zuckerberg sich in Harvards Studenten-Akten und erschuf eine Internetseite namens Facemash. Dort waren Harvard-Studenten abgebildet, und die Besucher sollten darüber abstimmen, wie attraktiv sie ihre Kommilitonen fanden. Eine Art „Hot or Not“ für Elitestudenten.

Ab in die Hochburg des Risikokapitals

Vier Stunden, 450 Besucher und 22.000 Fotoklicks später wurde Zuckerberg zum College-Direktor zitiert, weil er die Fotos der Studenten ohne deren Einverständnis verwendet hatte. Also arbeitete er Facebook um: zu einem Netzwerk, in dem Studenten sich selbst eintragen und ihre Freunde an der Uni kontaktieren konnten. Ende des Monats, sollen schon die Hälfte aller Undergraduate-Studenten Mitglied gewesen sein, und Facebook öffnete sich für andere Unis: MIT, Boston University, Columbia, Princeton, Yale. Schon im Mai 2004, drei Monate nach der Gründung, verließen der Gründer und seine engsten Freunde Harvard und verlegten die Firma nach Palo Alto in Kalifornien, in die Hochburg der Risikokapitalgeber.

Dort fanden sie Peter Thiel, einen gebürtigen Deutschen, der schon in der ersten Internetwelle ein gutes Händchen gehabt hatte. Thiel investierte früh in das Online-Zahlungssystem PayPal, das er später für 1,5 Milliarden Dollar an Ebay verkaufte. Seitdem betätigt er sich als Hedge-Fonds-Manager und investiert mit der Wagniskapitalgesellschaft Founders Fund in junge Unternehmen. Der 20 Jahre alte Zuckerberg konnte Peter Thiel überzeugen. „Ich habe mir damals viele soziale Netzwerke angesehen“, sagt Thiel. „Aber Mark Zuckerberg und seine Leute schienen mir am meisten Entschlossenheit zu haben, das Ding zu einem großen Erfolg zu machen.“ Nach Thiel haben sich zwei weitere Investoren an Facebook beteiligt, mit einem deutlich höheren Betrag von 38 Millionen Dollar. Auch deren Anteile dürften sich im Wert mittlerweile vervielfacht haben.

Alle Dimensionen gesprengt

Trotzdem sprengt die von Thiel genannte Milliardensumme alle Dimensionen, von denen bislang im Web 2.0 die Rede war. Es ist deutlich mehr als die 1,65 Milliarden Dollar, für die die Videoseite Youtube im vergangenen Jahr an Google verkauft wurde. Und es übersteigt erst recht die 580 Millionen Dollar, die der Medienkonzern News Corp. von Rupert Murdoch im Jahr 2005 für das Netzwerk Myspace gezahlt hat.

Natürlich hat Thiel ein persönliches Interesse daran, die Bewertung von Facebook hochzutreiben. Andererseits glaubt er nicht, dass irgendein Unternehmen derzeit die zehn Milliarden Dollar zahlt, die er selbst ansetzt - nicht einmal Google. „Deshalb wird Facebook unabhängig bleiben, und irgendwann wird es wohl einen Börsengang geben.“ Facebook hat bereits eine Stelle für einen „Aktien-Verwalter“ ausgeschrieben, angeblich für die Mitarbeiteraktien.

Facebook verkauft nicht

Das Netzwerk schwimmt auf einer Erfolgswelle - und tut doch nicht das, worauf die meisten Internetunternehmen zu spekulieren scheinen. Facebook verkauft nicht. Übernahmeangebote von Yahoo und Viacom haben sie ausgeschlagen. Amerikanische Medien berichten, dass Yahoo im vergangenen Herbst eine Milliarde Dollar geboten haben soll, Viacom zuvor 750 Millionen. In Blogs lästert die Internetgemeinde, Firmenchef Mark Zuckerberg sei größenwahnsinnig. Er verpasse gerade den richtigen Zeitpunkt, reich zu werden.

Thiel dagegen ist sicher: Eine Milliarde Dollar ist heute inakzeptabel für Facebook. Auf lange Sicht werde Facebook erfolgreicher sein als Myspace, tönt er, obwohl Myspace mit 67 Millionen aktiven Mitgliedern mehr als doppelt so viele hat wie Facebook. Geschäftszahlen nennt er nicht. Das „Wall Street Journal“ schrieb kürzlich unter Berufung auf unternehmensnahe Kreise, Facebook erwarte in diesem Jahr einen Umsatz von 150 Millionen Dollar und einen Nettogewinn von 30 Millionen Dollar.

Vision vom neuen Betriebssystem

„Es würde mich schon sehr wundern, wenn Facebook jetzt schon Gewinne abwerfen würde“, sagt Rachel Happe, Analystin beim amerikanischen Marktforschungsunternehmen IDC. Das Unternehmen sei zwar trotzdem sehr interessant. Aber: „Interessant genug für zehn Milliarden Dollar, das weiß ich nicht. Nur wenn ihre Vision funktioniert, sind sie die Summe wert.“

Die Vision sei nicht, das größte Netzwerk zu werden. Facebook wolle mehr: „Es will die neue Plattform werden, von der der Computernutzer alle Aktivitäten startet. Sie wollen das neue Betriebssystem sein“, sagt Happe - das neue Windows. „Sie sehen sich nicht als Netzwerk-Seite, sondern als Technologieunternehmen.

Für Anwendungen anderer Unternehmen geöffnet

Damit das Vorhaben gelingt, hat Facebook am 14. Mai - Mark Zuckerbergs 23. Geburtstag - einen Coup gelandet: Das Netzwerk öffnete sich für Anwendungen anderer Unternehmen. Facebook machte es also möglich, Programme anderer Anbieter in die eigene Facebook-Seite einzubauen. Das Flickr-Fotoalbum kann man genauso integrieren wie ein Programm, das Fußball-Ergebnisse anzeigt, oder iLike, das erlaubt, Musik mit seinen Freunden zu teilen. Auch ganz große Programme sind denkbar, schließlich wandert ohnehin immer mehr Software ins Internet. So wird das Facebook-Portal einer Plattform ähnlich, von der aus man jegliche Aktivität am Computer starten kann. „Das ist ein kluger Schachzug“, sagt Happe. „Sie sorgen dafür, dass der Besucher bei ihnen hängenbleibt.“

Für das Unternehmen könnte das auch ein neues Geschäftsmodell sein. Über das Schneeballsystem der Empfehlungen im Netzwerk werden Anwendungen wie iLike rasant bekannt. Würde Facebook für diese Mund-zu-Mund-Propaganda Geld verlangen oder auch dafür, dass das Portal die Programme überhaupt integriert, dann hätte es eine intelligente Art der Finanzierung gefunden - abseits klassischer Online-Werbung. Die Vision ist gut, und Facebook hat einen Vorteil, weil sie schnell waren. „Aber andere Unternehmen holen auf“, warnt Happe. „Jetzt beginnt der Kampf darum, wem der Nutzer gehört.“ Das wird vor allem davon abhängen, was der Nutzer will.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.07.2007, Nr. 28 / Seite 43
Bildmaterial: AP

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