21. September 2004 "Der tägliche Einheitsbrei aus dem Radio ging mir auf den Keks", sagt Klaus Richter. Der Berufspendler fährt morgens und abends jeweils eine Stunde in sein Frankfurter Büro. Jahrelang hat er im Auto HR3 oder Radio FFH gehört, nun ist er die lokalen Rundfunkstationen leid. Vor kurzem entdeckte er ein neues Musikvergnügen: Radio aus dem Internet.
Nun hört der Kaufmann mit einem Faible für Südafrika im Auto seinen Lieblingssender aus Kapstadt: zwar nicht ganz live, aber tagesaktuell. Der Trick hat nichts mit einem neuen Autoradio oder Digitalradio zu tun: Die Musik kommt aus dem Internet. Richter ist ein begeisterter Anhänger des Webradios. Immer mehr Rundfunkstationen in aller Welt stellen ihr Programm ins Netz: Mit wenig Aufwand und einem schnellen DSL-Anschluß kann man überall mithören und aufnehmen.
Alles, was das Herz begehrt
Am einfachsten und günstigsten funktioniert das mit der kostenlosen Phonostar-Software, die in wenigen Sekunden geladen ist (www.phonostar.de). Das knapp 2 Megabyte große Windows-Programm ist schnell installiert und zeigt nach dem Start eine aufgeräumte Bedienungsoberfläche, die den Einsteig leicht macht. Die Lieblingssender der Phonostar-Hörer sind hier mit einem Klick aufrufbar.
Interessanter ist indes die Suchfunktion: Unter "Genre" findet der Musikliebhaber alles, was das Herz begehrt: Hits der 80er, Dance, Techno oder Reggae sind hier ebenso vertreten wie Klassik, Jazz, Weltmusik oder gar asiatische Stilrichtungen. Ebenso flexibel ist die Länderauswahl, die alle Kontinente umfaßt: albanische Rundfunkstationen, koreanische, afghanische, persische und tunesische sind dabei.
Top-Hits mit koreanischer Ansage
Anschließend reicht ein Mausklick, um sich in das laufende Programm einzuwählen. Das muß man einfach mal erlebt haben, wenn Radio "Nunbicast" aus Seoul mit einer reizenden Stimme die amerikanischen Top-Hits koreanisch ansagt. Mehr als 2.000 Radiostationen kennt der Phonostar-Player, der über kleine Werbeeinblendungen und wechselbare Bedienungsoberflächen finanziert wird.
Insgesamt findet man im Netz etwa 5.000 Radiosender, darunter auch viele hundert reine Internetradios, die auf die üblichen Verunstaltungen der Musik bei den konventionellen Sendern verzichten: Hier gibt es keine Überblendungen, keine Jingles, keine Dynamikanpassung und keine Moderatoren, die in die Musikwiedergabe hineinquasseln.
Musik in MP3-Qualität
Wer auf der Suche nach besonderen Hörerlebnissen ist, wird sich über die Programmempfehlungen der Phonostar-Redaktion freuen. Unter der Senderliste findet man jeden Tag neue Tips - insbesondere auch für Hörspiele, die man nun dank Phonostar aus allen Programmen der Welt empfängt. Die Klangqualität der meisten Internet-Stationen ist überaus gut.
Der Datenstrom erreicht eine Geschwindigkeit bis 128 Kilobit pro Sekunde - das ist die übliche MP3-Qualität. Einige Sender sind so beliebt, daß sie leider nicht immer erreichbar sind. Dazu gehören insbesondere die Jazz-Programme wie das erstklassige Jazz-Network-Radio, das ausschließlich im Internet sendet.
Lieblingsmusik ganz legal aufnehmen
Natürlich kann man seine Lieblingsmusik nicht nur anhören, sondern auch aufnehmen. Der Phonostar-Player unterstützt dazu das Windows-Wav-Format und MP3. Empfehlenswert ist allerdings nur das datenreduzierte MP3, weil die Wav-Dateien sehr schnell sehr groß werden.
Für MP3-Aufnahmen muß man ein Kodiermodul zusätzlich laden. Die Wav- oder MP3-Dateien lassen sich anschließend auf CD brennen und auf einen MP3-Spieler kopieren. Das Schneiden einzelner Stücke ist mit dem Phonostar-Player allerdings nicht möglich.
