Telekommunikation

Der Abschied vom Mobiltelefon

Von Johannes Winkelhage

Handys müssen attraktiver werden für ihre Nutzer

Handys müssen attraktiver werden für ihre Nutzer

09. Oktober 2006 Die Nachrichten sind alarmierend für die bisher vom Erfolg verwöhnten Hersteller von Mobiltelefonen. Benq hat bei der Sanierung der Siemens-Handysparte gepatzt, und auch den anderen Unternehmen drohen rauhere Zeiten. So rechnet beispielsweise das Marktforschungsunternehmen Informa in den kommenden Jahren mit einem deutlich niedrigeren Wachstum dieses Marktes.

"Die Hersteller haben eine fantastische Wachstumsphase gesehen, müssen sich aber ab dem Jahr 2007 darauf einstellen, daß sie nicht mehr so viele Geräte verkaufen können und eine geringere Profitabilität ausweisen werden", warnt Informa-Analyst Dave McQueen. Zwar gehen die Marktforscher in ihrer jüngsten Untersuchung für das Jahr 2011 von einem Handyabsatz von rund 1,25 Milliarden Stück aus, aber schon 2006 werden wahrscheinlich mehr als eine Milliarde Geräte verkauft. Daraus ergibt sich für Informa: Die Zeiten der zweistelligen Zuwachsraten in diesem Segment sind vorbei. Im Jahr 2011 wird gerade einmal noch mit einem Zuwachs von mageren 3 Prozent gerechnet.

Universaler Begleiter mit vielen Funktionen

Entsprechend reagieren die Handyhersteller und suchen neue Absatzanreize, die den Kunden dazu bringen sollen, sich in immer kürzeren Abständen ein zudem möglichst teures Mobiltelefon zu kaufen. Das Konzept ist einfach: Das Handy soll zum universalen Begleiter werden, der Musik abspielt, Fotos macht und mit Hilfe des Satellitennavigationssystems GPS möglichst auch als Führer durch eine fremde Stadt taugt. Terminkalender und Adreßbuch gehören selbstverständlich ebenso zu der Ausstattung wie die elektronische Geldbörse, mit der kleinere Beträge bezahlt werden können. Schnelle Datenverbindungen wie UMTS oder die Nachfolgetechnik HSDPA sorgen zudem dafür, daß der E-Mail-Verkehr genauso möglich ist wie der permanente Zugang zum Internet mit aktuellen Daten und Nachrichten. Der DSL-schnelle Zugang über die Funknetze für den mobilen Nutzer ist das Ziel, das jetzt in greifbare Nähe rückt.

Nach dem Foto- das Videohandy

Mit dieser Strategie dringen die Hersteller der Geräte immer aggressiver in Märkte vor, die bisher von anderen Unternehmen besetzt sind. So setzt beispielsweise Sony-Ericsson schon seit geraumer Zeit darauf, mit seinen Handys den Kameraherstellern im unteren Preissegment Konkurrenz zu machen. Die Geräte werden unter der Sony-Marke Cybershot verkauft, die für eine recht solide Kameraqualität des Herstellers steht. Meist sind es Kameras mit einer Auflösung von 2 Megapixel, die an Bord der Handys ihren Dienst versehen. Andere Hersteller kommen schon mit Kameras auf den Markt, die eine 5-Megapixel-Qualität bieten, und 10 Megapixel sind nicht mehr fern. Bis zum Jahr 2011rechnet Informa damit, daß rund 81 Prozent aller verkauften Mobiltelefone mit Kamera ausgeliefert werden. Der nächste Schritt ist absehbar. Schon jetzt kommen die ersten kleinen Geräte auf den Markt, mit denen auch relativ gute Videos aufgenommen werden können.

Damit aber nicht genug. Die Hersteller arbeiten mit Hochdruck daran, daß der Kunde seine Fotos auch auf dem schnellsten Weg aus dem Handy herausbekommt. Direkte Funkschnittstellen zu Fotodruckern sind inzwischen in vielen Geräten Standard. Aber auch das Heraufladen der Fotos auf Internetseiten wie zum derzeit rasant wachsenden digitalen Bilderdienst Flickr ist inzwischen beispielsweise bei Nokia in der Planung. Entsprechende Geräte sollen Anfang kommenden Jahres in großen Stückzahlen ausgeliefert werden. So kann der Nutzer sein persönliches Bildertagebuch mit dem Kamerahandy erstellen und dies schnell im Internet präsentieren - ohne ein anderes Gerät zwischenschalten zu müssen. Damit wird das Handy zur mobilen Schnittstelle zu den interaktiven Gemeinschaften im Internet (Communities), die unter dem Schlagwort Web 2.0 im Moment als die zukunftsträchtigste Entwicklung in der Onlinewelt gehandelt werden.

