17. Februar 2008 Der Online-Händler Amazon lagert und versendet künftig auch die Produkte fremder Händler. Unser Programm Fulfillment by Amazon funktioniert ganz einfach: Händler können ihre Produkte zu Amazon schicken. Wir stellen die Produkte in unsere Lager, liefern sie aus und übernehmen auch die anschließende Kundenbetreuung, sagte Joe Walowski, für das Programm zuständiger Direktor bei Amazon, der F.A.Z.
In Deutschland gilt das Angebot zunächst nur für die Händler, die ihre Produkte auf der Amazon-Plattform verkaufen. Künftig können aber alle Online-Händler - egal, ob sie bei Ebay oder auf ihrer eigenen Internetseite Produkte verkaufen - den Service von Amazon nutzen. Dann wird es egal sein, auf welcher Plattform die Bestellung eingegangen ist. Wir liefern sie aus. Noch gibt es das nur in den Vereinigten Staaten, aber wir werden so schnell wie möglich auch in Großbritannien und Deutschland damit beginnen, sagte Walowski.
Frontalangriff auf Ebay
Was zunächst unspektakulär klingt, ist ein Frontalangriff auf Ebay, um dem Unternehmen die Händler abzuwerben. Viele Ebay-Händler haben nicht nur mit negativen Käuferbewertungen wegen einer - als zu langsam oder zu teuer empfundenen - Lieferung ihrer Produkte zu kämpfen, sondern sind auch unzufrieden mit den neuen Verkaufskonditionen, die Ebay am 20. Februar einführen wird. Da kommt das Angebot von Amazon, Produkte auf der vielbesuchten Seite zu verkaufen und die lästige Lieferung gleich mit zu übernehmen, wie gerufen.
Schon 1,3 Millionen Händler in aller Welt vertreiben ihre Produkte bei Amazon und treten für jedes verkaufte Produkt 10 bis 15 Prozent des Erlöses als Kommission an Amazon ab. Das Geschäft brummt: Jedes dritte Produkt, das wir verkaufen, stammt inzwischen von diesen Händlern - und der Anteil steigt weiter. Auch in Deutschland ist dieser Anteil schon sehr hoch, sagte der Amazon-Vorstandschef Jeff Bezos dieser Zeitung (F.A.Z. vom 12. November).
Verkaufsprovision entspricht der Amazon-Marge
Angst, dass die Kunden die Produkte der anderen Händler besser als die eigenen Angebote finden, hat Bezos nicht. Uns ist es egal, ob ein Kunde ein Produkt bei Amazon oder bei einem unserer Händler kauft. Unser Umsatz ist zwar geringer, wenn der Kunde das Produkt eines Händlers wählt, aber die Verkaufsgebühr, die wir dafür erhalten, entspricht im Durchschnitt unserem Gewinn, wenn wir es selbst verkauft hätten, sagte Bezos, der Amazon auch zehn Jahre nach dem Markteintritt in Deutschland auf Wachstumskurs hält.
Die Besucherzahl auf der Seite ist in den vergangenen beiden Jahren nach Berechnungen von Nielsen Online um rund 40 Prozent auf 14,2 Millionen je Monat gewachsen; der Umsatz hat längst die Schwelle von einer Milliarde Euro überschritten. Ebays Umsatz bewegt sich in einer ähnlichen Größenordnung; der Marktplatz zieht zwar jeden Monat rund 19 Millionen Besucher an, verzeichnet aber seit rund drei Jahren kein Besucherwachstum mehr.
Auch große Händler interessiert
Das Fulfillment-Programm soll nun zusätzliche Händler auf die Amazon-Seite ziehen, um das Wachstum weiter anzukurbeln. Das Interesse an dem Programm ist groß; die Zahl der Händler wächst schnell, sagte Walowski. Das Programm sei eigentlich für kleine und mittlere Händler konzipiert gewesen, für die Lieferung und Abwicklung oft schwierig seien. Es hat auch uns überrascht, dass auch große Händler mitmachen, sagte Walowski. Aber Amazon, der weltgrößte Online-Händler, gilt inzwischen als ausgewiesener Logistik-Experte. In der Lagerung und Lieferung gibt es ausgeprägte Größenvorteile. Wenn man noch unsere große Erfahrung hinzurechnet, sind wir extrem wettbewerbsfähig, sagte Walowski. Gerade erst hat Amazon die Genehmigung bekommen, im nordhessischen Bad Hersfeld ein zweites Logistikzentrum zu bauen, um Platz für die Produkte der externen Anbieter zu schaffen.
Die Händler könnten zudem von einer anderen Amazon-Innovation profitieren: Die Versandkostenpauschale Prime, die unbegrenzt viele Lieferungen für 29 Euro im Jahr ermöglicht. Alle Produkte der Händler fallen unter das Prime-Programm. Wenn die Kunden die Versandkostenpauschale bezahlt haben, können sie sich auch alle Produkte der Händler kostenlos liefern lassen, sagte Walowski. Das könnten sich vor allem Händler zunutze machen, die Produkte mit geringer Marge verkaufen. Ansonsten berechnet Amazon für alle Bestellungen, die 20 Euro überschreiten, ohnehin keine Versandkosten.
Öffnung für Online-Werbung
Nach Ebay öffnet sich auch Amazon für Online-Werbung. Das Unternehmen testet in Amerika ein neues Werbesystem, das Händlern Werbung für ihre Produkte auf der Amazon-Seite ermöglicht. Die Werbung führt die Nutzer auf die Internetseiten anderer Händler. Das ist aber kein Problem für uns, denn es erhöht die Produktauswahl, die Kunden bei Amazon finden können, sagte Walowski. Diese externen Händler sind essentieller Bestandteil der Strategie, Amazon zur universellen Einkaufsplattform zu machen, auf der alle Produkte zu finden sind. Unsere Vision ist die umfassende Auswahl. Die einzige Chance, diese umfassende Auswahl zu erreichen, ist mit Hilfe unserer Händler. Deshalb haben wir in dieses Geschäftsfeld auch stark investiert, sagte Bezos.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.
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