Geld sparen mit Radio-Hörspielen
Klaus Richter nimmt sein Lieblingsradio am Internet-PC auf und brennt es anschließend auf eine CD. Im Auto hat er auf diese Weise jeden Tag ein neues Programm. Neuerdings hat Richter die Radio-Hörspiele entdeckt. "Früher habe ich mir gelegentlich ein Hörbuch auf CD geleistet. Das ist allerdings ein teures Vergnügen." Nun schneidet der Pendler die Hörspiele im Internetradio mit - und spart gewaltig.
Das Aufnehmen von Radiosendungen im Internet ist legal. Wer sich die Lieblingsmusik nicht aus den Tauschbörsen, sondern von den Radiostationen holt, kann nicht verfolgt werden. Auch das Mitschneiden auf die Festplatte und das Kopieren auf CDs oder andere Medien ist erlaubt, solange dies für den privaten Gebrauch erfolgt.
Tastatur mit eingebautem Radio
Wie nicht anders zu erwarten, ist das den Hardlinern der Musikindustrie ein Dorn im Auge. "Ungeschütztes Internetradio kann ein populärer Ersatz für die nichtautorisierten Tauschbörsen werden, da die Konsumenten jedes gewünschte Musikstück kostenlos in CD-Qualität erhalten können", sagt der amerikanische Musikverband RIAA und fordert unter anderem einen Kopierschutz für Internetradio.
Internetradio muß übrigens nicht an Software gebunden sein. In dieser Woche wird ein namhafter Hersteller von Computer-Hardware seine erste Tastatur mit eingebautem Internetradio vorstellen. Seit einiger Zeit gibt es von Philips und anderen Herstellern eigene DSL-Empfangsstationen, die wie ein gewöhnliches Radio aussehen, die Musik aber ebenfalls aus dem Netz holen.
DSL-Flatrate empfehlenswert
Mit einem Ethernet-Kabel oder einer Wireless-Lan-Verbindung stellen die Geräte den Kontakt zum PC-Router und damit zum Internet her. Die Streamium-Reihe von Philips kann demnächst sogar das Fernsehprogramm mit dieser Technik herbeizaubern.
Wer Multimediales aus dem Netz bezieht, sollte in jedem Fall eine DSL-Flatrate haben. Ein Volumen- oder Zeittarif ist angesichts der üppigen Datenmengen, die hier übertragen werden, nur für den Gelegenheitsnutzer geeignet.
Software für das Internetradio finden
1. Es gibt im Internet viele Alternativen zu dem hier vorgestellten Phonostar-Player. Früher war "Messer" als Audiorekorder ein Geheimtip. Die Software, die es noch immer kostenlos auf www.dago.pmp.com.pl/messer gibt, wird jedoch nicht mehr weiterentwickelt. Messer nimmt im Wav- oder MP3-Format auf, auch bietet die Software eine Zeitsteuerung.
2. Irate von Dirk Vorderstraße (www.ir2.de) steht für "Internet-Radio und Television". Hier findet man einen schnellen Zugriff auf unzählige Radio- und Fernsehsender, deren Namen sich mit Verknüpfungen auch auf dem Desktop ablegen lassen. Ferner kann man Radio-Sendungen mitschneiden und Wav-Dateien nach MP3 konvertieren. Wie bei Phonostar läßt sich die Bedienungsoberfläche verändern. Die Software ist kostenlos.
3. Von Data Becker gibt es für 20 Euro den DSL Radio-Recorder. Mit normaler Bandbreite soll er bis zu 5 Radiosender parallel aufzeichnen. Das entspricht etwa 100 Songs pro Stunde. Die automatische Schnittfunktion speichert nach Angaben des Herstellers die Songs inklusive passendem Titel (ID3) abspielbereit als MP3, Wav oder Ogg-Datei auf dem PC. Unerwünschte Titel und Musikgruppen lassen sich mit Hilfe einer "Blacklist" von der Aufzeichnung ausschließen. Für das Feintuning der Musikdateien hält der DSL-Radio-Recorder einen eingebauten Audio-Editor bereit.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.09.2004, Nr. 38 / Seite 60
Bildmaterial: F.A.Z.-Wohlfahrt, Hersteller
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