Angriff auf den iPod

Aber auch in Sachen Musik lassen sich die Hersteller nicht lumpen. Sony-Ericsson hat die Marke Walkman wiederbelebt, die auf die Kundschaft abzielt, die bisher scharenweise dem iPod-Erfinder Apple zuläuft. Genau diese Kunden hat auch Nokia im Visier. Die neuen Geräte der Music Edition stehen den kleinen iPods in Sachen Speicherkapazität kaum nach. Nokia hat zudem vor kurzem den Internet-Musikgroßhändler Loudeye für rund 60 Millionen Dollar übernommen, und es wird erwartet, daß der finnische Konzern einen eigenen Dienst für das Herunterladen von Musik auf mobile Endgeräte aufbauen will, der dann natürlich besonders gut mit den Nokia-Geräten zusammenarbeiten soll. Ähnliche Projekte verfolgen auch andere Handyhersteller wie Samsung oder Sony-Ericsson.

Eine fast deckungsgleiche Strategie verfolgt Nokia auf dem Gebiet der Navigation mit den mobilen Endgeräten. Auch hier stand vor wenigen Wochen eine Akquisition am Anfang. So zahlte der Konzern rund 151 Millionen Euro für das deutsche Unternehmen Gate 5, das sich auf Software für die Handynavigation spezialisiert hat. In der vergangenen Woche gab Nokia zudem eine Kooperation mit dem amerikanischen GPS-Spezialisten Trimble bekannt und sicherte sich damit ungehinderten und exklusiven Zugang zu einer Reihe von Patenten, die ortsbezogene Anwendungen möglich machen.

Das Handy zur Orientierung

Schon Anfang September hatte Nokia während einer Navigationskonferenz in Genf angekündigt, aggressiv in diesen Markt einsteigen zu wollen, und damit den Anbietern spezialisierter Navigationsgeräte wie Tom Tom, Garmin oder Mio Technology den Kampf angesagt (F.A.Z. vom 18. September). Auch den Zugang zu dem für die Navigation notwendigen Kartenmaterial hat sich der finnische Konzern schon gesichert: Dieses wird vom belgischen Anbieter Teleatlas geliefert und auf dem aktuellen Stand gehalten werden.

Während der Photokina in Köln bestätigte Nokia nun, daß geplant sei, einen eigenen Navigationsdienst für die mobilen Geräte anzubieten, der auch unabhängig von den Netzbetreibern genutzt werden könne. Natürlich beeilte man sich während der Veranstaltung, darauf hinzuweisen, daß Nokia auch zur Kooperation mit den Mobilfunkanbietern bereit sei.

Weg aus der Abhängigkeit der Sprachtelefonie

Nokias Strategieerweiterung verfolgt das klare Ziel, den Handyabsatz aus seiner Abhängigkeit von der Nachfrage nach Geräten für die Sprachtelefonie zu befreien. Die künftigen Mobiltelefone werden praktische Alleskönner und sollen den Anforderungen, die der Normalnutzer an seine Kamera, seinen Musikplayer oder sein Navigationssystem stellt, gerecht werden. Durch die Verbindung mit dem Mobilfunknetz soll zudem die Interaktivität hergestellt werden, die den Zugriff auf stets aktuelle Daten und vor allem auf den Aufenthaltsort des Nutzers bezogene Informationen liefern kann. Diesen Diensten, die auch als Location Based Services oder kurz LBS bezeichnet werden, wird in der gesamten Branche eine rosige Zukunft vorausgesagt. Damit wandelt sich Nokia als eines der ersten Unternehmen im Markt von einem reinen Telefonanbieter zu einem Software- und vor allem Servicelieferanten, der seinen Umsatz nicht mehr allein mit dem Verkauf der multifunktionalen Geräte, sondern mit Dienstleistungen für die Netzbetreiber oder auch den Endkunden macht.

Für den Nutzer bedeutet dies, daß er sich künftig entscheiden kann, ob er beispielsweise eine separate Kamera, einen Musikplayer und ein spezialisiertes Navigationssystem bevorzugt oder ob er ein Universalgerät wählt, mit dem man nebenbei auch telefonieren kann.

Text: F.A.Z., 09.10.2006, Nr. 234 / Seite 23
Bildmaterial: AP

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