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Was ist neu am Web 2.0?

Von Jochen Reinecke

Blog-Leserin in einem Internet-Café in Changzi, Nordchina

Blog-Leserin in einem Internet-Café in Changzi, Nordchina

26. Januar 2007 Früher hieß es beim bunten Abend gern „Jekami“. Das Grundprinzip ist dasselbe geblieben: Jeder kann mitmachen. Nur organisiert sich das Ganze jetzt weltweit in Internet-Tagebüchern, so genannten Weblogs. Dabei geht es zu wie in der Punkmusik: Jeder, der vor zwanzig Jahren eine Gitarre halten konnte, ansonsten aber völlig unmusikalisch war, hatte zumindest theoretisch die Chance, berühmt zu werden. Genauso kann heute jeder, der einen Computer und einen Internetzugang besitzt, Texte halbwegs professionell layouten und publizieren. Was die Texte taugen, steht auf einem anderen Blatt.

Weblogs existieren zu nahezu jedem Thema. Einige Themenbereiche stechen hervor und haben zu eigenen Weblog-Gattungen geführt. So gibt es Lawblogs zu juristischen Themen, Moblogs für mobil, also unterwegs erstellte Beiträge, Warblogs mit Nachrichten aus Kriegs- oder Krisengebieten und Fotoblogs, die hauptsächlich Bilder enthalten. Hauptmerkmal eines Blogs ist, dass der aktuelle Beitrag, auch Posting genannt, immer oben auf der Website steht, die anderen dann chronologisch absteigend darunter. Die zweitwichtigste Eigenheit eines Blogs besteht darin, dass die Beiträge umstandslos kommentiert werden können, was, je nach Geisteshaltung und Intellekt der Leserschaft, zu spannenden Diskursen, beleidigenden Wortgefechten oder endlos mäandernden, abschweifenden Assoziationsketten führt.

Blogger sind nicht die neuen Journalisten

Wie immer, wenn sich ein neuer Trend abzeichnet, wird schnell gekräht, er bedeute das Ende von etwas anderem. Vielerorts war zu erfahren, Blogger seien die neuen Journalisten. Was natürlich barer Unsinn ist: Die Stärken von Journalisten sind (oder sollten) zumindest ein breites Allgemeinwissen, professionelle Recherche, ein gewisses Arbeitsethos hinsichtlich der Trennung von privaten und öffentlichen Interessen und ein sicheres Beherrschen der Sprache sein. Die Stärken von Bloggern dagegen bestehen vor allem in Geschwindigkeit, Vernetzung, Unabhängigkeit von Werbekunden, der Meinung des Chefredakteurs, der politischen Richtung einer Zeitung und vielem mehr. Die Synthese wären also eigentlich bloggende Redakteure. Doch auch das geht nicht zwangsläufig gut, denn bloggen, so sagen wenigstens die Blogger, ist eine Lebenseinstellung und kann nicht einfach dekretiert werden.

Es gibt durchaus lesenswerte Journalistenweblogs, aber auch stark misslungene, in denen einzelne, verwaiste Beiträge vor sich hingammeln. Weblogs können tatsächlich Wissen akkumulieren. Gerade die streng monothematischen Diskussionsstränge, die sich mit den Details komplexer technischer Geräte oder von Programmiersprachen beschäftigen, versammeln nicht selten eine thematisch hochspezialisierte und engagierte Leserschaft, die aus freien Stücken Lösungsansätze, weitergehende Informationen oder Denkanstöße bietet. Hier wird das Ideal des freien, gemeinsamen, räumlich unbegrenzten Forschens oder Zusammentragens gelebt; beispielhaft das englischsprachige „Scientific Activist“-Weblog (http://scienceblogs.com/scientificactivist/), wo Fragen an der Grenze zwischen Wissenschaft und Politik diskutiert werden.

„Klowände des Internets“

Als Musterbeispiel für ein monothematisches Weblog kann auch der deutsche Lawblog von Udo Vetter gelten (http://www.lawblog.de/), das juristische Fragen und Fälle behandelt. Weblogs können aber auch einen medialen Tsunami in Gang setzen. Mag der intellektuelle Tiefgang der meisten Internet-Tagebücher, von denen es inzwischen schätzungsweise 67 Millionen gibt, auch gering sein - allein ihre schiere Masse kann gewaltige Wellen schlagen, denn Weblogs verlinken sich in einer bis dato nicht gekannten medialen Selbstreferenzialität gegenseitig und können, sobald ein schönes Aufregerthema gefunden ist, innerhalb weniger Stunden lawinenartig eine große Zahl von Lesern und Kommentatoren rekrutieren.

