Medien

„Le Monde“ und die Krise

30. März 2005 Im neuen Büro des „Le Monde“-Präsidenten Jean-Marie Colombani steht ein gerahmtes Werbeplakat aus den neunziger Jahren mit der Aufschrift: „,Le Monde' - unabhängig seit der Gründung“. Ist das heute Wunschdenken oder ein realistischer Ausblick?

Es ist nicht gut bestellt um Frankreichs renommierteste Zeitung. „Le Monde“ mußte in den vergangenen Tagen beschließen, zwei neue Großaktionäre aufzunehmen: den französischen Medien-, Luftfahrt- und Rüstungskonzern Lagardere sowie die spanische Mediengruppe Prisa, die unter anderem „El Pais“ herausgibt. Nur so konnte das Überleben gesichert werden, denn die Betriebskosten von „Le Monde“ sind zu hoch und bei sinkender Auflage fallen die Werbeeinnahmen. Im Jahr 2000 hat die Tageszeitung das letzte Mal einen Gewinn vor Steuern ausgewiesen. Bis 2003 sind Verluste von fast 54 Millionen Euro angefallen, und im vergangenen Jahr kamen wahrscheinlich weitere 30 Millionen Euro hinzu. Verlagschef Colombani will jedoch die Quadratur des Kreises geschafft haben: neue Kapitalgeber gefunden zu haben, deren Einfluß dennoch in Grenzen bleibt. Er versichert, daß die Redakteure als die wichtigsten Aktionäre ihren bestimmenden Einfluß behalten. „Wir durchschreiten die Krise, indem wir uns refinanzieren, ohne unsere Unabhängigkeit in Frage zu stellen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

An der Lesemode vorbei

Die Krise ist sowohl hausgemacht als auch von außen aufgezwungen. Der Auflagenanstieg bis vor zwei Jahren auf mehr als 400.000 verkaufte Exemplare ist durch den Verlust von gut 30.000 Zeitungen wieder weitgehend aufgezehrt, denn das Blatt scheint modernen Lesegewohnheiten nicht mehr zu entsprechen. Das hält Colombani für das schwierigste Element des Überlebenskampfes: in Zeiten des Nachrichtenüberflusses und der fragmentierten Leserinteressen „die Zeitung so neu zu erfinden, daß sie unentbehrlich wird“. Hinzu kommt die Herausforderung der zahlreichen Gratiszeitungen in Frankreich. Zur redaktionellen Krisenbewältigung will „Le Monde“ im Herbst mit einem „radikal neuen“ Konzept antreten. Mehr verrät Colombani nicht.

„Le Monde“ steckt aber auch selbstverschuldet in einem Dilemma. Die Druckerei ist zu teuer, und das Vertriebsnetz leidet unter der Schließung von Kiosken. Als Nachmittagszeitung ist der Vertrieb ohnehin schwierig, weil „Le Monde“ nicht mit anderen Blättern zusammenarbeiten kann. Die immer wieder diskutierte Idee, morgens zu erscheinen, ist indes verworfen worden.

Angespanntes Klima

An einem Sparkurs kommt die Traditionszeitung auf jeden Fall nicht vorbei. Von den 1050 Mitarbeitern in Druckerei, Verwaltung und Redaktion der Tageszeitung müssen bis Ende des Jahres 220 gegangen sein. Das Programm für freiwillige Abschiede ist nicht vollständig akzeptiert worden, weshalb es auch zu Entlassungen kommen dürfte. Das Klima in der Redaktion ist daher angespannt, berichten Journalisten von „Le Monde“. Von einem verfehlten Expansionskurs ist die Rede und davon, daß die Tageszeitung nur noch von den profitablen südfranzösischen Regionalzeitungen im Konzern am Leben gehalten werde. Auch drohen Redakteure damit, im kommenden Juni die Macht von Colombani per Abstimmung zu beschneiden.

Dieser jedoch sieht sich nicht angefochten. Die ausschlaggebende Redakteursgesellschaft hat den Einstieg von Lagardere und Prisa mit 64 Prozent genehmigt. Das sei ein Vertrauensbeweis für ihn. „Wer hat die Strategie ausgearbeitet, wer hat sie vorgeschlagen?“ fragt er rhetorisch. Der Sanierungsplan sei eng mit seiner Person verbunden, daher habe die Redaktion mit seiner Genehmigung auch für ihn gestimmt.

Kritik wegen PVC-Übernahme

Von einer verfehlten Expansion will Colombani ebenfalls nichts wissen. Unbestritten war die Akquisition der südfranzösischen Regionalzeitungen der Gruppe „Journaux du Midi“ ein gelungener Schachzug, denn sie sind derzeit der einzige Gewinnbringer im „Le Monde“-Konzern: Neben den Verlusten der Tageszeitung liegen die Magazine der Gruppe PVC (“Telerama“, „La Vie“) derzeit nur an der Gewinnschwelle. Interne Kritiker machen ihm die PVC-Übernahme für rund 90 Millionen Euro zum Vorwurf, denn sie erfolgte zur Unzeit: 2003, als die Zeitungskrise schon tobte.

Doch Colombani beharrt auf dem Segen der Akquisition, weil sie die „Le Monde“-Gruppe ausgewogen auf drei Standbeine stelle und damit die Tageszeitung sichere. Der Kauf von PVC sei im übrigen durch Wandelanleihen finanziert worden, die erst 2014 in Aktien getauscht werden. Die hohe Verschuldung von mehr als 130 Millionen Euro sei daher nicht durch PVC, sondern durch die Verluste der Tageszeitung und durch unvermeidbare Investitionen in die Druckerei verursacht worden, sagt Colombani. Die Modernisierung der Druckmaschinen zwischen 1999 und 2003 zahle sich jetzt durch den Zuwachs von Farbanzeigen aus, sagt der Verlagspräsident.

„Mit dem Internet Geld verdienen“

Externe Medienexperten sind skeptisch hinsichtlich der Zukunft des neuen „Le Monde“-Modells. „Ich glaube, das ist die erste Etappe zum Verlust der Unabhängigkeit“, sagt Jean-Marie Charon vom Forschungszentrum CNRS. Doch Colombani verweist darauf, daß Lagardere aus wettbewerbsrechtlichen Gründen kein Ausbau der Anteile gestattet sei und die Gruppe aus historischen Gründen als langjähriger Partner von „Le Monde“ eingestiegen sei.

Auch zu Prisa, mit denen man vor allem bei Nebenprodukten wie DVDs und Büchern zusammenarbeiten will, gebe es alte Verbindungen, denn „Le Monde“ war eines der Vorbilder bei der „El Pais“Gründung. So schließt der Verlagschef mit einem hoffnungsvollen Ausblick: „Le Monde“ betreibt mit 60.000 zahlenden Abonnenten und 60 Millionen Seitenabrufen im Monat den führenden französischen Informationsauftritt im Internet. „In diesem Jahr werden wir erstmals mit dem Internet Geld verdienen.“ Dies soll dazu beitragen, daß die Gruppe 2006 wieder einen Gewinn vor Steuern erzielt.

Text: chs. / F.A.Z., 30.03.2005, Nr. 73 / Seite 16
Bildmaterial: F.A.Z.

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