Fußball im Fernsehen

Klubs kontern Premiere aus

Von Marcus Theurer, München

10. Oktober 2007 Die schönsten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst. Während am Mittwoch morgen an der Frankfurter Börse der Kurs der Premiere-Aktie weiter sank, blinkte in den Nachrichtentickern die Meldung von einem beruflichen Neuanfang auf: Georg Kofler, bis vor zwei Monaten, Vorstandschef von Premiere, gab den Kauf des Werkzeugmaschinenbauers Leifeld bekannt. „Kerngesund“ sei das Unternehmen, verkündete Medienaussteiger Kofler, der sein Herz für den soliden deutschen Mittelstand entdeckt hat.

Sein Nachfolger bei Premiere hatte derweil ganz andere Sorgen. Auf Dienstreise im Taxi durch Paris kurvend, gab Michael Börnicke am Mittag Interviews via Handy. Der neue Premiere-Chef versuchte die Wogen zu glätten und den Aktienkurs zu stabilisieren. Um weitere 9,8 Prozent auf 13,14 Euro brach das Premiere-Papier bis zum späten Mittwochnachmittag ein, nachdem es schon am Dienstag um mehr als 8 Prozent gefallen war. Verantwortlich dafür ist ein rüstiger älterer Herr, der nächste Woche seinen 81. Geburtstag feiert und sich vorab schon Mal eine kleine geschäftliche Frischzellenkur gegönnt hat: Medienpleitier Leo – das Schreckgespenst – Kirch ist wieder da. Kofler bestreitet, dass der sich abzeichnende Coup des Altvorderen, den er seit Jahrzehnten gut kennt, bei seinem abrupten Abschied von Premiere eine Rolle gespielt hat. „Davon habe ich nichts geahnt“, beteuert der Südtiroler.

Der Abo-Kanal braucht die Live-Berichte

Kirch hat im Fernsehgeschäft mehr Erfahrung als alle anderen in Deutschland. Fast 50 Jahre lang hat er Programme gekauft und verkauft. Die Aussicht, dass der Routinier nun in einer am Dienstag verkündeten Zweckgemeinschaft mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) den Maximalerlös aus dem Verkauf der Fernsehrechten an der Bundesliga ab 2009 herausquetschen wird, ließ die Premiere-Aktionäre Schlimmstes befürchten. Ab dem Frühjahr soll der Poker um den Fußball mit der Verkaufsausschreibung offiziell beginnen. Kirch hat bereits alte Mitstreiter um sich geschart.

Die Vorzeichen für Premiere sehen unerfreulich aus. Auf der einen Seite des Tisches sitzen Kirch und Partner und ziehen alle Register. Auf der anderen Seite nehmen Finanzfachmann Börnicke und sein Sport-Vorstand Carsten Schmidt Platz. Sie haben kaum eine Wahl. Der Abonnementskanal braucht die Live-Berichte dringender als jeder andere Sender. Als Premiere Ende 2005 zwischenzeitlich die Bundesliga an den mittlerweile verblichenen Rivalen Arena verloren hatte, war das Unternehmen in eine schwere Krise gestürzt.

Bleibt die kritische Distanz auf der Strecke?

Geht jetzt alles wieder von vorne los? Börnicke versuchte am Mittwoch zu beschwichtigen. „Ich kann nicht erkennen, dass sich der Bezahlfernsehmarkt völlig verändert oder Premiere geschwächt wird“, sagt der Fernsehmanager. Bei der DFL sieht man das naturgemäß anders. Nach dem Scheitern von Arena mussten die Fußball-Manager befürchten, dass Premiere wie früher als einziger potenter Bieter für die Live-Übertragungen, den wertvollsten Teil der Bundesliga-Rechte, antreten werde. „Da hätten nur die bisherigen Marktteilnehmer mitgeboten“, sagt Peter Peters, Geschäftsführer des Erstligisten FC Schalke 04 und Vizepräsident des Ligaverbandes. Die DFL ersann deshalb zusammen mit Kirch ein überraschendes Manöver.