Wer beispielsweise bei Google die Worte „Matt“ und „Klowand“ eingibt, hat Lesestoff für ein ganzes Wochenende. Mehrere Blogger hatten nämlich vor gut einem Jahr eine Kampagne der Werbeagentur Jung von Matt durch den Kakao gezogen („Du bist Deutschland“). Das ging nicht immer oberhalb der Gürtellinie ab. Der Agenturchef erfuhr davon und schrieb daraufhin eine E-Mail an seine Mitarbeiter, in der er Weblogs kurzerhand als „Klowände des Internets“ bezeichnete. Prompt wurde der Wortlaut dieser Rundmail in mehreren anderen Blogs kolportiert und kam innerhalb von Stunden als peinlicher PR-Bumerang zurück. Dass ausgerechnet in einer Werbeagentur Kommunikationspannen dieser Art geschehen, gab reichlich Anlass zur Häme und schwappte aus der Szene in andere Medien.

Die Blogosphäre spricht nicht deutsch

Trotzdem wird die nachhaltige Wirkung von Weblogs stark überschätzt, das Thema ist inzwischen durch und vergessen. Genau wie der Sturm im Wasserglas um den Krawalltexter „Don Alphonso“, der im Herbst 2006 dutzendweise Peinlichkeiten um das Gründerteam und die teils horrenden Sicherheitslücken der Studentencommunity „studivz.net“ an die Öffentlichkeit zerrte. Mancher in der Blogosphäre schrieb das Projekt schon tot; inzwischen hat sich die Holtzbrinck-Gruppe für einen zweistelligen Millionenbetrag die Mehrheit gesichert, studentische Nutzer melden sich weiterhin in Scharen an. Für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung gilt immer noch: Es wird nur wahrgenommen, was in der Zeitung steht oder im Fernsehen läuft. Die Mehrheit der Deutschen bekommt von der Blogosphäre schlicht nichts mit, da können die Blogger noch so in die Tasten hauen.

In anderen Sprachräumen sieht das schon etwas anders aus: Je ein Drittel aller Blogs werden auf Englisch oder Japanisch geführt, den dritten Platz belegt mit zehn Prozent bereits das Chinesische, der Rest verteilt sich auf die vielen übrigen Sprachen. Auf Deutsch ist gerade mal ein Prozent zu lesen, dafür legen die Deutschen umgekehrt einen beinahe überwältigenden Eifer bei der Mitarbeit am Lexikon Wikipedia an den Tag.

Nie angestrebtes Ziel erreichen

Die nahe liegende Frage lautet natürlich: Wer hat auf dieser Geröllhalde von Weblogs eigentlich einen Überblick? Die nur auf den ersten Blick beunruhigende Antwort lautet: Niemand! Am ehesten gilt noch www.technorati.com als Wegweiser. Technorati ist eine Art Trend-Seismograph der Blogosphäre. Hier werden sämtliche Diskussionen gescannt und indiziert. Die Startseite von Technorati zeigt, welche Themen gerade en vogue sind; die Volltextsuche nach einem Thema, welches den geneigten Leser interessiert, schickt ihn gezielt auf die Reise. Das Beruhigende an der Sache ist nämlich, dass es zu wirklich jedem Thema mindestens einen Menschen gibt, der darüber bloggt.

Und von da liest man weiter zum nächsten Blog und zum übernächsten - und stellt fest, dass man schnell irgendwo ist, wo man gar nicht hinwollte. Das nennt man auch „Serendipity“ - das zufällige Finden von etwas, das man ursprünglich gar nicht suchte, das sich aber als interessante Entdeckung herausstellt. Und Serendipity ist bis auf weiteres vermutlich eine der Hauptantriebsfedern im Web 2.0.

Vorläufer: Diskussionskultur im Usenet

Ganz neu ist das Phänomen, dass jeder bei allem mitquatscht, freilich nicht. Das meiste, was in Computernetzen stattfand, war genau besehen immer schon Kommunikation. Schließlich ist ja die ganze Idee des World Wide Web eine kommunikative, egal ob man seine ursprünglich geplante Funktion der einfachen Bereitstellung von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen betrachtet oder seine Funktion als Mittel zur Selbstdarstellung.

