Im Porträt: Google-Chef Eric Schmidt

Der Webmaster

Von Roland Lindner

04. August 2006 Eric Schmidt stand wieder einmal fassungslos daneben. Sergey Brin und Larry Page, die 32 und 33 Jahre alten Gründer der amerikanischen Internetgesellschaft Google, lagen sich wie schon so oft in den Haaren, es ging um eine Entscheidung zu irgendwelchen Internetprogrammen. An einem Punkt platzte dem 51 Jahre alten Vorstandschef des meistgenutzten Internetsuchdienstes der Welt der Kragen: Er stellte den Hitzköpfen ein Ultimatum, verlangte einen Konsens bis um 18 Uhr desselben Tages und marschierte davon.

Die Episode hat Eric Schmidt selbst einmal in einem Interview erzählt. Eine andere Geschichte plauderte kürzlich ein gefeuerter Geschäftspartner aus. Dabei ging es um das legendenumwobene Privatflugzeug der Google-Manager. Brin und Page haben im vergangenen Jahr eine gebrauchte Boeing 767 gekauft. Die Innenausstattung wird gerade nach den Wünschen von Brin und Page komplett erneuert, auch Hobby-Pilot Schmidt ist eng in das Projekt eingebunden, um das höchste Geheimhaltung besteht.

Er ist der „Schluß jetzt“-Sager

Beide Gründer bekommen angeblich ein eigenes Prunkzimmer in dem Jet. Irgendwann sollen sie sich darüber gestritten haben, daß Brin in seinem Zimmer ein überbreites Bett wollte, wie der einst mit dem Innendesign beauftragte Vertragspartner nach seiner Entlassung erzählte.

Auch hier griff demnach Schmidt am Ende entnervt durch: "Sergey, du kannst in deinem Zimmer jedes Bett haben, das du willst. Und das gleiche gilt für dich, Larry. Laßt uns jetzt über etwas anderes reden", soll er gesagt haben.

Bevor er kam war Google nur eine Internetbude

Es ist die typische Rolle von Eric Schmidt: Er ist der "Schluß jetzt"-Sager bei Google. Der Erwachsene vom Dienst. Der Moderator und die Stimme der Vernunft neben zwei Exzentrikern. Für diese Aufgabe ist er vor fast fünf Jahren angeheuert worden. Risikokapitalgeber von Google haben damals Druck auf die Gründer gemacht, einen erfahrenen Manager ans Ruder zu lassen, der etwas Ordnung in den Laden bringen kann.

Schmidt kam vom schwächelnden Softwarehersteller Novell, wo er vier Jahre lang Vorstandschef war. Zuvor war er viele Jahre beim Computerhersteller Sun Microsystems und trieb dessen Internetstrategie voran. Als er zu Google wechselte, war das Unternehmen noch eine chaotische und kleine Internetbude.

Die Rivalen verblassen

Heute ist daraus freilich ein ganz anderes Kaliber geworden: Google ist der Gigant im Internet. Kein anderes Internetunternehmen der Welt wird an der Börse so hoch bewertet. Google hat im Moment sogar eine größere Marktkapitalisierung als alle drei anderen bedeutenden Internetadressen Yahoo, Ebay und Amazon zusammen. Selbst Technologieriesen wie der Chiphersteller Intel liegen hinter Google.

Die laufende Quartalssaison hat die Ausnahmestellung unterstrichen. Yahoo, Ebay und Amazon legten mäßige Zahlen vor oder enttäuschten mit ihren Prognosen, und sie wurden mit heftigen Kursverlusten bestraft. Allein die Google-Aktie konnte zulegen. Erneut hat das Unternehmen im vergangenen Quartal einen phänomenalen Sprung nach vorn gemacht: Umsatz um 77 Prozent auf 2,46 Milliarden Dollar rauf, Gewinn mehr als verdoppelt.

Daneben verblaßte der schärfste Rivale Yahoo mit einem Umsatzplus um 26 Prozent auf 1,58 Milliarden Dollar. Eric Schmidt hatte nach der Vorlage seiner Zahlen allen Anlaß zum Jubeln: "Es ist wieder ein guter Tag für Google."

Die Zielsicherheit der Anzeigen macht sie wertvoll

Google wird von Menschen genutzt, um Informationen im Internet über das Eingeben von Suchbegriffen zu finden. Das Unternehmen verdient sein Geld damit, neben die Suchergebnisse kleine Textanzeigen zu stellen, die zur Anfrage passen. Gibt ein Nutzer also Begriffe wie "Plasma-Fernseher" oder "Hundefutter" ein, werden Anzeigen von entsprechenden Anbietern eingeblendet.

Umsätze macht Google nur dann, wenn der Nutzer diese Anzeigen anklickt. Die Idee dahinter ist, daß der Kunde mit der Suchanfrage ein Interesse an einem Gebiet demonstriert hat - und er insofern geneigt sein könnte, eine dazu passende Anzeige anzuklicken. Diese Art von Anzeigen ist also viel zielgerichteter als zum Beispiel Fernsehspots, was sie für werbetreibende Unternehmen attraktiv macht.

Die von Google geschalteten Anzeigen müssen aber auch möglichst relevant sein, also die vermeintlichen Interessen des Nutzers treffen. Eine Google-eigene Technologie bestimmt, welche Anzeigen in welcher Reihenfolge erscheinen, das Ganze beruht auf mathematischen Algorithmen. Nach einhelliger Auffassung in der Branche ist das Google-System unerreicht.

