03. Mai 2006 Nach dem erfolgreichsten Jahr ihrer Geschichte denkt die Deutsche Telekom wieder an Zukäufe. Vorstandschef Kai-Uwe Ricke sagte am Mittwoch bei der Hauptversammlung in Köln, die Telekom sei entschlossen, Europas Nummer Eins unter den integrierten Telekommunikationsunternehmen zu sein. Sie werde in dem laufenden europäischen Konsolidierungsprozeß eine aktive Rolle spielen.
Die Telekom hatte 2005 Rekordwerte bei Umsatz und Gewinn erzielt und zahlt dafür mit 72 Cent pro Aktie die höchste Dividende ihrer Geschichte. Dies seien allerdings die Gewinne von gestern, betonte Ricke. Zunehmender Wettbewerbsdruck und geradezu revolutionäre technische Veränderungen ließen keine Zeit um auszuruhen.
Die Telekom will deshalb in den nächsten Jahren Wachstum und Wertsteigerung in den Mittelpunkt ihrer Strategie stellen. Ricke sagte, sowohl das ertragreiche Kerngeschäft Sprache im Festnetz sei stark rückläufig und letztlich bedroht. Auch im Mobilfunk sei ein massiver Preisverfall zu beobachten. Die Telekom werde das Problem offensiv angehen.
Ricke kündigte vor rund 6.600 Aktionären in der Kölnarena weitere Kostensenkungen im Unternehmen an und verteidigte erneut den Abbau von Arbeitsplätzen als unumgänglich. Um Marktanteile zu verteidigen und zurückzugewinnen, verzichte die Telekom im laufenden Geschäftsjahr auf einen operativen Gewinn (Ebitda) von 1,2 Milliarden Euro. Sie wolle damit massiv in die Kundengewinnung und -pflege investieren.
Ricke kündigte neue, attraktive Bündelangebote im Telefon-Festnetz und innovative Breitbandprodukte an. Im Mobilfunk werde die UMTS-Datenübertragung im ersten Schritt auf 1,8 Megabit pro Sekunde und später auf bis zu sieben Megabit pro Sekunde ausgebaut.
DWS kritisiert Rolle von Blackstone
Die Fondsgesellschaft DWS sieht den geplanten Aufsichtsratssitz des Investors Blackstone bei der Telekom kritisch. Die angekündigte Nominierung der amerikanischen Gesellschaft für das Kontrollgremium sei eine beachtliche Bevorzugung eines Minderheitsaktionärs, sagte DWS-Manager Klaus Kaldemorgen in Köln. Da für Blackstone Minderheitsbeteiligungen wie im Falle Telekom ungewöhnlich seien, stelle sich die Frage, ob es Absprachen gebe, die der Beteiligungsgesellschaft einen überproportionalen Einfluß auf den Bonner Konzern gewährten.
Kaldemorgen fügte hinzu, die Telekom sei nicht auf den Rat von Blackstone angewiesen. Das Private-Equity-Haus könne aber seine künftige Rolle dazu nutzen, um mehr über die Telekom-Industrie und den Wettbewerb in Europa in Erfahrung zu bringen, sagte der Fondsmanager. Zudem hält er einen Interessenkonflikt bei Blackstone für möglich, da deren Geschäftsmodell darin bestehe, Akquisitionen zu tätigen. Vor einem solchen Kurs warnte Kaldemorgen die Telekom jedoch. Es sei jetzt nicht der Zeitpunkt für ambitionierte Zukäufe. Ricke hatte zuvor Zukäufe ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Er werde allerdings nicht um jeden Preis kaufen und auch nicht, weil andere es täten. Die Telekom werde Unternehmen nur kaufen, wenn sie wertsteigernd für den Konzern sind.
Kritisch äußerte sich Ricke zur deutschen und europäischen Regulierungspolitik. Es könne nicht Sinn der Regulierung sein, den Endkundenpreis auf das kleinstmögliche Niveau herunterzuschrauben. Wer uns auf diese Weise zu noch mehr Kostenabbau zwingt, darf sich nicht wundern, wenn das auch auf Kosten von Arbeitsplätzen geht.
Potenzierung von Unsicherheitsfaktoren
Zudem unterliege die Telekom nicht nur der nationalen Regulierung, sondern bei der EU in Brüssel kümmerten sich gleich zwei Generaldirektionen - Wettbewerb und Informationsgesellschaft - um das Unternehmen. Das bedeutet eine Potenzierung von Unsicherheitsfaktoren und Belastungen und bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Innovations- und Investitionstätigkeit, beklagte Ricke. Er forderte eine weitgehende Rückführung der Regulierung in den nächsten Jahren. Der Telekommunikationssektor sollte - wie die übrige Wirtschaft - schon bald der alleinigen Aufsicht durch Wettbewerbsbehörden unterstellt werden.
Für das laufende Jahr sagte Ricke einen Umsatz der Telekom zwischen 62,1 und 62,7 Milliarden Euro sowie ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) zwischen 20,2 und 20,7 Milliarden Euro voraus, was auf dem Niveau des Jahres 2005 liege. Für 2007 erwarte er einen Umsatz von 65,2 bis 66,2 Milliarden Euro und ein Ebitda zwischen 21,7 und 22,2 Milliarden Euro, etwa 1,5 Milliarden Euro mehr als 2005.
Text: FAZ.NET mit Material von AP, Dow Jones
Bildmaterial: REUTERS
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