Digitale Musik

Comeback des Walkman

Von Patrick Bernau

Wiederauferstehung als Telefon: Walkman-Handy von Sony Ericsson

Wiederauferstehung als Telefon: Walkman-Handy von Sony Ericsson

24. April 2006 Rikko Sakaguchi hatte eine ganze Weile auf den richtigen Zeitpunkt gewartet: Seit sein Arbeitgeber Sony Ericsson im Jahr 2001 gegründet wurde, schwirrte der Name "Walkman" in seinem Kopf herum. 2004 endlich waren die Handy-Speicher groß genug, um mehr als 20 Lieder zu speichern. Chef-Produktentwickler Sakaguchi flog nach Japan und verhandelte mit den Managern der Mutterfirma Sony. Mehrmals.

Schließlich erhielt er die Erlaubnis, auf ein Musik-Handy "Walkman" zu schreiben, vom damaligen Sony-Chef Nobuyuki Idei persönlich - aber nicht ohne ein ausführliches Gespräch darüber, wie Sakaguchi mit der wertvollen Marke umzugehen habe. Sakaguchi hat der Marke nicht geschadet. Er hat sie sogar ziemlich aufgefrischt: Im August 2005 kam das erste Walkman-Handy W800i auf den Markt, heute ist bei Sony Ericsson jedes fünfte verkaufte Telefon ein Walkman. Die Verkaufszahlen des Unternehmens wachsen deutlich schneller als der Gesamtmarkt.

Die Minidisc setzte sich nie durch

Die Minidisc setzte sich nie durch

Viel verblüffender aber ist: Erst seit es Walkman-Handys gibt, hören die Menschen auf ihrem Telefon Musik - obwohl sie das schon seit mehr als fünf Jahren hätten tun können. "Man sieht das auf der Straße", sagt Ryan Reith von der Marktforschungs-Firma IDC. Selbst die Konkurrenz lobt Sony Ericsson: "Das Thema Musik hat einen Schub bekommen durch diese Vermarktung", sagt BenQ-Mobile-Sprecher Stefan Müller.

Eigentlich keine technische Revolution

Dabei war das Walkman-Handy alles andere als eine technische Revolution. Musik-Dateien auf dem Handy hören - das geht schon seit Ende 2000. Damals brachte Samsung das erste MP3-Telefon auf den Markt, ein paar Monate später folgten Siemens und Nokia. Da hatten Sony und der Telekom-Ausrüster Ericsson ihre Handytochter Sony Ericsson noch gar nicht gegründet. Seit dieser Zeit hatten Millionen Menschen ein Musik-Handy in der Tasche, ohne ein einziges Lied darauf zu hören.

Dann kam Sony Ericsson - und verkaufte Handys über die Funktion, die vorher kein Kunde genutzt hatte. Mit ganz einfachen Mitteln: Die Entwickler packten einen schicken Kopfhörer und eine große Speicherkarte mit in den Karton. Sie legten die Musik gut sichtbar auf eine eigene Taste und ließen sie auch dann weiterlaufen, wenn das Handy aus war. Sie erlaubten es dem Benutzer, den Klang einzustellen. Und sie druckten "Walkman" auf das Gerät. Das reichte.

Die Marke hat schließlich eine große Tradition. 1979 hatte Sony-Mitgründer Masaru Ibukas unter diesem Namen das erste Gerät vorgestellt, mit dem man unterwegs Kassetten abspielen konnte. Die Legende sagt, daß er gerne Beethoven und Bach hörte und im Flugzeug nicht darauf verzichten wollte. Der Walkman hatte seine große Zeit in den achtziger Jahren.

Doch dann verfiel die Marke

Doch dann verfiel die Marke. Sony überschätzte sich: Neben Kassette und CD wollte die Firma die Minidisc verbreiten - setzte sich damit allerdings nie durch. Und als Sony seinen ersten "Walkman" für Musikdateien vom Computer vorstellte, machte sich das Unternehmen wieder lächerlich: Das Gerät konnte keine MP3-Dateien abspielen, obwohl damals die meisten Lieder so gespeichert waren. Darum fristete der Walkman in den vergangenen Jahren ein trauriges Dasein zwischen namenlosen Musikspielern, abgehängt vom neuen Star iPod.

Große Zeiten in den 80er Jahren: der erste Walkman, 1979

Große Zeiten in den 80er Jahren: der erste Walkman, 1979

Um so erstaunlicher ist es, daß gerade diese schwache Marke jetzt Musik in die Handys bringt. Der deutsche Sony-Ericsson-Marketing-Chef Martin Winkler hat eine Erklärung dafür: Zwischen anderen Musikspielern könnten sich Walkman-Geräte kaum hervorheben. "Aber ein Walkman unter den Handys, das ist unique" - einzigartig. So einzigartig war das aber gar nicht. Gleichzeitig mit dem Walkman-Handy kam ein zweites auf den Markt: das "Rokr" von Motorola, ein etwas älteres Modell als das "Walkman", aber mit dem "Rokr" konnten die Nutzer Lieder direkt von iTunes auf das Handy laden.

Das Motorola „Rokr“ floppte

Vom "iTunes-Handy" sprachen die Fans - und waren enttäuscht. Denn die Musikfunktion im Handy konnte nicht mit der des iPod mithalten. Das Rokr floppte. "Die Kunden haben gesagt: Wenn das ein iPod sein soll, passen nicht genügend Lieder darauf", sagt Marketing-Manager Alexander Sigle von Motorola. In der Tat: Fans und Fachzeitschriften mokierten sich oft darüber, daß das Handy eine Beschränkung auf 100 Titel hatte. Gleichzeitig lobten einige den großen Speicher des Walkman-Handys - und erwähnten meist nicht, daß darauf auch nur rund 125 Lieder paßten.

Vom „iTunes-Handy” sprachen Fans - und waren enttäuscht: Motorola Rokr

Vom „iTunes-Handy” sprachen Fans - und waren enttäuscht: Motorola Rokr

Die meisten Kunden hatten eben keinen Walkman-MP3-Spieler, mit dem sie das Handy vergleichen konnten. Rikko Sakaguchi von Sony Ericsson ist darum ganz froh, daß sein Telefon nicht mit dem iPod verwechselt werden konnte: "Das sind ganz unterschiedliche Märkte." Weil der Walkman soviel Erfolg hatte, probiert Sakaguchi es jetzt noch mal: In den nächsten Wochen bringt er zwei Kamera-Handys auf den Markt - mit der Sony-Marke "Cybershot".

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.04.2006, Nr. 16 / Seite 42
Bildmaterial: Hersteller, picture-alliance / dpa

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