Oscar-Verleihung 2004

Das riskanteste Projekt der Filmgeschichte

01. März 2004 Peter Jackson hatte in der Oscar-Nacht allen Grund, seinen Geldgebern zu danken: „Ihr seid das größte Risiko eingegangen, das jemals irgendeiner aus der Industrie gewagt hat“, sagte der Regisseur der „Herr der Ringe“-Trilogie an die Adresse von Robert Shaye und Michael Lynne, den beiden Chefs des Filmstudios New Line Cinema. Zuvor hatte „Die Rückkehr des Königs“ bei der Verleihung der Oscars in Los Angeles insgesamt elf Preise abgeräumt - genauso viel wie die bisherigen Rekord-Preisträger „Titanic“ und „Ben Hur“.

Für den weltgrößten Medienkonzern Time Warner, zu dem das Studio New Line Cinema gehört, hätte das Mega-Projekt „Herr der Ringe“ wohl nicht besser laufen können - aber um einiges schlechter. Denn in der Tat stellt die Trilogie nach der gleichnamigen Romanvorlage von J.R.R. Tolkien ein wahrscheinlich noch nie dagewesenes Wagnis in der Filmgeschichte dar. Rund 300 Millionen Dollar hat das Studio investiert, um den zuvor als schwer verfilmbar geltenden Stoff auf die Leinwand zu bringen - das ist das größte Budget der Filmgeschichte.

„Herr der Ringe“ bricht auch an der Kinokasse Rekorde

Am Ende hat sich das Projekt auf ganzer Linie ausgezahlt: Sowohl beim Publikum als auch bei den Kritikern stieß die Verfilmung auf Begeisterung. Inklusive der ersten beiden Teile hat die Trilogie insgesamt 17 Oscars gewonnen. An den Kinokassen haben die drei Filme weltweit bislang insgesamt rund 2,8 Milliarden Dollar eingespielt. Der dritte Teil war dabei mit Abstand der erfolgreichste und hat unlängst die Marke von einer Milliarde Dollar überschritten. Nach „Titanic“ ist „Die Rückkehr des Königs“ überhaupt erst der zweite Film, der dies jemals geschafft hat.

Der Triumph bei den Oscars dürfte dazu beitragen, daß die Filmreihe noch einige Zeit lang eine sprudelnde Geldquelle für Time Warner sein wird - insbesondere durch Verkäufe von DVDs und Videocassetten.

Riskantes Projekt

Das Projekt „Herr der Ringe“ war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Die drei Teile wurden an einem Stück in Jacksons Heimatland Neuseeland gedreht. Die Dreharbeiten dauerten rund sechzehn Monate und wurden bereits im Dezember des Jahres 2000 abgeschlossen. Dem folgte ein aufwendiger Nachbearbeitungsprozeß, in dem ein Feuerwerk an Spezialeffekten eingefügt wurde.

Die Strategie, den ganzen Filmdreh in einem Stück abzuschließen, war hochriskant: Einerseits konnten dadurch zwar Produktionskosten gespart werden, weil zum Beispiel die Filmkulissen nicht immer wieder neu aufgebaut werden mußten. Andererseits war der Erfolgsdruck umso größer. Drei Filme von jeweils drei Stunden Dauer waren abgedreht, bevor auch nur der erste Teil in die Kinos gekommen war.

Der „Herr der Ringe“ landete erst sehr spät bei Time Warner. Zunächst lag das Projekt bei dem zu Disney gehörenden Filmstudio Miramax. Allerdings schreckte Miramax davor zurück, aus der Geschichte einen Dreiteiler zu machen. Das Unternehmen zog sich schließlich zurück, und Jackson gewann New Line Cinema als neuen Finanzier, der zu einer Verfilmung in drei Teilen bereit war.

Neuer Auftrieb für Time Warner

Nach vielen Tiefschlägen ist der Erfolg der „Ringe“-Trilogie für Time Warner ein lange ersehnter uneingeschränkter Triumph. Das Unternehmen kam in den vergangenen Jahre vor allem durch die schwache Entwicklung seiner Internetgesellschaft AOL regelmäßig in Verlegenheit. Auch im Filmgeschäft, zu dem neben New Line Cinema auch das Studio Warner Bros gehört, hat Time Warner in jüngster Zeit die Erwartungen nicht immer erfüllt.

Das gilt zum Beispiel für eine andere Trilogie: Im vergangenen Jahr kamen die beiden Fortsetzungen des Warner-Bros.-Films „Matrix“ ins Kino, die als sichere Treffer galten. Die beiden Filme spielten weltweit 736 und 423 Millionen Dollar ein. Damit waren sie zwar profitabel, Experten hatten den Filmen vorher allerdings deutlich höhere Einspielergebnisse zugetraut.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. März 2004, lid.
Bildmaterial: dpa, dpa/dpaweb

 
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