DSL in Deutschland

Die digitale Provinz

Von Holger Schmidt

11. März 2005 Deutschland droht die digitale Spaltung. Der Riß durch die Republik teilt Stadt und Land: Während die Ballungszentren die Vorteile des Wettbewerbs um das Breitband-Internet genießen, herrscht in vielen ländlichen Regionen noch Telekom-Monokultur mit hohen Preisen und schlechter Versorgung. Diese digitale Spaltung hat Folgen: Fehlender Anschluß an das Breitband-Internet ist in der digitalen Wirtschaft inzwischen ein Standortnachteil geworden.

Viele kleine und mittlere Unternehmen machen einen Bogen um die digitale Provinz, weshalb immer mehr Bürgermeister vehement eine Auffahrt auf die Datenautobahn fordern. Die Breitband-Versorgung ist zum Politikum geworden. Der Regierung kann es nicht egal sein, wenn Internet-Studiengänge und elektronische Verwaltung weiten Teilen der Bevölkerung verschlossen bleiben.

Preise sinken im Wettbewerb

Die Unterschiede zwischen Stadt und Land werden stetig größer. In Großstädten wie Hamburg oder Berlin tobt inzwischen ein harter Wettbewerb. Nirgendwo in Deutschland sind die Preise für den Anschluß an das Breitband-Internet so niedrig, und nirgendwo ist die Anschlußdichte so hoch, weil Telekommunikationsgesellschaften wie Arcor, Hansenet oder Versatel der Deutschen Telekom dort mächtig Konkurrenz machen. Ganz anders stellt sich die Situation aber in vielen ländlichen Regionen dar (siehe auch: Stadtbewohner profitieren vom DSL-Wettbewerb)

Für etwa die Hälfte der Bevölkerung ist die Deutsche Telekom immer noch Monopolist. Für diese Menschen ist der breitbandige DSL-Zugang weit teurer als in der Stadt - wenn das schnelle Internet überhaupt schon ausgebaut ist. Beinahe verzweifelt beantragen viele Internetnutzer Quartal für Quartal einen DSL-Anschluß bei der Telekom. Aber die Telekom hat das DSL-Tempo gedrosselt und baut die Datenautobahn nur dort aus, wo genügend Nachfrage herrscht.

Telekom hat Eile nicht nötig

Eile hat der Bonner Telekommunikationskonzern nicht nötig, denn auf dem Land wird ihm nur selten ein ernsthafter Konkurrent in die Quere kommen. Wettbewerb der Breitband-Techniken zwischen DSL und Fernsehkabel, wie er in anderen Ländern üblich ist, gibt es in Deutschland faktisch gar nicht. Die negativen Folgen der technischen Monokultur werden in den ländlichen Regionen von einer Regulierung verstärkt, die echten Wettbewerb behindert. Denn die alternativen Telekommunikationsgesellschaften, die für den Zugang zum Kunden Vorleistungen der Telekom mieten müssen, klagen über eine geringe Spanne zwischen Mietpreis und wettbewerbsfähigem Endkundenpreis. Für diese Gesellschaften lohnt sich der Markteintritt nur in den Regionen, in denen sie mit einer Infrastrukturinvestition viele Kunden erreichen - also meist nur in den Städten. Und leichte Zugänge zum Telekom-Netz, die auch den Wettbewerb auf dem Land in Schwung bringen könnten, fehlen in Deutschland trotz jahrelanger Diskussionen immer noch.

Im Scheinwettbewerb

Andere Ex-Monopolisten in Europa müssen ihren Konkurrenten diese Zugänge längst anbieten. Der in Deutschland mögliche Wiederverkauf der DSL-Anschlüsse der Telekom ist dagegen nicht mehr als ein Scheinwettbewerb, knapp 90 Prozent des Umsatzes fließen weiter direkt in die Taschen der Telekom. Den Schlüssel zu mehr Wettbewerb und damit mehr Wachstum hält also die Regulierungsbehörde in der Hand: Nur eine deutliche Senkung der Vorleistungspreise und ein leichterer Zugang zum Telekom-Netz werden DSL in Deutschland für alle vorantreiben, Investitionen fördern und Arbeitsplätze schaffen. Diese Preise für DSL müssen aber nicht nur in den wettbewerbsintensiven Ballungszentren sinken, wie es die Telekom überlegt, sondern in der ganzen Republik. Eine solche regionale Regulierung würde der Telekom nur die Handhabe geben, mit Hilfe der Monopolrenten auf dem Land die Wettbewerber in den Städten gezielt auszubremsen.

Weiße Flecken auf der DSL-Landkarte

Aber noch hält die Regulierungsbehörde ihre schützende Hand über die Telekom. Mit fatalen Folgen: Als Ergebnis der Wettbewerbsabstinenz liegt die Wachstumsrate im deutschen Breitband-Internet im Vergleich zu den anderen Industrieländern am Ende. In der Anschlußdichte spielt Deutschland nur noch in der zweiten Liga. Das ist schlecht für das Wirtschaftswachstum. Das ist auch der Bundesregierung nicht entgangen. Daher läßt Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) nun in einem Breitbandatlas die weißen Flecken auf der DSL-Landkarte identifizieren.

Auf dem „Breitbandgipfel“ auf der Cebit hat er mehr Wettbewerb gefordert und die Regulierungsbehörde gemahnt, dazu ihren Beitrag zu leisten. Ziel ist es, die Telekom und ihre Wettbewerber zu einem höheren Ausbautempo anzutreiben. Doch die Telekom-Strategen bleiben gelassen, denn sie sind nicht verpflichtet, das schnelle Internet überall anzubieten. Eine sogenannte Universaldienstverpflichtung der Telekom wie beim Telefon gibt es für DSL nicht. Eine solche Verpflichtung wäre auch der falsche Weg, da sie die regionalen Monopole der Telekom festigen statt beseitigen würde.

Technische Hürden

In vielen Orten stehen dem schnellen Internet neben regulatorischen noch technische Hürden im Weg. Häufig ist auf dem Land die Entfernung zwischen Hauptverteiler der Telekom und dem Wohnort zu weit für einen DSL-Anschluß. Zudem hat die Telekom in den neunziger Jahren in vielen Ortsnetzen die damals moderne Glasfasertechnik verlegt, die kein DSL möglich macht. Ohne teure Nachrüstung stellen Funkanbindungen in diesen Fällen oft die einzige Chance auf das schnelle Internet dar. In den ersten Kommunen haben Telekom-Konkurrenten die regional begrenzten Funknetze inzwischen in Betrieb genommen. Mit beachtlichem Erfolg: Schon mehrfach hat die Aufnahme der Verhandlungen der Bürgermeister oder Bürgerinitiativen mit einem Funknetzbetreiber die Telekom zu einem plötzlichen Meinungswandel veranlaßt, den zuvor abgelehnten DSL-Ausbau doch noch einmal wohlwollend zu prüfen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.



Text: F.A.Z., 12. März 2005
Bildmaterial: dpa

 
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