Gebrauchte Software

„Machen Sie den reichsten Mann der Welt arm“

Von Tim Höfinghoff und Thiemo Heeg

Begehrte Scheiben

Begehrte Scheiben

21. Mai 2007 Wenn es um Bill Gates geht, gibt sich Peter Schneider alles andere als bescheiden. „Machen Sie den reichsten Mann der Welt arm“, fordert der Chef der Firma Usedsoft mit Blick auf den Microsoft-Gründer.

Schneiders Strategie: Er verkauft genau die Software, die Gates auch im Programm hat, unter anderem das Betriebssystem Windows und das Büropaket Office. Der kleine, aber feine Unterschied ist, dass Schneiders Software-Versionen schon einmal im Einsatz waren.

Bald ein Ladenhüter?

Bald ein Ladenhüter?

Usedsoft handelt mit gebrauchten Computerprogrammen, primär für Geschäftskunden, und verkauft sie mit einem Abschlag von 25 bis 45 Prozent auf den Neupreis. Jeder IT-Manager greift gerne zu, wenn eine Windows-XP-Version statt 120 Euro weniger als 100 Euro kostet.

Umsatz verdoppelt sich jährlich

Während die Computerbranche seit Jahren über sinkende Margen klagt, scheint sich das Geschäft mit gebrauchter Software zum Renner zu entwickeln. Nach Berechnungen des Beratungsunternehmens Experton Group summierten sich die Umsätze mit Secondhandprogrammen in Deutschland im vergangenen Jahr auf 30 Millionen Euro. Tendenz: stark steigend. „30 bis 40 Prozent Zuwachs pro Jahr sind möglich“, schätzt Axel Oppermann von Experton.

Neben Usedsoft werben Unternehmen wie USC, Susensoftware, Preo und 2ndsoft mit kräftigen Kosteneinsparungen von bis zu 50 Prozent bei Programmen nicht nur von Microsoft, sondern auch von Anbietern wie Adobe und SAP.

„Der Markt ist noch jung und in einer Aufbauphase“, sagt Axel Susen, Geschäftsführer von Susensoftware. „Aber wir verdoppeln jedes Jahr unsere Umsätze.“ Usedsoft-Chef Schneider zeigt sich ähnlich ambitioniert. Betrug sein Umsatz 2006 noch sechs Millionen Euro, sollen es heuer schon zehn Millionen sein. Und 100 Millionen Euro in fünf Jahren.

Juristisch unsicheres Terrain

Doch bei dem hochattraktiven Geschäftsmodell ist die Rechtslage alles andere als eindeutig. „Wer gebrauchte Software veräußert oder erwirbt, betritt juristisch unsicheres Terrain“, warnt Rechtsanwalt Joachim Gores von der Kanzlei Kümmerlein Simon & Partner. Nach seiner Ansicht sind die Risiken je nach Software und Version unterschiedlich.

Überschaubar seien sie beim Kauf von Computerprogrammen, die auf Datenträgern wie CDs oder DVDs ausgeliefert wurden. „Unzulässig ist jedoch der Erwerb von Software, die von der Website des Herstellers heruntergeladen wurde“, sagt der Anwalt. Und: „Der Erwerb von Nutzungsrechten aus einer sogenannten Volumenlizenz ist riskant.“ Dabei handelt es sich um Massenlizenzen für mehrere Arbeitsplätze, die vor allem Großeinkäufer mit Rabatt erhalten.

Mehr als einmal hat das Thema Softwarehandel schon deutsche Gerichte beschäftigt. Der Bundesgerichtshof urteilte im Juli 2000 gegen Microsoft. Der Konzern wollte verhindern, dass Programme, die nur zum Vertrieb mit einem speziellen neuen Computer gedacht sind (sogenannte OEM-Programme), getrennt von diesem Gerät weiterverkauft werden. Dieses Veto steht dem Hersteller nicht zu, urteilte der BGH damals; seitdem sind preisgünstigere OEM-Versionen etwa von Betriebssystemen wie Windows im Handel.

Lästige Konkurrenten

Doch die juristische Lage bleibt verworren. Gerichte haben im vergangenen und in diesem Jahr Urteile mit sehr unterschiedlichem Tenor gefällt. Das Landgericht München entschied zuletzt im März, dass online übertragene Lizenzen nicht weiterverkauft werden dürfen. In diesem Fall hatte der amerikanische Betriebssoftwarehersteller und SAP-Konkurrent Oracle die Firma Usedsoft verklagt.

Siegreich war Usedsoft dagegen beim Landgericht Hamburg. Danach ist der Weiterverkauf einzelner gebrauchter Lizenzen aus einem Volumenvertrag möglich, und zwar auch ohne Zustimmung des Herstellers.

Für die mächtigen Software-Konzerne ist das Vorpreschen der jungen Konkurrenten mehr als lästig - raubt es doch Einnahmen. Denn die gebrauchte Software ist im Unterschied etwa zu gebrauchten Autos genauso gut wie das neue Produkt: Kein Wunder, dass der Gebrauchthandel immer mehr das Neugeschäft ausbremst.

„Markt kann extrem groß werden“

Microsoft gibt sich gelassen - noch. „Es ist weniger als gedacht“, sagt Sprecher Heiko Elmsheuser, „aber der Markt dafür kann extrem groß werden.“

Der Marktführer meldet sich deshalb schon mal direkt bei Kunden, die bei Usedsoft & Co. gekauft haben. Man sei nicht pauschal gegen die Nutzung gebrauchter Software, heißt es, sondern wolle nur mal den Einzelfall prüfen. Doch die Drohung bleibt: „Wenn sich jemand querstellt, behalten wir uns rechtliche Schritte vor.“

München machts vor

Diese Strategie zeigt Wirkung: „Wegen der Kampagne von Microsoft fragen sich inzwischen viele Kunden, ob unser Geschäft überhaupt rechtens ist“, sagt ein Händler. Und doch kaufen immer mehr. Sogar Großfirmen lassen sich immer öfter von der günstigen Ware locken. Usedsoft etwa zählt Firmen wie O2, Rewe, Karstadt-Quelle und Edeka zu seiner Kundschaft. Sogar staatliche Stellen kennen keine Berührungsängste mehr. „Inzwischen fragen uns immer öfter Städte und Kommunen an“, berichtet USC-Geschäftsführer Peter Reiner.

Einer der Vorreiter war die Stadt München. Sie entschied sich Anfang dieses Jahres für 2000 gebrauchte Windows-2000-Lizenzen. Auch die Stadtverwaltung in Flensburg sucht derzeit nach gebrauchten Programmen. Das Einsparpotential ist schon anvisiert: „Mindestens 50 Prozent Rabatt“ für 500 gebrauchte Office-XP-Lizenzen sollten drin sein, heißt es in Flensburg.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.05.2007, Nr. 20 / Seite 31
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL, REUTERS

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