Google ist „die“ Suchmaschine im Internet

Es gibt Analystenschätzungen, wonach Google-Nutzer mit einer um 33 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit auf eine Anzeige klicken als Yahoo-Nutzer. Yahoo arbeitet an einer verbesserten Plattform, mußte aber bei der Vorlage der Quartalszahlen Verzögerungen zugeben.

Das Geschäft ist für Google um so einträglicher, als keine andere Seite so stark für die Internetsuche genutzt wird. Zuletzt hatte Google nach Angaben des Marktforschungsinstituts Comscore in Amerika einen Anteil von 44,7 Prozent an allen Internetsuchen. Yahoo liegt weit dahinter mit 28,5 Prozent, der Internetdienst MSN des Softwarekonzerns Microsoft folgt abgeschlagen mit 12,8 Prozent. In Deutschland ist der Vorsprung von Google vor der Konkurrenz noch größer.

Die Internetsuche ist das Kerngeschäft von Google, fast der gesamte Umsatz entfällt auf die Werbung neben Suchergebnissen. Daneben hat Google aber in jüngster Zeit geradezu ein Feuerwerk von neuen Produkten losgelassen, die nicht unmittelbar etwas mit Suche zu tun haben.

Wohin will Google mit seinen Produkten?

Google bietet heute E-Mail (Gmail), Echtzeitnachrichten oder Instant Messaging (Google Talk), eine Fotobearbeitungsseite (Picasa), Online-Landkarten (Google Maps und die Satellitenkarte Google Earth), eine Finanzseite und Dutzende anderer Dienste. Viele dieser Angebote sind hübsche Spielereien und eher freizeitorientiert, mittlerweile gibt es aber immer mehr Schritte in Richtung knallharter Anwendungsprogramme, wie sie der Softwaregigant Microsoft herstellt. Zuletzt startete Google ein Tabellenkalkulationsprogramm, das an Microsoft Excel erinnert.

Wohin will Google mit all diesen Produkten? Schmidt hält sich mit konkreten strategischen Aussagen zurück und schürt mit seiner Geheimniskrämerei die Faszination der Öffentlichkeit. Jedes neue Produkt wird als nächster Großangriff auf irgendeinen Wettbewerber gesehen. Meist gilt Microsoft als Zielscheibe, oft auch Ebay oder Yahoo. Im Moment jedenfalls macht Google mit den meisten seiner neuen Dienste kein Geld.

Nicht jedes Google-Angebot ist ein Erfolg. Absicht?

In der landläufigen Google-Euphorie geht unter, daß viele Produkte des Unternehmens nicht besonders erfolgreich sind. Google Talk oder Gmail liegen zum Beispiel weit hinter vergleichbaren Angeboten von Yahoo oder MSN zurück. Schmidt selbst stellt das als Absicht hin. Ziel sei es, zunächst möglichst viele Produkte auf den Markt zu werfen. Ob und wie man damit Geld verdient, könne man nachher immer noch sehen. Und angesichts der Fülle von neuen Angeboten sei es völlig normal, daß nicht jedes ein Superhit wird.

Im Moment kommt Google damit durch: Zu stark ist das Unternehmen in seinem lukrativen Kerngeschäft mit der Internetsuche, und zu weit abgeschlagen sind hier die Wettbewerber. Daneben sieht Google in Suchdiensten noch immer viel Potential, zum Beispiel mit dem Einsatz auf Handys.

Ein Jahr Streit vor China-Engagement

Trotzdem: Kritische Stimmen meinen, Google wird letztlich sein Geschäft auf eine breitere Basis stellen müssen und sich nicht auf Dauer auf die Suchwerbung verlassen können. Das gilt um so mehr, als es mit der grenzenlosen Popularität der Google-Seite auch schnell wieder vorbei sein kann. Schmidt sagt selbst: "Unsere Nutzer sind nur einen Mausklick davon entfernt, zu einer anderen Suchmaschine abzuwandern."

Eric Schmidt ist als Vorstandschef die offizielle Nummer eins bei Google. Brin und Page haben die Titel President mit Zuständigkeit für Produkte und Technologie. De facto bilden die drei zusammen aber ein Triumvirat. Bedeutende Entscheidungen werden nur getroffen, wenn alle drei übereinstimmen, sagt Schmidt. Das heißt nicht, daß es nicht öfter Meinungsverschiedenheiten gibt.

Ein Streitfall war zum Beispiel das umstrittene Engagement in China, wo Google sich mit seiner Seite den Zensurvorschriften der Regierung unterwirft. Ein Jahr lang haben die drei darüber heftige Auseinandersetzungen geführt, erzählt Schmidt. Am Ende einigte man sich aber darauf, das Projekt zu starten.

Google ist besessen von Kennzahlen

Schmidt ist der einzige aus dem Dreiergespann, der optisch eine gewisse Seriosität ausstrahlt. Brin und Page nehmen sich als Gründer das Privileg heraus, auszusehen, wie sie wollen. So fläzten sich die Gründer kürzlich bei einer Presseveranstaltung mit Jeans, T-Shirt und grellbuntem Hemd auf der Bühne, der Rest des Managements inklusive Schmidt trug Jacketts (siehe auch: Die Weltverbesserer von Google).

Die Lässigkeit in der Optik darf man aber nicht mit Lässigkeit im Geschäft verwechseln. Bei Google ist man besessen von Kennzahlen, mit denen ständig aufs Genaueste verfolgt wird, wie sich die Angebote schlagen. Da solle man sich nicht von dem legendär gemütlichen Arbeitsambiente bei Google mit den überall herumstehenden Lava-Lampen täuschen lassen, hat Schmidt einmal gesagt.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.07.2006, Nr. 30 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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