Die Clubs verkaufen keine Senderechte mehr, sondern im Bezahlfernsehen nur noch fertig produzierte Programme. „Dadurch wird die Anzahl möglicher Bieter deutlich erweitert“, glaubt Christian Seifert, der Vorsitzende der DFL-Geschäftsführung. Die Fußballer hoffen offenbar, dass etwa Kabelnetzgesellschaften wie Kabel Deutschland und Unity Media, aber auch Telekommunikationskonzerne und Satellitenbetreiber wie der Marktführer SES Astra mit seiner neuen Bezahlfernseh-Plattform Entavio das Bundesliga-Programm quasi von der Stange kaufen. Wenn Neueinsteiger keine eigene Redaktion und Produktion aufbauen müssten, seien auch die Markteintrittsbarrieren niedriger. Vorwürfe, die kritische Distanz bleibe auf der Strecke wenn die Vereine, demnächst über sich selbst berichten, weisen die Fußball-Manager dagegen zurück.

Mehr Exklusivität für das Bezahlfernsehen?

Damit gehen die Vereine abermals auf Konfrontationskurs zu Premiere. „Im Grundsatz ist das für uns nicht akzeptabel“, stellte Börnicke am Mittwoch klar. „Wenn wir das von der DFL produzierte Programm übernehmen müssten, könnten wir deutlich weniger bieten.“ Die „Unverwechselbarkeit“ des Premiere-Programms gehe dann verloren. „Das hätte einen erheblichen Wertabschlag zur Folge“, kündigte Börnicke an.

Viele Fußballfans fürchten derweil bereits, dass wegen der hohen Fernseherlöse, die Kirch den Vereinen versprochen hat, die Bundesliga stärker ins Bezahlfernsehen – ob zu Premiere oder anderen Anbietern – verlagert wird. 500 Millionen Euro pro Saison für die sechs Jahre von 2009 bis 2015 hat der Medienunternehmer der DFL zugesagt. Bisher verdienen die Vereine im Fernsehen einschließlich des Namenssponsorings durch die Deutsche Telekom rund 440 Millionen Euro pro Jahr. Doch woher soll der Mehrerlös herkommen, wenn nicht durch mehr Exklusivität für das Bezahlfernsehen?

„Sportschau“ könnte nach hinten verschoben werden

DFL-Chef Seifert will sich weiter nicht festlegen, ob die ersten Zusammenfassungen der Spiele schon am frühen Abend im freien Fernsehen zu sehen sein werden. Bisher beginnt die „Sportschau“ der ARD Samstags bereits um 18.10 Uhr. Die Partnerschaft mit Kirch könnte es den Fußballvereinen nun erleichtern, die „Sportschau“ ab 2009 nach hinten zu verschieben, was vermutlich einen Sturm der Entrüstung in Fußball-Deutschland auslösen würde. „Die Liga kann dann aber auf Kirch zeigen, der schließlich die Rechte vermarkte“, vermutet ein Branchenkenner. Das letzte Wort über die Aufteilung zwischen frei empfangbarem und Bezahlfernsehen haben freilich auch weiterhin die Vereine. „Die alleinige Entscheidungshoheit in dieser Frage hat die Bundesliga“, sagt Schalke-Geschäftsführer Peters.

Auch wichtige Sponsoren signalisieren bereits Zustimmung: „Ich glaube nicht, dass unsere Reichweite stark sinken würde, wenn die Bundesliga nicht wie heute eine Stunde, sondern drei Stunden nach Spielschluss im frei empfangbaren Fernsehen käme“, sagte Adidas-Chef Herbert Hainer in einem F.A.Z.-Gespräch (siehe auch: Herbert Hainer: „Es fehlt die klare Linie gegen das Radsport-Doping“). Der Sportartikelhersteller ist einer der wichtigsten Sponsoren in der Bundesliga und Großaktionär des FC Bayern. Früher hat die DFL dagegen argumentiert, die beträchtlichen Sponsoreneinnahmen der Liga könnten sinken, wenn die Spiele stärker ins zuschauerschwächere Bezahlfernsehen wandern sollte.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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