Lange bevor es Weblogs gab, existierte im Internet bereits eine Diskussionskultur, und zwar in den so genannten Newssystemen, von denen das bekannteste das Usenet ist. Das Usenet kann man sich als einen weltweiten Verbund von Servern vorstellen, worin es dem Internet ähnelt, nur dass diese Server vorrangig dazu dienen, Diskussionsforen zu verwalten. Es handelt sich gewissermaßen um eine gigantische Ansammlung von Schwarzen Brettern, die hierarchisch sortiert sind. Wer eine Frage zu einem bestimmten Thema hat, sucht sich zunächst ein passendes Schwarzes Brett, „Board“ genannt, und eröffnet dann einen Themenstrang („Thread“) mit einer zielführenden Überschrift und seiner Frage im Fließtext. Dies geschieht mit Hilfe eines Newsreaders; der bekannteste ist der „Forté Agent“ (unter http://www.forteinc.com/main/homepage.php downloadbar) Sobald die Frage veröffentlicht („gepostet“) ist, können alle anderen Teilnehmer des Usenet die Frage lesen, zumindest, wenn sie im betreffenden Board umherstreunen, und anschließend eine Antwort ins Netz stellen, die wiederum für alle lesbar ist.

Erfindung der Netiquette

Da Newssysteme wie das Usenet auf Serverredundanz basieren, geht darin üblicherweise nichts verloren. Eigene Beiträge kann man jedoch löschen. Naturgemäß versammelte sich im Usenet seit Mitte der achtziger Jahre ein bunt gemischtes, technik-affines Publikum. Es gab und gibt Newsgroups über Backgammon, Zahnmedizin, Rassismus, außergewöhnliche sexuelle Fetische, Kochrezepte und so fort. Im Usenet entstand auch die viel zitierte „Netiquette“, ein selbst auferlegter Verhaltenskodex, wie man sich online zu verhalten hat. Gemeinsam einigte man sich auf soziale, semantische, formelle und inhaltliche Standards. Dazu zählen die Vermeidung von durchgehender Großschrift, die als unmotiviertes Brüllen angesehen wird; zu beachten sind ferner bestimmte Höflichkeitsformen und der Verzicht auf Werbung oder Eigenwerbung. Teilnehmer, die diese Netiquette missachten, werden zurecht gewiesen oder am Ende ausgeschlossen.

Im Februar 2001 erkannte Google das Potential der alten Newsgroups, die aufgrund der technischen Gegebenheiten bisher nur einem auserwählten Kreis von Internetnutzern zugänglich waren. Die Betreiber der Suchmaschine kauften die Datenbestände des Usenet-Archivs Dejanews auf. Heute kann man unter http://groups.google.com bequem ein komplettes Usenet-Archiv per Volltextsuche durchsuchen. Auch können News und Themen nun ohne Newsreader veröffentlicht werden.

Was ist nun der fundamentale Unterschied zwischen Weblogs und Newsgroups? Weblogs sind streng aktualitätsgetrieben und extrem individualisiert. Newsgroups hingegen sind hierarchisch strukturiert, manchmal sogar ehrenamtlich moderiert, Themenabweichungen werden geächtet und es wird sehr auf bestimmte Standards geachtet, die den allgemeinen Weblog-Narzissmen und dem Selbstdarstellungstrieb im Web 2.0 diametral entgegen laufen. Wer fachspezifische Informationen ohne Brimborium sucht, also das Gegenteil von Serendipity, hat in Newsgruppe auch heute noch gute Chancen, fündig zu werden.

„Partizipativer Journalismus“ oder „Citizen Journalism“ ist der Versuch, die Leser in die Produktion von Texten einzubinden. Dies ist der dritte Versuch von FAZ.NET, Online- und Printproduktion miteinander zu verbinden. Bitte kommentieren Sie diesen Beitrag und schreiben Sie auf diese Weise an ihm mit. In der kommenden Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wird dieser Beitrag in einer ausführlichen, ergänzten Version erscheinen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AFP, Archiv, dpa, F.A.Z., picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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06.11.2009 | 23:59
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